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Existiert Gott, muss er Katholik sein

Predigt-Slam Existiert Gott, muss er Katholik sein

„Ob Heilige, ob Ketzer“ - alle waren zum ersten offenen Predigt-Slam in die „Alte Mensa“ eingeladen. Passender Titel: „Das Konzil.“

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Gut gefüllt war der Saal in der „Alten Mensa“ beim ersten offenen Predigt Slam.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Luke Skywalker trifft auf den Papst und ein Berliner mit afrikanischen Wurzeln, der in Dortmund geboren ist, auf einen bayrischen Polizisten. Es gibt textlich alles vom Agnostiker in Bezug auf nackte Maulwürfe bis hin zum Koitus interruptus zu hören, Sonderpunkte fürs Outfit und fernab der Bühne ein halbes Jahr Fegefeuer-Erlass für den Freiwilligen, der die Fenster schließt. Halleluja und herzlich willkommen beim ersten Marburger Predigt-Slam.

Was das ist, erklärten die beiden Veranstalter Bo Wimmer und Ludovika Lübeck zu Beginn: „Wie ein Poetry-Slam, nur irgendwie ein bisschen mit Weltanschauung.“ In der ersten Runde, zu der sieben Slammer angetreten waren, verteilten fünf Besucher als waschechte „Inquisition“ Punkte von 1 bis 10. Allein die Einführung der beiden Gastgeber war den Ablass für den Abend wert. Fünf Punkte? „Also, der darf sicher nicht mein Kind taufen oder meine Mutter exorzieren, aber Respekt, ich hab mich nicht gelangweilt.“

Jede Menge „Respekt“ gab es für jeden Slammer des Abends. Zum ersten Mal fand damit in Marburg - sozusagen dem Taufbecken des Predigt-Slams - eine offene Bühne statt.

Bereits 2009 entwickelten Bo Wimmer und der Lehrbeauftragte für praktische Theologie an der Philipps-Universität Professor Thomas Erne zusammen die Idee, das Prinzip des Poetry-Slam auf die Homiletik (die Lehre von der Predigt, ihrer Form und Darbietung) zu übertragen: Mit einem Text vor ein Publikum oder mit einer Predigt vor eine Gemeinde zu treten, das ist schließlich etwas ganz Ähnliches.

Nachdem bereits mehrere Predigt Slams während des homiletischen Seminars stattgefunden haben, wollten Bo Wimmer, Slam Poet und selbst „großer Fan der Predigt“, wie er von sich selbst sagt, und Slammerin Schrägstrich Theologin Ludovika Lübeck nun einen komplett offenen „Predigerwettstreit“ veranstalten.

Wobei natürlich nicht nur Prediger eingeladen waren. Im Teilnehmerfeld: eine Pastorin, drei Theologie-Studenten und drei Poetry Slammer. Die Pastorin Friederike Erichsen-Wendt musste sich genau wie Carolina Rummel im Finale der besten drei schließlich Temye Tesfu aus Berlin, einem der besten Slam-Poeten Deutschlands, geschlagen geben. Der Applaus entschied. Auch wenn Tesfu in seinem ersten Beitrag darüber sinniert hatte, was man wohl für 40 Dezibel Beifall in einem Supermarkt bekommt - von wegen, ein Künstler lebe vom Applaus.

Bis zum Finale „viel am Blut Christi genippt“

Und auch wenn er zum Zeitpunkt des Finales nach eigenem Bekunden „schon viel am Blut Christi genippt“ hatte, begeisterte er die rund 60 Besucher des Slams.

„Klar weiß ich, wie meine Heimat heißt, aber - was das heißt?“ Das Thema Heimat kam ebenso wie die aktuelle Flüchtlingsproblematik oder unser Verständnis von weiblicher Schönheit in den Texten vor.

Peter Janicki erzählte eine „wahre Geschichte“ von seiner aus Polen ausgewanderten Familie, Vladimir Ebert belegte, dass, wenn Gott existiert, er Katholik sein muss, Grischa Baumann stellte die Frage „Wer bist Du?“ (wobei die Antwort „ein Kind Gottes“ lautet) und das „Team Papst“ (Björn Bitterlich und Markus Rakete) inszenierte ein mit Bibelzitaten gespicktes Aufeinandertreffen von Papst Franziskus und seinem Amtsvorgänger.

Am Beginn des Abends hatte Ludovika Lübeck prophezeit, am nächsten Sonntag gehe die Welt unter, „nach drei Zeichen geht die Party los“. Und der ganze Abend erwies sich voller Zeichen. Oder sollte es Zufall sein, dass „Das Konzil“ am selben Tag wie die Leipziger Disputation anno 1519 oder die Ernennung von Josef Ratzinger zum Kardinal vor 39 Jahren stattfand?

Fortsetzung des „Konzils“ ist dringend erwünscht

Eine der Jury-Freiwilligen stammte zudem ausgerechnet aus Kärnten - dem österreichischen Bundesland, wo man am 27. Juni den Gedenktag der Schutzpatronin Hemma von Gurk begeht. Auch wenn diese Ballung an Zeichen einmalig gewesen sein dürfte - eine Fortsetzung des „Konzils“ ist dringend erwünscht.

von Nadja Schwarzwäller

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