Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Ex-Politiker: Schmierer härter bestrafen

Graffiti Ex-Politiker: Schmierer härter bestrafen

Wut über die Verschandelung des Stadtbilds: Ein Marburger hat eine Foto-Dokumentation über Hunderte Farbschmierereien in der Innenstadt erstellt. Die Behörden fordert er zum härteren Durchgreifen auf.

Voriger Artikel
Mirtscho Wehmeyer ist neuer Wehrführer
Nächster Artikel
Linke kritisieren „geheime Verschlusssache“

Einer von mehreren Schmier-Schwerpunkten: das Unigebäude in der Firmaneistraße.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Besprühte Fassaden, Kritzeleien auf Garagen, Krakeleien auf Sitzbänken und an Bushaltestellen sowie Laternenmasten: Als Friedrich Blackkolb neulich durch seine Marbacher Nachbarschaft spazierte, traute er seinen Augen kaum. „Diese hässlichen Zeichnungen ziehen sich durch den halben Stadtteil“, sagt der 76-Jährige. Und ihr Stil war immer gleich, wie eine Signatur. Der ehemalige Behringwerke-Biologe erkannte ein Muster, forschte nach, erstattete Anzeige – einige Tage später wurde ein Student beim Sprayen auf frischer Tat ertappt.

Wut über die Verschandelung des Stadtbilds: Ein Marburger hat eine Foto-Dokumentation über Hunderte Farb-Schmiereien in der Innenstadt erstellt. Die Behörden fordert er zum härteren Durchgreifen auf.

Zur Bildergalerie

Die Schmierereien in der Marbach nahm Blackkolb zum Anlass, eine Dokumentation über das Stadtbild in Marburgs Zentrum zu erstellen. Auf 128 Fotos sind Hunderte Schmierereien zwischen Ketzerbach, Oberstadt, Weidenhausen und Ockershausen abgebildet. „Eine Sammlung des Schreckens“, sagt er. Und Blackkolbs Dokumentation zeigt nicht mal das ganze Ausmaß, einige Schmier-Schwerpunkte wie etwa die Lutherstraße oder Wilhelm-Röpke-Straße ließ er außen vor.

Schmierereien

Hat sich das Marburger Stadtbild in den vergangenen Jahren verschlechtert?

 
 

„Ginge es Aktivisten dabei ja um irgendein gesellschaftliches Thema, ein Ziel, wäre das ja noch etwas anderes. ‚Refugees Welcome‘ oder so. Aber die Mehrzahl ist keine Kunst, meistens sind das eben keine politische Anliegen, sondern einfach nur primitive, rücksichtslose Schmotzereien“, sagt Blackkolb, der in den 1980er-Jahren für die FDP in der Stadtverordnetenversammlung saß und jahrelang im Ortsbeirat Marbach aktiv war. Seine Aufzeichnungen hat er dem Magistrat ebenso übergeben wie Denkmalschützern. Und auch andere Marburger Bewohner beklagten im vergangenen Jahr eine Zunahme von Schmierereien auf ihren Wohnhäusern. „Das eine sind ärgerliche Dumme-Jungen-Streiche, aber was in der Lutherstraße immer wieder passiert, ist geplant, wiederkehrend und hat einen politischen Hintergrund. Das ist ziemlich dramatisch“, sagte Christopher Moss von der Bürgerinitiative Oberstadt. Fassaden, Denkmäler, Stromkästen: „Alles wird ständig beschmiert, egal ob in Kugelgasse, Barfüßerstraße oder rund um den Marktplatz“, sagte er.

Bewohner, Uni, Stadt: Teure Farbentfernung

„Lasst das Germania-Haus brennen“, „Nazivilla dichtmachen“, „Burschis aufs Maul“ – das steht trotz mehrfacher Entfernung immer wieder auf der Sandsteinmauer des Hauses Lutherstraße 9. Sebastian Schroeder hat das Ende des 19. Jahrhunderts gebaute und vom Verfall bedrohte Haus vor mehr als zehn Jahren saniert. Er ist genervt von den „ständigen und sehr kostspieligen Reinigungen“ der Sandsteinmauer, die auf seinem Grundstück an der Gabelung zu den Studentenverbindungen steht.

Einen Schaden von 40 000 Euro richteten Ende April Unbekannte an, als sie Häuser am Rotenberg, in der Lutherstraße, am Hainweg, Friedrich-Siebert-Weg und in der Landgraf-Philipp-Straße beschmierten und Scheiben einwarfen.
Vor einigen Wochen wurden zudem die kunstvollen Landschaftsbilder in der Passage zum Oberstadt-Aufzug teilweise übermalt. Und nicht nur in der Oberstadt, auch in Weidenhausen sind historische Gebäude und altes Gestein verunreinigt. „Was das für Schäden anrichtet! Und keiner in der Stadt kümmert sich drum, obwohl die Schwerpunkte bekannt sind“, sagt Blackkolb. Die Verschandelung werde stattdessen als natürliche Begleiterscheinung für das Leben in einer Universitätsstadt hingenommen. „Wo sind die Debatten über dieses Thema, geschweige denn die Handlungswilligkeit? Es fehlt der Politik am Willen, den Bewohnern am bürgerlichen Bewusstsein, dass das hier ihre Stadt ist.
Eine Stadt, die nicht nur aus Studenten besteht.“ Die einstigen Ambitionen, Marburg zu einem Weltkulturerbe zu machen, seien angesichts der Schmier-Wut „absurd, geradezu lächerlich“.

Kameras gibt es nur im Oberstadtaufzug

Philfak, CNMS am Firmaneiplatz, Hörsaalgebäude: Vor allem Universitätsgebäude sind verunstaltet. „Das gibt kein schönes Erscheinungsbild ab. Jede Farbschmiererei wird konsequent zur Anzeige gebracht“, sagt Andrea Ruppel, Universitäts-Sprecherin, auf OP-Anfrage. In den vergangenen Jahren seien 16 beziehungsweise 17 Anzeigen wegen Sachbeschädigung gestellt worden, die Beseitigung geschehe stets so schnell wie möglich. Problem: Vor allem rund um die Philfak bringt die Entfernung nichts, „wir haben die Erfahrung gemacht, dass sofort wieder neue Schmierereien angebracht werden“, sagt Ruppel.Die Entfernung von Schmierereien koste die Hochschule jährlich mehrere Tausend Euro.

Oberstadt,  Erlenring, Ortenbergsteg: Die Stadtverwaltung, die nach eigenen Angaben bis zu 15 Farbschmier-Fälle pro Jahr registriert, gibt jährlich zwischen 10 000 und 15 000 Euro für deren Beseitigung aus. 18 Anzeigen wurden 2015 gestellt – man lege aber Wert darauf, dass es viele kunstvolle Malereien, also Graffitis gebe, die eben keine Schmierereien seien. Kameras zur Verhinderung solcher Sachbeschädigungen gebe es nur im Oberstadtaufzug oder Aquamar, dauerhafte Schutzsysteme wie etwa am Bazillensteg seien teuer und böten keinen hundertprozentigen Schutz. Und: Durch die Schutzschicht verändere sich zum einen die Oberfläche, zum anderen werde die Schutzschicht nach jeder Entfernung von Farbe angegriffen und benötige irgendwann eine Auffrischung. Grundsätzlich: „Aufgrund der hohen Kosten muss stets abgewogen werden, ob die zur Verfügung stehenden knappen Haushaltsmittel nicht sinnvoller in dringendere Maßnahmen investiert werden sollten“, heißt es auf OP-Anfrage.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr