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Europa-Tour mit Stopp an der Lahn

Gastfreundschaft Europa-Tour mit Stopp an der Lahn

„Mi casa es tú casa - mein Haus ist dein Haus“, sagen die Latinos und meinen es auch. Linda Marlen hat das zwei Jahre lang in ­Mexiko erlebt. Jetzt kann sie sich revanchieren

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Von hinten nach vorne: Daniel, Linda, Isaac, Eder. Weder Poncho, noch Sombrero oder Tequila hat Eder mitgebracht. Aber als ihm am Sonntag kalt wurde, kramte Christa Runge diese Mexiko-Souvenirs heraus. Klischee-Olé dachte sich Eder schlüpfte zum ersten Mal in seinem Leben in das mexikanische Pendant zur deutschen Lederhose.Fotos: Thomas Strothjohann

Quelle: Thomas Strothjohann

Dagobertshausen. „Mi casa es tú casa - mein Haus ist dein Haus“, sagen die Latinos und meinen es auch. Linda Marlen hat das zwei „Hast Du deinem Opa gesagt, dass wir verhungern?“, fragt Isaac. Linda lacht sich kaputt. Sie brauchte ihrem Opa nichts zu sagen. Der wusste auch so, dass Mexikaner deutsches Grillgut mögen. Vor allem „la famosa salchicha Alemana“ ist ihnen ein Begriff.

Vier lateinamerikanische Musiker zum Sonntagsgrillen auf der Terrasse - der Kulturschock hätte in Dagobertshausen kaum kleiner ausfallen können. Christa und Wolfgang Runge, Lindas Großeltern, haben von 1967 bis 1974 selber in Mexiko gelebt. Sie sprechen Spanisch und halten die Erinnerung an diese Zeit mit Souvenirs in ihrem Haus in Dagobertshausen wach. Sogar Tequila gibt es noch: „Der ist über 40 Jahre alt - ich habe noch ein ganzes Fass davon“, ermuntert Wolfgang Runge seine Gäste.

Der Poncho ist die mexikanische Lederhose

Während er damals für seinen Arbeitgeber Behring nach Mittelamerika reiste, ging seine Enkelin 2011 für die Musik. Doch den ersten Kontakt gab es schon viel früher auf einem Konzert im KFZ. „Tito & Tarantula“ spielten in Marburg. Linda musste sie sehen - seitdem sie Robert Rodriguez‘ Kultfilm Desperado gesehen hatte, war sie ein Fan der Band. Die Musiker live in ihrer Heimatstadt zu sehen war schon cool, aber dann geschah das Unglaubliche: Die damals 22-Jährige lernte den Gitarristen und Komponisten der Band Steven Medina Hufsteter kennen. Hufsteter lud sie ein, mit ihm nach Mexiko zu reisen und da traf sie zum ersten Mal auf Eder. „Wir haben wohl fünf Minuten gesprochen, aber ich kann mich kaum noch dran erinnern - sie war etwas ernst, glaube ich“, erinnert sich Eder. Heute sitzt er gut gelaunt im Mariachi-Kostüm auf einer Terrasse in Dagobertshausen, isst eine Bratwurst und blickt hinunter auf die blühenden Apfelbäume im Garten. Auch wenn Eder aus Mexiko kommt - Poncho und Sombrero trägt er genauso selten wie der Durchschnittsmarburger Lederhose und Filzhut. Doch als Eder begann zu frieren, ließ sich Christa Runge den Spaß nicht nehmen.

Schauspielerei und Musik statt Supermarktkasse

Zwischen dem ersten Treffen von Linda und Eder liegen rund sechs Jahre: Nach dem schüchternen „ernsten“ Händeschütteln trafen sich die beiden online beim Facebook-Vorgänger Myspace wieder. Sie stellten fest, dass sie beide Musik machten und ähnliche Musik mochten: „Lejana“ war geboren. Der Bandname bedeutet auf Deutsch „fern“ - passt also gut zu einer Band, die das erste Jahr nur im Internet zusammen Musik machen konnte. Doch „irgendwann wurde mir das Ganze zu digital“, sagt Linda. Sie packte ihren Rucksack und zog nach Mexiko zu ihren Bandfreunden. In den folgenden zwei Jahren wuchs „Lejana“. Sie spielten in Clubs und auf großen Festivals wie dem Rock Sinaloa, mit Bands wie „La Barranca“ und „Radaid“.

2012 kehrte Linda zurück nach Berlin. Aber sie war sich sicher, dass sie nicht mehr an der Supermarktkasse arbeiten oder studieren wollte. Auf ihren Konzerten und über Hufsteter, der bis heute ihr bester Freund ist, hatte sie Zugang zur Filmszene bekommen. Und den ernst gemeinten Tipp, es mal als Schauspielerin zu versuchen.

Zurück aus Berlin bekam Linda dann tatsächlich eine Rolle: In der RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ war sie von da an die rebellisch-lesbische Anni Brehme.

„Anni ist halt gar nicht wie ich. Ich habe auch nie GZSZ geschaut, aber die Arbeit macht wirklich Spaß“, sagt Linda. Die Kombination ist schon komisch: Ausgerechnet die Rolle im RTL-Frühabendprogramm versetzt Linda heute in die Lage, ihr Independent-Bandprojekt weiterzuentwickeln. „Es ist so toll, dass ich die Jungs herholen konnte. Die haben mich in Mexiko zwei Jahre bei sich wohnen lassen - haben das Land teilweise noch nie verlassen. Und jetzt sind sie hier in Marburg“, freut sich Linda.

Weiterreise in die Schweiz

Nebenbei macht sie ein bisschen Kulturerziehung in eigener Sache: „Es ist total geil, Leuten, die sonst nur Mainstream gewohnt sind, mal was anderes zu zeigen.“ Lindas Prominenz hat beim Marketing für die „Lejana“-Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz natürlich geholfen. Aber auch beim Publikum, das Linda nicht aus dem Fernsehen kannte, kam die Band gut an: „Lejana“ trat bei den ersten drei Konzerten in Berlin, Hannover und Essen als Vorband der niederländischen Sängerin Anneke van Giersbergen auf - und konnte auch deren Fans mitreißen.

Nach drei Konzerten ist Ruhetag in Marburg - dann geht es weiter in die Schweiz. Aber Lindas Heimatstadt an der Lahn hat einen guten Eindruck hinterlassen: „Das Städtchen ist wunderschön - wie man sich so ein deutsches Dorf eben vorstellt: Mit Schloss und Fachwerkhäuschen. Marburg ist ein bisschen wie Guanjuato - auf Deutsch halt“, sagt Eder. Und wer Mexiko City und andere belebte Städte in Mexiko kennengelernt hat, verzeiht dem Musiker auch, dass er Marburg ein „Dorf“ nennt.

  • Musik von „Lejana“ können Sie sich unter lejanamusic.com anhören. Das erste Album „Lejana“ gibt es auch bei iTunes.
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