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"Es war ein absoluter Monstersturm"

Taifun auf den Philippinen "Es war ein absoluter Monstersturm"

Durch den Taifun ist auf den Philippinen vielerorts der Strom ausgefallen - es ist kaum möglich, im Unglücksgebiet anzurufen. Für viele in Deutschland lebende Filipinos bedeutet das quälende Ungewissheit.

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Eine philippinische Familie steht nach dem Taifun in den Überresten ihres Hauses. Die einfachen Häuser konnten der Gewalt des Sturms nicht standhalten. Foto: Jay Rommel Labra

Quelle: Jay Rommel Labra

Marburg. Marico Engel ist aufgewühlt. Seit fast zwei Tagen hat die Marburgerin, die im Ausländerbeirat sitzt und auf den Philippinen aufgewachsen ist, nichts mehr von ihrer Familie gehört. „Die letzte Nachricht von meiner Schwester kam Samstagnacht. Sie schrieb, dass meine Familie unverletzt ist. Aber seither bekomme ich keine Verbindung“, berichtet Engel. Die Marburgerin stammt von der Insel Panay, wo der Taifun „Haiyan“ schwere Verwüstungen hinterlassen hat. Jetzt bangt sie um ihre Verwandten, denn sie weiß nur, was sie im Fernsehen und Internet gesehen hat: Dass es Wellen gab, die hoch wie Kokosbäume waren; dass Gebäude, Straßen, Flughäfen und die Stromversorgung zerstört sind; dass hunderte Menschen ums Leben gekommen sind.

Leichtbauhäuser halten dem Sturm nicht stand

Wie Marico Engel geht es in Deutschland vielen Menschen, die Verwandte und Bekannte auf den Philippinen haben. Eine Bekannte der Marburgerin, die aus einer besonders schlimm betroffenen Region kommt, könne auch ihre Familie nicht erreichen, berichtet Engel. „Fast jeder Filipino hat Verwandte oder Freunde in der Region, durch die der Taifun gezogen ist“, sagt die Marburgerin.

Der Zusammenbruch von Stromversorgung und Telefonleitungen bedeutet nicht nur für Verwandte und Freunde quälende Ungewissheit, er stellt auch Hilfsorganisationen vor Probleme. Immanuel Jacobs von der Marburger Hilfsorganisation Terra Tech, die auf den Philippinen schon mehrfach Projekte organisiert hat, sagt ebenfalls: „Die Kontaktaufnahme ist nicht leicht.“

Mit seinen Kontaktpersonen kann er allenfalls kurze Telefonate führen - oder es schreibt jemand hastig eine E-Mail, wenn gerade für kurze Zeit der Strom wieder da ist.

Was Jacobs bisher erfahren hat, bestätigt die Medienberichte von gewaltigen Zerstörungen: „Die Menschen haben dort viele Leichtbauhäuser, die sind zusammengebrochen.“ Wegen der Armut in dem Land wohnten viele Menschen in Holz- oder Blechhütten, die einer Katastrophe wie dieser nicht standhielten, berichtet Jacobs. „Die Leute, die in Betonbauten flüchten konnten, haben es gut überstanden, aber ihre Häuser sind jetzt zerstört. Gerade ältere Menschen, die nicht schnell weg konnten, sind unter den Häusern begraben worden.“

„In diesem Ausmaß habe ich das noch nicht erlebt“

Engel und Jacobs sind sich einig in der Einschätzung, dass „Haiyan“ deutlich stärker war als andere Taifune. „In meiner Schulzeit haben wir uns über Taifune immer gefreut, weil dann schulfrei war“, erinnert sich Engel. Pro Jahr gebe es etwa 20 Taifune auf den Philippinen, „aber in diesem Ausmaß habe ich das noch nie erlebt. Wahrscheinlich hat das mit der Erderwärmung zu tun.“

Jacobs spricht angesichts der enormen Windgeschwindigkeiten von mehr als 300 Stundenkilometer von einem „absoluten Monstersturm“. Die hohen Wellen, die weit ins Land hineingeschleudert wurden, erinnerten ihn an einen Tsunami.

Die Hilfsorganisation Terra Tech hat nun Kontakt aufgenommen zu einem Ärzteteam auf den Philippinen. Mit Hilfsgeldern will Terra Tech zunächst dafür sorgen, dass Verletzte in noch funktionierende Krankenhäuser gebracht werden und operiert werden können. Zudem sollen Grundnahrungsmittel gekauft werden für Menschen, die durch den Taifun nichts mehr zu essen haben. „Es gibt Gott sei Dank vor Ort noch vieles zu kaufen, das ist anders als in Afrika, wo man oftmals die Hilfsgüter kaum bekommen kann“, sagt Jacobs.

Wenn diese „Basishilfe“ abgeschlossen ist, gehe es darum, dass beim Wiederaufbau sicherer gebaut wird, „damit beim nächsten Taifun nicht wieder alles durch die Gegend fliegt“, so Jacobs.

Marico Engel hofft zunächst, dass sie endlich erfährt, dass ihre Familie immer noch wohlauf ist. „Ich kann nur hoffen, dass es noch so ist wie bei der letzten Nachricht am Samstag - das wäre beruhigend.“

von Stefan Dietrich

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