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„Es war die dunkelste Episode meines Lebens“

Aus dem Gericht „Es war die dunkelste Episode meines Lebens“

90 Arbeitsstunden für eine gemeinnützige Einrichtung: So lautete das Urteil von Richter Dominik Best im Strafprozess, bei dem sich eine Marburgerin wegen mehrerer Straftaten zu verantworten hatte.

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Quelle: Thorben Wengert / Pixelio

Marburg. Diebstahl in vier Fällen, Beleidigung eines Polizeibeamten und Körperverletzung. Die Angeklagte bekannte sich in allen Anklagepunkten schuldig. Aber erst nachdem sie  zu ihrem eigenen Strafprozess zu spät gekommen war.

Der Verhandlungsbeginn verzögerte sich um zehn Minuten, denn sowohl von der Angeklagten als auch vom Großteil der Zeugen fehlte zum festgesetzten Termin jede Spur. Lediglich der Polizeibeamte, der zum Delikt der Körperverletzung Angaben machen sollte, war erschienen. Richter Best war drauf und dran, die Polizei zu verständigen, um die Angeklagte auf dem Dienstweg holen zu lassen. Eben in diesem Augenblick betrat die Angeklagte den Gerichtssaal, begleitet von einem Freund. Dieser war gleichzeitig Zeuge, da er zur Tatzeit der vorgeworfenen Körperverletzung im Beisein der Angeklagten war. Die Frau nahm auf der Anklagebank Platz, ohne Verteidiger an ihrer Seite. Der Rest der Zeugen blieb der Verhandlung fern.

Die 34-Jährige zeigte sich ­kooperativ, gestand die Diebstähle von zumeist hochprozentigem Alkohol in vier verschiedenen Marburger Lebensmittelläden. Alle Diebstähle verübte sie am 8. Juni 2014. Bei einem dieser Diebstähle war sie vom Ladendetektiv gestellt worden, der umgehend die Polizei alarmierte.

Problematische Familienverhältnisse

Die ermittelnden Beamten fanden im Besitz der Angeklagten die Waren, die sie in den drei anderen Lebensmittelgeschäften entwendet hatte. Einen der Beamten beleidigte die Angeklagte aufs Gröbste. Beim Polizeibeamten habe sie sich bereits entschuldigt und bereue ihre Taten zutiefst. „Es war die dunkelste Episode meines Lebens!“, erklärte die Angeklagte mit gesenktem Kopf und zitternden Händen.
Sie berichtete von Erwerbslosigkeit, Depressionen und von der Krebserkrankung ihrer Mutter. Diese Situation habe sie versucht „in Alkohol zu ertränken“ die Sorgen mit Alkohol zu bewältigen, den sie aufgrund ihrer prekären finanziellen Situation rechtswidrig an sich brachte - die Angeklagte lebt von staatlicher Grundsicherung.

Teil der „dunkelsten Episode“ war auch der Anklagepunkt der Körperverletzung: Der Marburgerin wurde zur Last gelegt, im Dezember 2013 ihrem ehemaligen Lebensgefährten, der als Zeuge geladen worden war aber zur Verhandlung nicht erschien, während eines Streits Reizgas ins Gesicht gesprüht zu haben, als dieser die Angeklagte vor ihrer Wohnung aufsuchte.
Was genau vor der Wohnung der Angeklagten passiert war, konnte aufgrund der Abwesenheit des Geschädigten nicht rekonstruiert werden. Laut der 34-Jährigen habe sie ihr Ex-Freund ins Gesicht geschlagen, woraufhin sie das Reizgas gegen ihn einsetzte.

Danach war es zu Handgreiflichkeiten zwischen dem Ex-Freund und dem Freund der Angeklagten gekommen.
Das Verhalten des ehemaligen Lebensgefährten sei laut der Angeklagten kein Einzelfall. Schon häufiger habe er sie aufgesucht, an ihre Wohnungstür gehämmert und den „reinsten Psycho-Terror“ veranstaltet. „Er hat mich auch geschlagen, als ich ihm unmissverständlich klar gemacht habe, dass zwischen uns nichts mehr läuft.“ Allerdings hatte die 34-Jährige keinen Arzt aufgesucht und somit auch keine Beweise für die Verletzungen.

Angeklagte reagiert erleichtert auf Urteil

„Da Sie kein Geld haben, was man Ihnen wegnehmen könnte, und da Sie sich heute entsprechend präsentiert haben, kann ich eine Arbeitsstundenauflage gerade noch vertreten“, erläuterte die Staatsanwaltschaft. Gleichzeitig machte die Anklage jedoch deutlich, dass sie hier schon „eineinhalb Augen“ zudrücke. Richter Best stimmte den Ausführung des Staatsanwaltes zu.
Die 90 Arbeitsstunden sind von der Angeklagten über einen viermonatigen Zeitraum in einer gemeinnützigen Marburger Einrichtung abzuarbeiten. Entscheidend für das Urteil war auch, dass sich die Angeklagte seit dem letzten Vorfall nichts mehr zu schulden hat kommen lassen, keine Vorstrafen hat und nach eigenen Aussagen auch dem Alkohol abgeschworen hat.
 Die Erleichterung stand der 34-Jährigen ins Gesicht geschrieben, als Richter Best sie entließ.

von Benjamin Kaiser

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