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Es sah aus wie im Packeis am Nordpol

Winter Es sah aus wie im Packeis am Nordpol

Glaubt man den Wetterforschern, dann gibt sich der Winter noch nicht geschlagen. Anlass für einen Rückblick in eine Zeit, als der Winter noch ein richtiger Winter war.

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Blick auf Marburgs „Klein-Venedig“: Im Winter 2010/2011 war die Lahn ebenfalls zugefroren.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Winter 1946/1947 war nicht nur gefühlt der härteste und längste in meiner Erinnerung. Es war ununterbrochen Frost von Mitte November 1946 bis weit in den März hinein. Die Lahn war stellenweise bis auf den Grund gefroren, es gab auch Schnee in rauen Mengen, also ein Winter wie aus dem Bilderbuch.

Noch am Vorabend meiner Konfirmation am 23. März 1947 waren wir auf dem Eis an der Weidenhäuser Brücke, aber nicht nur wegen Schlittschuhlaufens, sondern weil die Mädchen, also unsere Mitkonfirmandinnen, auch sehr präsent waren. Für uns 13- bis 14-jährige Jungen eine willkommene Gelegenheit, erste Kontakte zur holden Weiblichkeit aufzubauen. Ein sehr angenehmer Zusatznutzen dieses Winters.

In den ersten Tagen des April 1947 gab es über Nacht Tauwetter, was zur Folge hatte, dass das Eis aufbrach und sich riesige Eisschollen an der Weidenhäuser Brücke stauten. Bis zum sogenannten „Biegen“ an der Uferstraße sah es aus wie im Packeis am Nordpol. Die sich übereinanderschiebenden Eisschollen machten ein Geräusch, das einem angst und bange werden konnte. Das Eis schob sich im Lauf der Tage immer höher, fast bis zum Geländer, sodass die Stadtoberen fürchten mussten, dass die Steinbrücke dem Druck nicht mehr standhalten würde. Irgendwann haben dann Pioniere der U.S. Army die Eismassen gesprengt, sodass die Schollen abfließen konnten. Trotzdem wurden zwei Holzbrücken, eine am Schülerpark und die andere im Südviertel in der Nähe der Jägerkaserne, weggeschwemmt.

Dieser Winter war nicht nur sehr kalt, sondern auch sehr schneereich, was dazu führte, dass sich bei uns in Weidenhausen die Schneemassen links und rechts der Bürgersteige zwei Meter hoch auftürmten. Die Straße war damals noch in beide Richtungen befahrbar, aber es waren eigentlich nur Pferdefuhrwerke, die irgendwann keinen Platz mehr hatten.

Also mussten die Weidenhäuser ran. Mit Spitzhacke und Schaufel wurden die hartgefrorenen Eismassen zerkleinert, für die Erwachsenen trotz Kälte eine schweißtreibende Arbeit. Wir Kinder hatten wie jeden Winter die Aufgabe, mit dem Schlitten, auf dem eine große Zinkwanne befestigt war, das losgehackte Eis durch die Wehrgasse auf dem Wehr abzukippen, wo es dann über Wochen abgeschmolzen ist.

Nach Eis und Schnee kam das Jahrhunderthochwasser

Das Jahr 1947 war noch nicht alt, doch die nächste Katastrophe bahnte sich schon an. Es folgte das sogenannte Jahrhunderthochwasser. Das Ohmrückhaltebecken gab es noch nicht, das Wasser stieg und stieg, und dann, nicht ganz unerwartet, brach der Trojedamm gleich an zwei Stellen. Einmal da, wo heute die Mensa steht, zum Zweiten dort, wo sich heute die Freifläche des Aquamar befindet. Ganz Marburg unter Wasser. Uni-Stadion, Krummbogen, alle sich dort befindenden Schrebergärten, bis an den Bahndamm eine einzige Wasserwüste.

Direkt vor der Hirsemühle am Wehr lief die braune Brühe zehn Zentimeter hoch über die Dammkrone. In Weidenhausen war der Wasserpegel ein paar Tage lang 50 bis 70 Zentimeter hoch. Alle Keller vollgelaufen. Für die Erwachsenen eine einzige Tragödie, für uns Kinder war es ein Riesenspaß: Mit selbstgebauten Bötchen paddelten wir durch Klein-Venedig, ein unvergessliches Erlebnis!

  • Unser Autor Franz Becker (Foto: Michael Arndt) wurde am 9. Juni 1933 in Marburg geboren. 1964 übernahm er in Weidenhausen die Metzgerei, die dort seit 1930 bereits sein Vater geführt hatte. 1990 ging Becker in den Ruhestand. Bekannt ist er als streitbarer Querdenker, der mit seiner Meinung zu aktuellen politischen Themen nicht hinterm Berg hält.

von Franz Becker

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