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„Es ist trotzdem immer ein Arzt da“

Bereitschaftsdienst „Es ist trotzdem immer ein Arzt da“

Beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst für den Landkreis greifen neue Veränderungen. Die Zentrale am Hebronberg in Wehrda bleibt ab 1. April täglich bis Mitternacht besetzt. Am Wochenende entfällt der Nachtdienst.

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Die Marburger Hausärzte Dr. Barbara Froehlich und Dr. Hans-Helmut Meiß sind die Obleute für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst im Landkreis.

Quelle: Nadine Weigel

Wehrda. Aus der Sicht der Kreispolitik und vieler Patienten ist es vor allem eine neue Einschränkung, die die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in einem fünften und letzten Schritt ihrer Reform im Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) vollzieht. Davon zeugt die Diskussion der vergangenen Wochen, die sich in einer ausgedehnten Debatte im Kreistag und in Leserbriefen in der Zeitung niederschlug.

Fakt ist: Von ehemals vier Zentralen im Landkreis ist noch eine vorhanden, die Patienten müssen weitere Wege in Kauf nehmen und, wenn sie einen Hausbesuch benötigen, nach Vorgabe der KV im schlechtesten Fall bis zu sechs Stunden auf einen Hausarzt warten. Am Wochenende und an Feiertagen müssen sie nach Mitternacht ausweichen auf die Ambulanz im Diakoniekrankenhaus oder auf die Notaufnahme am Uni-Klinikum, denn ab 24 Uhr hat der ÄBD künftig immer geschlossen, in der Woche und am Wochenende.

Für die Wochentage bedeutet dies eine Verbesserung, denn die Zentrale hatte montags bis freitags bislang nur bis 23 Uhr geöffnet.

Hausbesuche durch den ÄBD gehen auch außerhalb dieser Zeiten - sie können vereinbart werden über eine Telefon-Hotline in Kassel (Rufnummer 116117), die die KV als „Herzstück“ der ambulanten Versorgung bezeichnet. Vier Ärzte für die Bezirke Ost, West, Nord und Süd stehen montags, dienstags und donnerstag für die Hausbesuche zur Verfügung von 18 bis 8 Uhr, mittwochs und freitags von 13 bis 8 Uhr, an Samstagen, Sonntagen, Brückentagen und Feiertagen jeweils rund um die Uhr.

Die Marburger Hausärztin Dr. Barbara Froehlich, Obfrau für den ÄBD, sieht es so: „Es ist trotzdem immer ein Arzt für die Patienten da.“ Die Praxis der vergangenen Monate habe gezeigt, dass die Versorgung ausreichend sei. „Wenn Patienten nachts kommen und unsere Zentrale ist nicht mehr besetzt, dann gehen sie einfach in die Ambulanz des Diakoniekrankenhauses.“ Beim Hausbesuchsdienst für den Landkreis habe sich gezeigt, dass das Aufkommen mit vier Ärzten zu stemmen sei. „Im flächenmäßig größeren Kreis Fulda macht das ein Arzt allein“, nennt Froehlich einen Vergleich.

Hausbesuchsdienst bis 2016 mit vier Ärzten besetzt

Acht bis zehn Hausbesuche in einer Wochenendschicht und bis zu vier in einer Nachtschicht seien dabei der Standard. „Es gibt auch mal 24-Stunden-Dienste mit 16 bis 20 Hausbesuchen, da muss man sich dann ranhalten“, sagt sie. Ob das zumutbar ist? „Ja klar“, sagt Froehlich, „das war früher auch nicht besser.“ Wie lange es dann dauert, bis ein Arzt beim Patienten eintrifft, das sei recht unterschiedlich, „es kann schon mal zwei, drei Stunden dauern“, sagt sie.

Was die Hotline in Kassel angeht, gibt sie Patienten mit auf den Weg, dort nur anzurufen, wenn es tatsächlich um Hausbesuche oder eine ärztliche Einschätzung geht und nicht etwa, um sich nach den aktuellen Wartezeiten in der Zentrale in Wehrda zu erkundigen. „Das wissen die in Kassel nicht, wie groß der Andrang bei uns in Wehrda ist - dann einfach vorbeikommen“, rät sie.

Um auf die hausärztliche Versorgung außerhalb der Praxiszeiten einzuwirken, hatte der Kreistag der Kreisspitze Mitte Februar einen klaren Auftrag erteilt. Sie sollte der KV mitteilen, dass die nächtliche Versorgung rund um die Uhr sichergestellt sein müsse und dass die KV dafür Sorge zu tragen habe. Auf Nachfrage der OP berichtet Landrätin Kirsten Fründt (SPD), dass die Gespräche der Kreisspitze mit der KV nichts gebracht haben. „Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung sind aus unserer Sicht sehr schwierig und nicht von großer Kooperationsbereitschaft geprägt“, sagt sie.

Der Landkreis vesuche nun, zusammen mit dem Spitzenverband Hessischer Landkreistag zu erreichen, dass die Disposition des ÄBD zu den Zentralen Leitstellen der Landkreise verlagert wird. So lange der ÄBD von der KV sicherzustellen sei, habe der Landkreis nur ganz wenige bis gar keine Einflussmöglichkeiten. „Appellescheinen bei der Kassenärztlichen Vereinigung einfach abzuprallen, so dass erneutes und wiederholtes Anschreiben eines Landkreises vermutlich nichts bringen wird“, sagt die Landrätin. Der Landkreis, davon ist Fründt überzeugt, könnte die Aufgaben des ÄBD besser koordinieren. „Das gehört unserer Meinung nach in die Hand der Zentralen Leitstellen. Einerseits können ohne Zeitverzug lebensbedrohliche Situationen schneller und ohne Umwege erkannt werden. Andererseits kann so durch erfahrenes Personal der Zentralen Leitstellen eine Priorisierung der anstehenden Hausbesuche für die Ärzte des Hausbesuchsdienstes als Service angeboten werden“, führt sie ihre Vorstellungen aus.

Erschwerend kommt aus Sicht des Landkreises hinzu, dass die Kassenärztliche Vereinigung eine weitere Verringerung des Hausbesuchsdienstes plant - von vier auf zwei Ärzte. Dem hält ÄBD-Obfrau Froehlich entgegen, dass die Vierer-Besetzung im Hausbesuchsdienst von der KV gerade bis 2016 genehmigt worden sei. „Und danach werden wir darum kämpfen, dass es bei vier Ärzten im Besuchsdienst bleibt“, stellt sie klar.

Seit 2013 strukturiert die KV den ÄBD im Landkreis um. Die Zentralisierung sei erforderlich, weil über ein Viertel der hessischen Hausärzte 60 Jahre oder älter und somit auf Nachfolgersuche sei, heißt es. „Junge Ärzte wollen aber nur eine Praxis übernehmen, wenn sie selten Bereitschaftsdienste machen müssen“, erklärt die KV, dass die Reform für attraktivere Niederlassungsbedingungen sorge und somit dafür, „dass Patienten in ländlichen Regionen auch noch übermorgen einen Hausarzt in erreichbarer Nähe haben“.

Diese „erreichbare Nähe“ stellt sich mit der Bereitschaftsdienst-Zentrale in Wehrda in Entfernungen wie folgt dar: von Neustadt nach Wehrda rund 32 Kilometer; von Breidenstein nach Wehrda rund 31 Kilometer, von Ebsdorfergrund nach Wehrda rund 20 Kilometer. Die Zuständigkeit des ÄBD unterscheidet sich grundsätzlich vom Rettungsdienst, Telefon 112. Dieser ist zu rufen bei starken Herzbeschwerden, Bewusstlosigkeit, schweren Verbrennungen oder anderen akuten lebensbedrohlichen Symptomen.

von Carina Becker

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