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„Es ist eine humanitäre Katastrophe“

Flüchtlinge „Es ist eine humanitäre Katastrophe“

Tausende Zivilisten sind schon durch den Krieg im Jemen ums Leben gekommen. Trotzdem wird der Konflikt in Europa kaum wahrgenommen. „Es ist ein vergessener Krieg“, beklagt Ali Al-Shaikh, der aus dem Jemen stammt.

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Der Krieg trifft Kinder hart: Die Zahl der unterernährten Kinder im Jemen ist nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef seit März von 160 000 auf mehr als 500 000 gestiegen. Das Bild zeigt ein unterernährtes Kind in einem Krankenhaus in Sanaa.

Quelle: Yahya Arhab, Jemen, Flüchtlinge

Marburg. Saudische Kampfjets werfen Bomben auf Wohnhäuser, hunderte Zivilisten sterben. Huthi-Rebellen belagern Stadtviertel, die Bewohner haben kein Trinkwasser mehr. Millionen Menschen hungern, die medizinische Versorgung ist schlecht, die Stromversorgung bricht immer wieder zusammen. „Es ist eine humanitäre Katastrophe“, beschreibt Ali Al-Shaikh ( Foto: Stefan Dietrich) die Situation in seinem Heimatland.

„Man kann sich nicht vorstellen, wie vergiftet das Klima ist. Es gibt Bilder von 13, 14 Jahre alten Kindern, die mit Waffen kämpfen.“

Für den Marburger Studenten ist es schwierig geworden, Kontakt zu seiner Familie im Jemen zu halten. Wenn der Strom ausfällt, kann man nur noch per Handy telefonieren. „Ich bin immer unter Druck. Ich lerne, aber ich bin immer abgelenkt, weil ich daran denke, was meiner Familie passieren könnte“, sagt Al-Shaikh.

Wöchentlich ruft der 24-Jährige seine Verwandten an, doch von den Kämpfen erzählen sie ihm wenig. „Sie wollen mich natürlich nicht erschrecken. Sie sagen: ‚Alles ist gut. Kümmere dich um dein Studium.‘ Aber die Kinder leiden unter Schlafstörungen – wegen der Bombenexplosionen.“

Luftangriffe auf Hochzeitsfeiern

Die Vereinten Nationen zählten von März bis Juli etwa 4 000 Kriegstote, die Hälfte davon Zivilisten. Al-Shaikh ist ein sachlicher Beobachter, er neigt nicht zum Dramatisieren. Doch er ist überzeugt, dass die Zahl der Opfer weit höher ist. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen seien 40 000 Menschen durch den Krieg gestorben – viele wegen der schlechten medizinischen Versorgung.

Als er vor fünf Jahren für sein Politikwissenschafts-Studium nach Deutschland kam, war es im Jemen noch relativ ruhig. Eine Zeit lang schien es sogar, als sei das arme, von Stammeskonflikten geschwächte Land auf dem Weg in eine bessere Zukunft. „Die Revolutionen in anderen arabischen Ländern hatten auch den Menschen im Jemen Mut gemacht“, sagt Al-Shaikh. Nach Massenprotesten gab der Langzeitherrscher Ali Abdullah Saleh die Macht an den Vizepräsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi ab.

„Es gab einen nationalen Dialog, in dem sich alle Bevölkerungsgruppen auf ein demokratisches System und einen föderalen Staat geeinigt haben“, berichtet Al-Shaikh.

Doch dann brachen die Stammeskonflikte wieder auf, schiitische Huthi-Rebellen verbündeten sich mit Ex-Präsident Saleh. Als Al-Shaikh im April 2014 in Sanaa war, sah er Szenen, die er nicht vergessen kann. „Auf den Straßen liefen sowohl Offiziere als auch Milizanhänger herum. Man hat nur darauf gewartet, wann der Krieg ausbricht.“

"Das saudische Militär zerstört auch die zivile Infrastruktur"

Die Huthi-Miliz überrannte weite Teile des Landes und zwang den neuen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi zur Flucht. Hadi bat Saudi-Arabien um Hilfe. „Nach meiner Meinung war das ein Fehler“, sagt Al-Shaikh. Die von Saudi-Arabien angeführte Koalition wolle dem Jemen nicht helfen, sondern ihren Einfluss sichern. „Das saudische Militär zerstört auch die zivile Infrastruktur wie Schulen, Flughäfen und Straßen. Es gab Luftangriffe auf Hochzeitsfeiern, wo hunderte Menschen ums Leben kamen. Das zeigt, wie unmenschlich sie vorgehen.“

Die Lage im Jemen sei genauso schlimm wie in Syrien, sagt Al-Shaikh. „Es wird nur nicht so viel darüber geredet. Die europäischen Staaten haben kein Investment im Jemen, wo sie befürchten, dass sie es verlieren könnten. Und die Jemeniten spielen im Ausland keine große Rolle.“

Wenn es Nachrichten aus dem Jemen doch in die deutschen Medien schaffen, dann entsteht oft der Eindruck eines Krieges mit klar konfessionellen Fronten: Die Huthi-Rebellen sind schiitische Muslime und werden vom schiitischen Iran mit Waffen unterstützt. Die Saudis und ihre Verbündeten sind sunnitische Muslime. „Der Krieg ist aber nicht konfessionell“, betont Al-Shaikh. „Vor fünf Jahren hat im Jemen niemand über Konfessionen gesprochen. Es gibt auch Schiiten, die gegen die Huthi sind, und Sunniten, die sie unterstützen.“

Die Ursachen des Konflikts liegen aus seiner Sicht in der Geschichte des Landes, das 1962 von einer Monarchie zur Republik wurde. Das will Al-Shaikh in seiner Bachelor-Arbeit analysieren, die er bei Professor Albrecht Fuess­ am Centrum für Nah- und Mitteloststudien der Philipps-Universität schreibt. „Es gab von Anfang an keine starke Staatlichkeit und keine Gewaltenteilung“, konstatiert Al-Shaikh. „Der Staat wurde nicht von innen heraus regiert, sondern von Personen und Gruppen. Der Fehler lag darin, dass sich die Revolution darauf konzentriert hat, die Spitze des Regimes zu stürzen – ohne die Institutionen zu verändern.“

„Der Jemen will sich nicht begraben lassen“

Al-Shaikh setzt sich auch in Beiträgen für jemenitische Zeitungen für Reformen ein. „Der alleinige Ausweg für den Jemen ist der Aufbau einer starken Staatlichkeit – mit einer Armee, die dem Staat treu ist und nicht politischen und religiösen Gruppen“, analysiert er. „Die Huthis müssen ihre Waffen abgeben. Und man muss zurück zu den Ergebnissen des Nationalen Dialogs, die von allen offiziellen Vertretern des jemenitischen Volkes beschlossen sind.“

Doch er befürchtet, dass es in den nächsten Monaten keine Lösung geben wird – obwohl die Kriegsparteien die Bereitschaft zu Verhandlungen signalisieren. Immer wieder wären im Jemen auf Verhandlungen nur neue Kriege gefolgt.

Wenn Ali Al-Shaikh die große Verzweiflung im Jemen beschreiben will, erzählt er von einem Video, das im Internet veröffentlicht wurde. Es zeigt einen schwer verletzten sechsjährigen Jungen, der nach einem Raketenangriff im Krankenhaus behandelt wird. Der Junge fleht seinen Vater an: „Begrabt mich nicht!“ Zwei Tage später sei der Junge gestorben, sagt Al-Shaikh. Aber sein verzweifelter Ausruf stehe für die Situation des ganzen Landes: „Der Jemen will sich nicht begraben lassen.“

Hintergrund: Jemen

Der Jemen, der im Süden der arabischen Halbinsel liegt, ist das ärmste Land in dieser Region. Von den 24 Millionen Einwohnern lebt fast jeder zweite in Armut. Zwei Drittel des Landes bestehen aus Wüste. Auf die Küstenregionen im Südwesten des Landes schließen Gebirge und Hochland an. Wichtige Einkommensquellen für den Jemen sind die Landwirtschaft, der Transfer von Gastarbeitern und in geringem Maße auch die Erdölförderung.

Der Jemen wird von rivalisierenden Stammesgruppen bevölkert. In den Bergregionen hatte die Regierung seit Jahren kaum Kontrolle, die Stämme stellen teilweise eigene Armeen auf. 2011 brachen Proteste aus, die zum Sturz von Langzeitpräsident Ali Abdullah Saleh führten. Seitdem kam der Jemen nicht mehr zur Ruhe. Im vergangenen Jahr überrannten schiitische Huthi-Rebellen und Anhänger von Saleh große Teile des Landes. In einem Bürgerkrieg kämpfen sie gegen Unterstützer von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi. Eine von Saudi-Arabien geführte Koalition fliegt seit März Luftangriffe gegen die Huthis und ihre Verbündeten. (fw/dpa)

von Stefan Dietrich

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