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Es gibt viele Fragen und noch zu wenige Antworten

Aus dem Amtsgericht Es gibt viele Fragen und noch zu wenige Antworten

Im Strafprozess gegen drei Türsteher eines Marburger Nachtklubs, die sich wegen Körperverletzung verantworten müssen, warf der Fortsetzungstermin gestern weitere Fragen auf.

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Der Prozess gegen die Türsteher fand vor dem Amtsgericht Marburg statt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Es sind insbesondere zwei Fragen, die Richterin ­Katharina Blumentritt beschäftigen: Erstens, wer ist der unbekannte und bisher nicht angeklagte „Stammgast“ des Nachtklubs, der allem Anschein nach einen der Geschädigten mit Fußtritten bearbeitet hat? Zweitens, gibt es ein Video von dem Tathergang und was genau ist darauf zu sehen?

Bereits am ersten Verhandlungstag hatten die Schilderungen der beiden Seiten deutlich auseinandergeklafft (die OP berichtete). Sowohl die Türsteher als auch die drei Klubgäste hatten sich gegenseitig beschuldigt, die Situation zur Eskalation getrieben zu haben.

„Es hat heftig geknallt“

Den drei Angeklagten, die Anfang Oktober 2014 in einem Marburger Nachtklub als Türsteher gearbeitet hatten, wurde­ zur Last gelegt, drei Gäste - zwei Männer und eine Frau - mit Schlägen und Tritten aus dem Klub geworfen zu haben, da sich einer der Geschädigten, ohne die drei Euro für den Wiedereintritt zu bezahlen, Zutritt verschafft hatte. Einer der beiden Männer erlitt einen Nasenbeinbruch. Der zweite Geschädigte handelte sich unter anderem Rippenverletzungen ein.

„Wir waren schon länger drin und er ist nur kurz vor die Tür gegangen. Als er wieder rein wollte, sollte er Geld bezahlen“, meinte eine Zeugin, Schwester eines Geschädigten. Kurz darauf sei die Situation eskaliert. Viel Diskussion zwischen ihren Freunden und den Türstehern habe es nicht gegeben. „Das ging alles sehr schnell. Er wurde von einem Türsteher zu Boden gerissen. Dann kam ein zweiter Typ dazu und sie haben ihn an den Füßen gepackt und vor die Tür geschleift“, fuhr sie fort. Das wiesen die Beschuldigten von sich. Sie hätten den Geschädigten nach draußen „geführt“.

Fäuste fliegen vor der Tür

Auch Tritte wollte keiner der Türsteher verteilt haben. Dafür kommt ein anderer Mann infrage, an den sich eine der Service-Kräfte des Klubs erinnerte,­ und den sie als „Stammgast“ bezeichnete. Ein weiterer Zeuge berichtete, dass eben dieser Mann „körperlich aktiv“ geworden sei, den Geschädigten getreten habe. Genaueres über diesen Unbekannten wusste niemand.

Als die Türsteher den Geschädigten vor die Tür gebracht hatten, kam es zum Handgemenge. An der „Eskalation“, wie es ein Zeuge nannte, sei vor allem die Freundin des Geschädigten Schuld gewesen. „Die Frau war der schlimmste Faktor, ist völlig ausgerastet, als ihr Typ aus dem Klub geführt wurde“, meinte der Zeuge. Die Freundin dieser Frau berichtete hingegen davon, dass der Türsteher ihrer Freundin­ ­eine „ordentliche Ohrfeige“ verpasst habe. „Das hat heftig geknallt“, erklärte sie.

Doch wer wen zuerst schlug, und was genau vor dem Klub passierte, darüber breitete sich aufgrund der widersprüchlichen Aussagen ein Mantel der Undurchsichtigkeit aus. Denn laut einer Service-Kraft des Nachtklubs habe das Handgemenge bei zwei Türstehern Spuren hinterlassen. „Der eine hatte eine Wunde unterm Auge, der andere einen Schnitt auf der Stirn“, sagte er. Eine Kollegin von ihm wollte von der Freundin des Geschädigten „den ersten Schlag“ gesehen haben. Daran konnte­ sich auch ein weiterer Zeuge und Arbeitskollege der Türsteher, der an diesem Abend nicht im Dienst war, erinnern.

Ein Türsteher, der die Bar in seiner Freizeit aufgesucht hatte, geriet für kurze Zeit in den Fokus, als ihn sein angeklagter Arbeitskollege auf ein Überwachungsvideo ansprach, das den Tathergang angeblich zeigte: „Wir haben uns nach Ladenschluss das Video bei einem Drink doch zusammen angesehen!“ Der Arbeitskollege bestritt jedoch, ein derartiges Video je gesehen zu haben.

Der Mann, der Licht ins Dunkel hätte bringen können, glänzte jedoch durch Abwesenheit. Der als Zeuge geladene Klubbesitzer ließ sich nicht am Amtsgericht blicken und wird am nächsten Verhandlungstag, dem kommenden Montag, polizeilich vorgeführt. Er hatte behauptet, allen Mitarbeitern das Video gezeigt zu haben. Doch seine Service-Kräfte verneinten dies.

von Benjamin Kaiser

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