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Es gab "Merch" für 100 Hochzeitsgäste

Marburg in alten Bildern Es gab "Merch" für 100 Hochzeitsgäste

Das halbe Dorf war auf den Beinen, wenn in den 50er Jahren geheiratet wurde: In Moischt jedenfalls war das der Fall. Gefeiert wurde im Haus des Bräutigams.

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Hochzeitsgesellschaft im Jahr 1955: Bei der kirchlichen Trauung von Konrad und Anneliese Ludwig feierten wohl 100 Gäste im Haus des Bräutigams.

Quelle: privat

Moischt. Konrad Ludwig weiß noch heute ganz genau, wie er seine Anneliese kennen gelernt hat: beim Tanzen zu Zieharmonikamusik auf dem Betonboden bei Seebode am Frauenberg. Konrads Vater war eigentlich gegen die Verbindung: Die fesche junge Frau aus Cappel schien „zu schade“ zu sein für die Landwirtschaft, sie war schließlich Verkäuferin und galt als „was Besseres“.

Es war die Mutter, die alles zum Besten lenkte, erinnern sich die Eheleute heute – „Es ist einem Bären das Tanzen zu lernen, also kann auch ein junges Mädchen, wenn es denn will, alles lernen, was sie hier können muss“, sagte sie immer – und setzte sich irgendwann durch. Am 24. Juli 1955 wurde geheiratet – Jahre nachdem die beiden jungen Leute sich kennengelernt hatten.

Hochzeiten waren  damals ein Ereignis fürs ganze Dorf. Während der Bräutigam seine Frau in deren Elternhaus abholte, versammelte sich die Hochzeitsgesellschaft vor dem Haus der Ludwigs und zog gemeinsam durchs Dorf zur Kirche. 

Gemeinsam ging es nach der Trauung quer durchs Dorf zurück. Gefeiert wurde zu Hause – alle Zimmer wurden ausgeräumt, damit alle Gäste Platz fanden,  Klappgarnituren herbeigeschafft.

Während der bestellte Fotograf sich noch mit dem Foto der Hochzeitsgesellschaft abmühte, wurde die Zeit langsam knapp: Die Kartoffeln fürs Mittagessen waren gar. Es gab Merch (Rindfleisch mit Meerrettichsoße und Kartoffeln), auch das war bei vielen Festgesellschaften üblich.

Weil eine Ahnin von Konrad Ludwig mit Vornamen Caroline hieß, hatte sich in Moischt im Laufe der Zeit der Name „Coarlines“ für die Familie Ludwig durchgesetzt – Konrad Ludwig hat sich später intensiv mit den Dorfnamen in Moischt auseinandergesetzt und an vielen alten Häusern Schilder angebracht, die an die alten Dorfnamen erinnern.

„Schaffe, strebe – aber lebe“

Der Kratzputz im Gefach sollte zum Lebensmotto der Ludwigs werden: „Schaffe, strebe – aber lebe“ heißt es auf der einen Seite, „Schaffe, ringe – aber singe“ auf der anderen.  Beides haben Konrad und Anneliese im Laufe ihrer Ehe beherzigt.

Oberhalb des Kratzputzes sind die Fenster des Schlafzimmers zu sehen: „Der junge Bauer musste immer auf den Hof schauen“, weiß Anneliese Ludwig heute.  Das galt im Übrigen auch für Konrad, obwohl der einen Handwerksberuf gelernt hatte. Viele  Jahre später – die Ehe war kinderlos geblieben – zogen die Ludwigs in ein neu gebautes Zweifamilienhaus. Zurück zur Hochzeitsgesellschaft: Die Feier dauerte den ganzen Tag, abends gab es Braten und  Brot mit Wurst für die Gäste. Und ein Alleinunterhalter spielte danach zum Tanz auf. Fast so wie bei Seebodes, wo das Paar sich kennengelernt hatte. Am Tag nach der Hochzeit fing das neue Leben für Anneliese Ludwig, geborene Schmidt, schon an: Mit Sichel und fester Arbeitskleidung musste sie Korn mähen, noch mit der Hand zu Garben aufbinden und abends in Bündeln aufstellen.

von Till Conrad

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