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"Es flogen auch schon Messer in meine Richtung"

Körperverletzung "Es flogen auch schon Messer in meine Richtung"

Weil er seine Freundin wiederholt körperlich angegriffen, verletzt und ihr Geld gestohlen hatte, musste sich ein ehemaliger Marburger wegen Körperverletzung und Raubes vor dem Amtsgericht verantworten.

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Marburg. Zwischen dem 38-jährigen Angeklagten und seiner Freundin kommt es regelmäßig zu massiven Konflikten. Ende 2012 sowie im vergangenen Jahr endeten die üblichen verbalen Attacken in einer körperlichen Auseinandersetzung.

Laut Anklage fasste der Mann während eines Streits seine Partnerin brutal an der Kehle, schlug ihr mehrfach mit der Faust gegen den Kopf und ins Gesicht. Nach der Attacke nahm der Mann ihr 260 Euro aus dem Portemonnaie und verließ die gemeinsame Marburger Wohnung. Die Frau erlitt schwere Verletzungen. Sie musste wegen eines Schädelhirntraumas sowie einer Trommelfellperforation ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Vor Gericht gab der Angeklagte seine gewaltsamen Übergriffe größtenteils zu. An die meisten Auseinandersetzungen erinnere er sich jedoch nicht. Zur Tatzeit war er häufig stark betrunken, gab er an. Es war auch nicht der erste handfeste Streit zwischen dem Paar. Regelmäßig komme es zu Handgreiflichkeiten und Gewalt - von beiden Seiten. Auch seine Freundin habe ihn mehrfach angegriffen. Was zu Beginn der Verhandlung nach einer eher fraglichen Ausrede klang, wurde für das Gericht im Laufe des Prozesses zunehmend glaubwürdiger. Die Freundin des Mannes leidet an einer Form des Borderline-Syndroms. Häufiges Symptom ist ein schwieriges, unstetes und aggressives Verhalten. Die damit einhergehende geringe Frustrationstoleranz führt regelmäßig zu gewalttätigen Ausbrüchen sowie Kontrollverlust und sei typisch für dieses spezielle Krankheitsbild, bestätigte die Therapeutin und jahrelange Betreuerin der Frau. Die Aggression staut sich im Laufe der Zeit auf, bis sie dann aus geringfügigem Grund „explosionsartig ausbricht“, erzählte auch der Angeklagte. Die Freundin habe ihn bereits mehrfach angegriffen: „Da flogen auch schon mal Messer in meine Richtung.“

Keiner der beiden willdie Beziehung aufgeben

Sie befand sich bereits mehrfach in psychologischer Behandlung. Alkohol verstärke das aggressive Verhalten weiter ebenso wie bei ihm, gab der Mann zu. Die konfliktgeladene Beziehung wolle jedoch keiner der beiden aufgeben. Ein langwieriges Scheidungsverfahren, massiver Alkohol- und Drogenmissbrauch und die Erkrankung seiner Freundin hätten die Beziehung stark belastet.

Heute haben sie sich arrangiert, trinken keinen Alkohol mehr und zogen Ende vergangenen Jahres in den Ostkreis, um „alles hinter sich zu lassen“. Das gemeinsame Leben sei heute stabiler und in der Regel gefestigt. Er versuche den krankheitsbedingten, aggressiven Anfällen seiner Freundin aus dem Weg zu gehen und die aufgeladene Situation zu entspannen, betonte der Mann.

Auf die Frage, ob ihr Freund sie geschlagen habe, gab die Geschädigte keine Antwort. Auch eine intensive Belehrung des Vorsitzenden Richters Dominik Best trug keine Früchte. Die Frau gab an, sich an nichts zu erinnern.

Nach einem umfangreichen Rechtsgespräch zwischen den Beteiligten beschloss das Gericht, einen der Vorwürfe fallen zu lassen. Zudem gestand es dem Angeklagten in einem weiteren Punkt verminderte Schuldfähigkeit zu. Des weiteren wurde ein noch offenes Strafverfahren gegen den Mann, ebenfalls wegen Körperverletzung an den Prozess angegliedert.

Weder das Gericht noch das Paar selber machten sich Illusionen über die konfliktgeladene Grundlage der Beziehung. „Es wird sicher wieder etwas passieren“, betonte selbst der Verteidiger des Mannes in seinem Plädoyer. Eine Bewährungsstrafe könne man jedoch als „Schutzschild über der Beziehung“ betrachten.

Das Schöffengericht verurteilte den Mann schließlich wegen Körperverletzung und Raubes zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Richter Best erläuterte die positive Sozialprognose des Angeklagten und riet dem Paar zu Konfliktvermeidung sowie zu einer weiterführenden Therapie.

von Ina Tannert

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