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„Es fing harmlos an und wurde immer extremer“

Schläger-Prozess: 2. Tag „Es fing harmlos an und wurde immer extremer“

Freunde des Paares sprachen vor Gericht von einer zwiespältigen Persönlichkeit des laut Anklage aggressiven 26-Jährigen und berichten von ständigen Eskalationen.

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Am zweiten Tag sagten die Ex-Freundin des Angeklagten und sieben weitere Zeugen aus.

Quelle: Archiv

Marburg. Detailliert berichtete die ehemalige Partnerin des 26 Jahre alten Angeklagten von steigenden Gewaltausbrüchen innerhalb der Beziehung sowie Vergeltungsmaßnahmen gegen die vorherige Freundin des Mannes. Bereits zu Beginn der Beziehung Ende 2013 erzählte der Partner seiner neuen Freundin von kleinen wie größeren Racheaktionen gegen die Ex. Diese habe er mit dem Auto verfolgt, gefährlich ausgebremst, ihr ins Gesicht geschlagen oder während eines Streits unter die kalte Dusche gezwungen, „weil sie Erziehung bräuchte“, teilte die Zeugin vor Gericht mit.

Zu diesem Zeitpunkt verlief die Beziehung zu dem Beschuldigten noch „harmonisch und friedlich“. Ab Sommer vergangenen Jahres veränderte sich das Verhalten des bis dahin umgänglichen Partners. Zunehmend wurde der Mann gewalttätig, beleidigend, cholerisch und rastete grundlos aus, erklärte die Geschädigte. „Es fing harmlos an und wurde immer extremer.“

Hatte er Stress im Alltag, Ärger aufgrund diverser Anzeigen der Ex-Freundin oder trank zu viel Alkohol, habe sie seine Wut abbekommen. Regelmäßig schlug und trat er zu, stieß sie durch die gemeinsame Wohnung, quälte und bedrohte sie, sagte die junge Frau. Dass ihre Verletzungen vor allem durch unbeabsichtigte Unfälle entstanden seien, wie der Angeklagte am Tag zuvor beteuert hatte (die OP berichtete), konnte sie nicht bestätigen.

Ihre Schmerzen seien ihm „völlig egal gewesen“, während einer der regelmäßigen Würgeattacken habe er ihr aufgebracht erklärt: „Ich weiß, dass du keine Luft bekommst, das ist mir egal, du hörst jetzt zu.“ Nach jeder Auseinandersetzung „war er plötzlich wieder nett“, meinte alles sei wieder gut. „Er war wie zwei verschiedene Menschen in einem“ – der aggressive Schläger und der andere, den sie geliebt hatte, fasste die Geschädigte zusammen.

Sie selber sei diskussionsfreudig und sprachgewandter als er, habe den Partner auf Probleme direkt angesprochen, ihn damit provoziert, erklärte die selbstbewusste junge Frau. Damit schien er nicht zurechtzukommen, vertrage keinerlei Kritik. Während der Streitereien sei sie nicht hysterisch geworden oder habe ihn körperlich angegriffen, wie der Angeklagte aussagte. Sowohl der Beschuldigte wie seine Ex-Freundin werfen sich gegenseitig vor, „im Streit völlig auszurasten“.

Mehrmals beendete die junge Frau die Beziehung, ließ sich wenige Zeit später erneut auf den aufbrausenden, doch auch charmanten Mann ein, erklärte die Zeugin. Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich eine massive, mehrstündige Auseinandersetzung Mitte vergangenen Jahres.

Arzt-Bericht: „sichtbare Gewalteinwirkung“

Während eines weiteren Streits stopfte ihr der Partner zerrissene, scharfkantige Fotos in Mund und Rachen, was zu zahlreichen Schnittverletzungen führte. Er stieß sie durch die Wohnung, auf das Bett, hielt ihr Mund und Nase zu und schlug gegen ihren Kopf.  Der ärztliche Bericht dokumentiert „sichtbare Gewalteinwirkung“, diverse Hämatome am ganzen Körper, mehrere Bisswunden an beiden Armen sowie Rippenprellungen.

In den Streit platzten zwei gemeinsame Freunde, welche die Situation entschärfen konnten. Grund für die Auseinandersetzung war der Trennungswunsch der Geschädigten: „Sie wollte ihn verlassen, er ließ das nicht zu, bedrohte und erniedrigte sie“, berichtete eine Bekannte. Seiner Meinung nach habe sie nicht das Recht, sich zu trennen, könne dies nicht entscheiden.

Auch die Zeugen sprachen von auffälligen, völlig verschiedenen Wesensarten des Angeklagten. „Er war sehr wechselhaft und realitätsfremd – mal weinte er, mal brüllte er herum“, so eine Zeugin. Daneben berichteten mehrere Familienmitglieder der Geschädigten von Übergriffen des Angeklagten, nächtlichen Anrufen, Schlichtungs- und Rettungsaktionen der jungen Frau.

Am Donnerstag, 3. September, ab 9 Uhr sollen weitere Zeugen gehört werden.

von Ina Tannert

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