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„Es dem Establishment mal richtig zeigen“

Vandalismus „Es dem Establishment mal richtig zeigen“

Beschmierte Hausfassaden und Altkleider-Container, zerstörte Autospiegel und Buswartehäuschen: Es gibt viele Zeichen von Vandalismus in der Universitätsstadt. Sozialpsychologie-Professor Ulrich Wagner erklärt die Gründe dafür.

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Farbschmierereien quer durch die Stadt, vor allem aber im Zentrum: Zuletzt übergab der Ex-Stadtverordnete Friedrich Blackkolb dem Magistrat eine Sammlung mit Hunderten Fotos von Vandalismus-Tatorten – etwa der Uferstraße – mit der Forderung, härter gegen Straftäter vorzugehen.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. OP: Immer wieder kommt es in Marburg durch Vandalismus - Fassadenschmierereien, Zerkratzen von Autos etc. - zu Schäden. Warum tun Menschen so etwas?

Professor Ulrich Wagner ( Archivfoto: Laackman Fotostudios Marburg/dpa) : In der Tat hat man den Eindruck, dass vor allem in Marburg die Neigung zu Vandalismus, das heißt Fassadenschmierereien oder mutwilligen Zerstörungen, recht hoch ist. Das hängt auch damit zusammen, dass es in Marburg besonders viele junge Menschen gibt, und Vandalismus wird vornehmlich durch junge Leute - bevorzugt junge Männer - gemacht. Hinter Vandalismus stehen verschiedene Motive, oft in Kombination miteinander: Dazu gehören, erstens, künstlerische Motive, man will durch ein Graffiti eine Botschaft an Freunde oder Feinde transportieren. Zweitens, Jugendliche wollen durch Vandalismus sich selbst und anderen ihren Mut beweisen. Drittens, Vandalismus kann eine Folge von Frustration und Ärger sein, die Täter wollen sich abreagieren. Und schließlich: Langeweile. Außerdem sollte man in Rechnung stellen: Vandalismus geht häufig mit Alkohol- und Drogenkonsum einher, die Selbstkontrollmechanismen und die Angst vor Beobachtung durch andere reduzieren. Über die genannten individuellen Motive hinaus spielen Umgebungseinflüsse eine wichtige Rolle. In einer Nachbarschaft, die ohnehin bereits heruntergekommen aussieht, nimmt die Neigung zu, dazu mit eigenen Zerstörungen noch weiter beizutragen.

OP: Was ist der Auslöser für so ein Verhalten, die Erziehung?
Wagner: Erziehung, Vorbilder spielen in vielen Bereichen unseres Lebens eine Rolle. Allerdings wechseln die Vorbilder. Kinder, die sich lange an den Eltern ausrichten, orientieren sich mit dem Heranwachsen an anderen Vorbildern, zum Beispiel aus dem Freundeskreis, und nutzen Graffitis und Vandalismus, um einer solchen Neuorientierung und der Ablösung vom Elternhaus Ausdruck zu verleihen.

OP: Existiert eine Typologie, verbindende Elemente zwischen Menschen, die beispielsweise Fassaden beschmieren, Reifen platt stechen, Bushäuschen zerstören oder anderes, öffentliches wie privates Eigentum beschädigen?
Wagner: Verbindende Elemente sind die vorhin genannten Motive, vor allem die, eine „künstlerische“ Botschaft zu verfassen, und die Demonstration des eigenen Mutes zu Gesetzesübertretungen, oder beides. Persönlichkeitspsychologen finden darüber hinaus Zusammenhänge zu Persönlichkeitsmerkmalen wie Impulsivität und mangelnde Empathie. Vermutlich sind aber die Einflüsse durch das soziale Umfeld, speziell durch den Freundeskreis und wichtige andere Vorbilder, deutlich stärker.

OP: In wie weit spielt Aufmerksamkeits-/Geltungsdrang eine Rolle?
Wagner: Vandalismus kann zum Ziel haben, den Freunden oder der Freundin zu imponieren, zu zeigen, wie mutig man ist, sich über Normen und Gesetze hinwegzusetzen und es dem Establishment mal richtig zu zeigen. Das gilt vor allem für solche Menschen, die ein starkes Motiv haben, sich selbst in den Vordergrund zu stellen.

OP: Ist Vandalismus eine Art „Einstiegsdroge“ bzw. eine erste Stufe in der Eskalation von Gewalt/Verbrecherkarrieren?
Wagner: Studien weisen in der Tat darauf hin, dass vor allem männliche Kinder und Jugendliche, die zu Vandalismus neigen, auch eher physische Gewalt zeigen. Erfolgreicher Vandalismus signalisiert, dass man sich ungestraft über Regeln und Gesetze hinwegsetzen kann. Das kann dazu führen, auch gewalttätige Gesetzesüberschreitungen gegen Menschen auszuprobieren.

von Björn Wisker

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