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Erzbischof mahnt das Christliche in der Politik an

Tag der Deutschen Einheit Erzbischof mahnt das Christliche in der Politik an

Der aus Mardorf stammende Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick, hatte beim Einheits-Festakt des CDU-Kreisverbands in Niederklein ein Heimspiel. Er nutze es, um vor der Partei über das Christliche in der Politik zu sprechen.

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Klare Worte und konkrete Ideen: Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick stellte seinen Zuhörern beim CDU-Festakt in Niederklein eine Messlatte fürs politische Handeln nach christlichen Maßstäben bereit.

Quelle: Tobias Hirsch

Niederklein. „Wir achten und schätzen die Politiker, die nicht als Buhmänner der Nation degradiert werden dürfen. Aber die Politiker müssen ihr Volk auch lieben und demütig sein.“ So führte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick am Dienstagabend im vollbesetzten Bürgerhaus Niederklein in seine Festrede ein.

Die CDU Marburg-Biedenkopf hatte den gebürtigen Mardorfer als Redner zum Festakt am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit eingeladen - und dem Ehrengast war es anzumerken, dass er gern gekommen war. „Es woar oarg schie.“ Es sei besonders schön gewesen. So würdigte der Erzbischof das Blasorchester der Freiwilligen Feuerwehr Mardorf in Mardorfer Platt für seinen beeindruckenden Vortag des Anbetungslieds „Song of Adoration“.

Am Vorabend des Einheits-Tags ging es im Mardorfer Bürgerhaus zwar auch um Erinnerungen an die schmerzvolle Teilung Deutschlands und um Dankbarkeit für die Wiedervereinigung, zu der Schick und auch der CDU-Kreisvorsitzende Dr. Thomas Schäfer mehrfach mahnten. Vor allem ging es aber um „Das Christliche in der Politik“. So umschrieb der Erzbischof sein Thema, über das er „als Kirchenmann“ Gedanken angestellt habe.

Das Votum der Wähler vom 22. September, das der CDU auf Bundesebene ein Wahlergebnis von 41,5 Prozent beschert hat, interpretierte Schick als ein klares Ja zu Merkel und ihrer Partei, „um Kontinuität und Stabilität zu wahren“. Mit diesem Wunsch sei das C im Parteinamen verbunden - das Wählervotum sei eine „Entscheidung fürs Christlich-Soziale“.

Schick hatte für die CDU, aber auch für alle anderen Parteien viele Anregungen, wie Regierungen dem Wählerwunsch nach dem Christlichen in der Politik gerecht werden könnten. In acht konkreten Punkten führte der Erzbischof aus, was sich im politischen Handeln, in den Entscheidungen der Regierenden widerspiegeln müsse: Menschenwürde, Menschenrechte, Werte und Tugenden, Solidarität, Anständigkeit, Wahrhaftigkeit, Hilfsbereitschaft und Barmherzigkeit. Da das Soziale zum Christlichen gehöre, seien „die drei S der christlichen Sozial-Ehre“ auch Maxime fürs politische Handeln: Subjekt, Subsidiarität und Solidarität. Anders als im früheren Sowjetsystem, wo der Staat im Mittelpunkt stand, und anders als im Nationalsozialismus, wo die Nation im Mittelpunkt stand, müsse das Subjekt, der Mensch im Fokus stehen. Das bedeute für die Politik: „Den Starken fördern, dem Schwachen helfen“.

Hinsichtlich der Subsidiarität warb Schick für die Stärkung einer „aktiven Bürgergesellschaft, in der viele kleine Einheiten das tun, was sie zur Gesellschaft beitragen können“. Zur Solidarität sagte der Erzbischof: „Keiner darf durch das soziale Netz hindurchfallen - jeder Einzelne muss gefördert werden.“

Schick lieferte den politisch Verantwortlichen unter seinen Zuhörern nicht nur Orientierungshilfen, an denen sie ihr Handeln messen können, sondern gab den Politikern auch konkrete Handlungsempfehlungen mit auf den Weg. So machte er sich für eine Stärkung der Familie „als Keimzelle der Gesellschaft“ stark und plädierte fürs Ehegattensplitting, für längere Elternzeiten, für Betreuungsgeld, für die Anerkennung von Erziehungszeit auf den Rentenanspruch und für einen Ausbau der Angebote in der Kinderbetreuung.

Die Politik müsse alles tun, um die bestehenden Versorgungsnetze zu wahren und auszubauen, sagte Schick und forderte, die Pflege müsse besser ausgestattet werden, dem Ärztemangel müsse entgegengetreten werden.

Dazu sollten die Politiker fantasievoller werden und sich über die Zukunft der Pflegeversicherung Gedanken machen. „Es muss den Alten und Kranken gut gehen, bis sie die Augen schließen.“ Die Anerkennung von Menschen mit Behinderung und ihre Inklusion in die Gesellschaft, der humane Umgang mit Asylsuchenden, der Einsatz für Frieden in Syrien, Afghanistan und im Irak, der Umweltschutz, die Wirtschaftspolitik und die Entwicklungshilfe waren weitere Felder, für die Schick Anregungen bereithielt.

So mahnte er die Politik an, in der Weltgemeinschaft über die Reduzierung von Emissionen nachzu­denken, um „die von Gott bereitgestellte Schöpfung zu behüten, als Heimat für die Menschen“ und sie nicht als Ressource zu missbrauchen.

Hinsichtlich der Wirtschaftspolitik müssten sich die Verantwortlichen fragen, was Zukunftswachstum sei - „sonst wird uns unser Wirtschaftswachstum irgendwann die Gurgel abdrehen“.

Für ihren Einsatz in der Entwicklungspolitik stellte Schick den Regierungen ein schlechtes Zeugnis aus. Deutschland etwa habe sich verpflichtet, 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bereitzustellen für arme Länder. Nur 0,4 Prozent habe die Bundesrepublik zuletzt tatsächlich in die Entwicklungshilfe investiert. „Eine Milliarde von den sieben Milliarden Menschen auf der Erde hungert - dabei könnten zwölf Milliarden Menschen satt werden. Das ist ein Skandal, das muss geändert werden“, sagte Schick.

von Carina Becker

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