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Erst beim Parken kommen sie in Fahrt

Streitgespräch der OB-Kandidaten Erst beim Parken kommen sie in Fahrt

Die beiden verbliebenen Bewerber um das OB-Amt Dr. Thomas Spies (SPD) und Dirk Bamberger (CDU) trafen beim Streitgespräch in der OP-Redaktion aufeinander.

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Dirk Bamberger (links) und Dr. Thomas Spies lieferten sich ein Wortduell.

Quelle: Thorsten Richter

OP. Welche drei Dinge in der Verkehrspolitik würden Sie als Oberbürgermeister als Erstes angehen?

Dr. Thomas Spies: Erstens brauchen wir zügig eine Schnellbuslinie auf die Lahnberge – und dann weitere zum Richtsberg, Cappel, Wehrda und aus der anderen Richtung von Marburg. Schnellbuslinie heißt wenige Halte an Punkten, wo so gut wie alle hinwollen. Diese Linie muss es zusätzlich zu den bestehenden Linien geben. Dazu kommen noch einige Details. Die Stadtwerke haben ja schon einen Fahrradanhänger gekauft ...

Dirk Bamberger: ... der aber gar nicht genutzt wird ...

Spies: ... und sie beschaffen einen Doppelbus mit einem angehängten zweiten Wagen. Damit können stark genutzte Strecken bedient werden. Da wir inzwischen zwei Trassen durch die Stadt haben (links und rechts der Lahn), muss es außerdem einen Knotenpunkt der Linien geben, und zwar auf dem aufgestockten Parkdeck der Unibibliothek. Der zweite Punkt ist die Verbesserung des Parkleitsystems, was ja nun schon begonnen wird. So wird schon ab der Stadtautobahn der  Parkplatz-Suchverkehr verringert. Als Drittes, muss man sich um den Fahrradverkehr kümmern. Dazu brauchen wir eine bessere Anbindung an die Außenstadtteile und einen asphaltierten Radweg auf die Lahnberge.

Bamberger: Hört, hört.

Spies: Zu dem Thema Fahrradverkehr gehört auch noch ein E-Bike-Sharing-System. Das könnten die Stadtwerke machen.

Bamberger: Ich schließe mich fast ausschließlich diesen Ausführungen an. Aber nur fast. Ich freue mich, dass Sie meine Inhalte übernehmen, Herr Spies.

Spies: Das tue ich nicht.

Bamberger: Naja. Dann sagen wir einfach, wir haben eine große Übereinstimmung. Das Thema Radwegenetz ist für mich ein sehr wichtiges, denn Rot-Grün hat es in 18 Jahren nicht geschafft, das Netz so auszubauen, dass es den Anforderungen in der Stadt gerecht wird. Ein Beispiel ist der Radweg von Cappel nach Wehrda. Der ist völlig unzureichend und kann die benötigte Verkehrskapazität nicht aufnehmen. Außerdem ist er nicht durchgängig beleuchtet. Es gibt viele Menschen – und damit meine ich nicht nur Frauen –, die einen dunklen Radweg meiden.Natürlich sind aber auch die Anbindung der Außenstadtteile an die Innenstadt und der Innenstadt an die Lahnberge wichtig. Es gibt viele, die gerne mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren würden. Dafür ist aber die Radwege-Infrastruktur nicht da. Der Parksuchverkehr ist ein großes Problem und das Parkleitsystem ist ein wichtiger Punkt. Es ist gut, wenn wir den Verkehr, der in die Stadt reinkommt, frühzeitig abgreifen. Die Verkehrsinfrastruktur ist im Bezug auf den Pkw aber auch noch in anderen Punkten ausbaufähig. Es gibt eine Menge Straßen, die in einem schlechten Zustand sind, zum Beispiel die Marburger Straße. Dem Vernehmen nach ist es wohl so, dass die Stadt die Landesmittel zu spät beantragt hat. Daher wird die Sanierung aufgeschoben.Eine entscheidende Frage ist aber natürlich auch, haben wir genügend Parkplätze in der Innenstadt, oder nicht.

OP: Und? Haben wir genug?

Bamberger: Wir haben definitiv zu wenig Parkplätze für die Bewohner der Oberstadt – es gibt eine lange Warteliste, die nicht abgearbeitet werden kann. Wenn wir die Bewohner vernünftig unterbringen können, würden wir auch die Gesamtsituation entschärfen. Viele Flächen bleiben uns ja leider nicht mehr. Die Idee eines Parkhauses gegenüber der Sparkasse finde ich sehr interessant. Auch am Barfüßertor könnte man sich überlegen, das vorhandene Parkdeck abzureißen und ein kleines Parkhaus hinzustellen. Die Leute wollen in der Nähe von ihrem Wohnort parken. Denen hilft es nicht, wenn wir ihnen sagen: Ihr könnt am Afföller parken. Ein weiteres Thema ist für mich die überregionale Verkehrsanbindung. Das liegt nicht in der Entscheidungsgewalt des Oberbürgermeisters, aber ich würde mich vehement dafür einsetzen, dass die A 49 durchgebaut wird. Ebenso die Bahnanbindung in Richtung Norden.

(Spies lacht)

Spies: Oberbürgermeister Egon Vaupel hat das Parkhaus gegenüber der Sparkasse ins Spiel gebracht. Darüber kann man nachdenken. Ich finde gut, dass die CDU das jetzt offenbar auch tut. Viel relevanter ist aber die Tatsache, dass keiner die 130 Parkplätze vermisst, die über dem Tegut in der Gutenbergstraße weggefallen sind. Das ist ja kaum aufgefallen.

Bamberger: Sie vermissen die Plätze vielleicht nicht, weil Sie im Südviertel wohnen. Aber die Menschen vermissen sie sehr wohl.

Spies: Das Parkhaus ist fast nie voll. Also ist dort eine Kapazität, die gewonnen werden kann, ohne einen neuen Parkplatz zu bauen. Die Zahl der Parkplätze hat in Marburg in den vergangenen Jahren stetig zugenommen.Das ist also sehr überschaubar.

Bamberger: Aber nicht im Innenstadtbereich. Da zählen ja auch die Parkplätze außerhalb mit. Also nicht da, wo die Leute die Parkplätze auch brauchen.

Spies: Die Zahl der Parkplätze hat kontinuierlich zugenommen ...

Bamberger: Richtig. Die Betonung liegt aber auf insgesamt.

Spies: In der Oberstadt gibt es sicherlich Leute, die ein Problem damit haben. Wie viele das sind, müsste man mal genau überprüfen. Dort wohnen viele Studenten, bei denen liegt die Pkw-Eigentümerquote bei drei Prozent. Und die Oberstadt ist der einzige Bereich, wo wir ein Problem haben.

Bamberger: Man könnte auch das Carsharing deutlich ausbauen, aber dafür haben wir keine Flächen.

Spies: Genau. Mit Carsharing löst man auch ein Teil des Problems. Bevor wir nicht durch das Parkleitsystem und andere Dinge das vorhandene Parkplatzpotenzial ausgeschöpft haben, brauchen wir nicht über den Bau eines neuen Parkhauses nachdenken. Viel eher würde ich  über eine Verbesserung des ÖPNV-Systems nachdenken. Den Vorschlag einer kostenlosen ÖPNV-Nutzung sollten wir zum Beispiel an den vier Samstagen vor Weihnachten einmal ausprobieren.

Bamberger: Finde ich sehr gut.

Spies: Das wäre zudem  ein Anreiz außerhalb zu parken und dann mit dem ÖPNV kostenlos weiter in die Stadt zu fahren.Die Samstage vor Weihnachten sind ja die einzigen Tage, an denen es zu wenige Parkplätze gibt.

Bamberger: Das sind nicht die einzigen Tage. Es wird immer behauptet, das Parkhaus am Pilgrimstein ist nie ausgelastet. Die Erfahrungswerte sind andere.

(Spies lacht)

Spies: Das wird doch gemessen. Sie können doch nicht einfach sagen, die Erfahrungswerte sind andere, wenn man darüber Zahlen bekommen kann.

Bamberger: Trotzdem ist das Parkhaus mehr als viermal im Jahr voll ...

OP: Interessant wäre ja auch zu wissen, wie viele Menschen zusätzlich kommen würden, wenn es mehr Parkplätze gäbe.

Bamberger: Das ist ein ganz wichtiger Hinweis. Die Einzelhandelsstudie hat vor ein paar Jahren ergeben, dass 46,7 Millionen Euro Einzelhandelsumsatz nicht in Marburg landen, sondern in Gießen und Wetzlar. Also 46,7 Millionen Umsatz, den wir theoretisch in Marburg haben könnten. Ich würde nicht sagen, dass das ausschließlich an Parkplätzen liegt, aber ich glaube, das ist schon ein wichtiger Punkt.

Spies: Das liegt nicht daran, dass Marburg keine Parkplätze hat, sondern daran, dass alle seit 30 Jahren schreien, es gäbe keine Parkplätze. Deshalb muss das  Parkleitsystem mit der elektronischen Anzeige bereits an der Stadtautobahn beginnen. Dann fahren die Leute vielleicht nicht mehr an Marburg vorbei. Wenn sich durch mehr Besucher neue Entwicklungen ergeben, kann man darüber reden. Im Moment gibt es aber keine Hinweise darauf, dass es einen positiven Effekt durch zusätzliche Parkplätze geben würde.

Bamberger: Parkplätze sind nicht das wichtigste Thema, das wir in Marburg haben. Aber ich muss Ihnen auch hier widersprechen. Die Leute fahren ja nicht an Marburg vorbei, weil sie etwas gehört haben. Sie haben vielmehr ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Die Parkhäuser sind regelmäßig proppenvoll.

Spies: Jetzt haben wir ja ein Parkleitsystem.

Bamberger: Das nutzt aber Leuten nichts, die nicht gut zu Fuß sind. Diejenigen, die mit Kindern unterwegs sind, größere Einkäufe transportieren wollen oder ältere Menschen benötigen Parkplätze vor Ort. Gerade beim Thema ältere Menschen ist es für mich auch nicht verständlich, warum wir eine Stadthalle für 40 Millionen Euro bauen, die keinen eigenen Parkplatz hat. So etwas findet man sonst in ganz Deutschland nicht. Für mich ist das Ausdruck einer Ideologie, die besagt: Wir wollen nicht, dass Menschen mit dem Auto in die Stadt kommen und wenn doch, dann machen wir es ihnen möglichst schwer.

Spies: Das ist ja nun Quatsch. Die Ideologie-Unterstellung betrifft eher die CDU, der immer nur Parkplätze einfallen. Die Stadthalle wird saniert und nicht neugebaut. Im Lahnumfeld ist es aufgrund der Bodenverhältnisse so aufwändig und teuer, dass man ein Parkhaus nicht kostendeckend betreiben kann.

Bamberger: Die Stadt hat die Zahlen an der Stelle schlecht gerechnet.                                           

Spies: Das war die Berechnung eines privaten Betreibers. Es ist technisch einfach nicht möglich, es günstiger zu machen.

Bamberger: Es war aber technisch möglich, das KFZ da unten reinzusetzen.

Spies: Ja, das war möglich. Ein Parkhaus nicht, weil die privaten Betreiber dazu ein Preisniveau für alle Marburger Parkhäuser verlangt haben, das niemand hätte bezahlen wollen. Jetzt haben wir eine Anbindung an Parkplätze in der Umgebung, deren Distanz für die meisten Leute kein Problem ist. Für die, die zu Fuß nicht so gut sind, muss man Transportangebote sicherstellen.

Bamberger: Genau das bietet der Konzertverein seinen Mitgliedern an, und es wird nicht genutzt, weil es den Menschen zu umständlich ist.

Spies: Da muss man dann sehen, wie es läuft und wie man es eventuell verbessern kann. Es hilft nichts: Diese Stadt hat bestimmte geographische Voraussetzungen, mit denen werden wir leben müssen.

von Peter Gassner  und Anna Ntemiris

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