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Ernte gut, alles gut

Erntedankfest Ernte gut, alles gut

Manch einer freut sich über eine Paprika, gezüchtet im Blumentopf auf dem Balkon. Andere über bergeweise Kürbisse aus dem Garten. Die Landwirte messen ihren Ernte-Erfolg gleich in Tonnen. Im Oktober wird es Zeit, für die Ernte zu danken.

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Bei der Aktion „Zukunft säen – Vielfalt ernten“ gab es große und kleine Helfer. Sie alle packten kräftig mit an, als es darum ging, Roggen auszusäen.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Hier und da stehen sie noch. Vereinzelte Kohlköpfe, die dem Frost trotzen. Ein paar Kräuter, die noch nicht geerntet wurden. Sonnenblumen, deren Farbkleid verblasst ist. Das Erntedank-Fest steht vor der Tür - und die Gartensaison neigt sich langsam ihrem Ende zu. Doch ein Ende kann auch ein Neuanfang sein. Mit dem Projekt „Zukunft säen“ setzten Bettina Böhm und Arnold Nau-Böhm am Donnerstag ein politisches Zeichen gegen Gentechnik im Lebensmittelbereich. Unterstützt wurden sie durch zahlreiche Hobbygärtner, die auf einem Acker der Böhms ihr eigenes Gemüse anbauen. Bettina Böhm ist Landwirtin aus Leidenschaft. Ihr Ziel ist es nicht nur Jahr für Jahr eine gute Ernte einzufahren. Vielmehr möchte sie den Verbraucher für nahrungspolitische Themen sensibilisieren.

Ihnen den Wert regionaler und saisonal wachsender Produkte nahebringen. Deshalb räumen sie und ihr Mann seit neun Jahren ihren „besten Acker“ frei, um jungen Familien, Senioren und manchmal ganzen Freundeskreisen die Möglichkeit zu geben, ihr eigenes Gemüse selbst anzubauen. Zu erfahren, wie viel Arbeit und Zeit es bedarf, eine einzelne Möhre zu ernten. Wie intensiv der Geschmack selbst geernteter Produkte sein kann. „Vielleicht hat das Obst und Gemüse im Supermarkt in manchen Fällen sogar die gleiche oder gar eine bessere Qualität. Aber das, was man selbst erntet, schmeckt gleich viel besser. Da war man mit der eigenen Hand dran -das macht den Geschmack aus“, sagt Bettina Böhm, während sie Roggen-Samen in eine Papiertüte füllt.

Heute wird Zukunft gesät. Auf einem gepflügten Feld. Mit einer alten Roggensorte. „Die alten, traditionellen Sorten sterben aus“, erklärt Arnold Nau-Böhm. Wenige, große Firmen dominieren den Markt. „Vielen der marktführenden Sorten haben eine Keim-Hemmung“, erklärt er. Aus den gewachsenen Pflanzen können keine Samen gewonnen werden. Somit seien die Landwirte gezwungen, im nächsten Jahr wieder Getreide bei den Großunternehmen zu kaufen. „Private Züchter versuchen gerade, die alten Sorten zu erhalten und zu vermehren. Mit diesen Sorten können wir säen, ernten und im nächsten Jahr wieder säen.“

Per Hand streuen die Helfer die Roggen-Samen in den gepflügten Boden. Die großen Landmaschinen bleiben heute stehen. „Die Generationen vor euch habe das schon gemacht, das ist alles Wissen, das verloren geht“, sagt Arnold Nau-Böhm.

Auch Jana Goslar (29) und Christoph Meßner (31) helfen. Das Paar bewirtschaftete zum ersten Mal einen eigenen Garten. „Wir haben in Marburg noch nicht mal einen Balkon. Als Mädchen vom Lande finde ich es schlimm, eingesperrt zu sein.“ Mehrmals pro Woche haben sie im Garten „geackert“. „Es war am Ende mehr Hobby als Arbeit“, sagt Jana Goslar.

Auch Deanny Beyer hat das erste Jahr als „Gärtnerin“ überstanden. „Vorher habe ich nur Saisongemüse gekauft. Aber es macht einen Unterschied, wenn man sich selbst damit beschäftigt“, ist sie sich sicher. „Man lernt einfach die zeitlichen Abläufe kennen.“ An der Gemüsetheke im Supermarkt wurde sie schon lange nicht mehr gesehen. Der Garten wirft ab, was die Familie für eine gesunde Ernährung braucht. Zehn Kilo hat die zweifache Mutter in der Gartensaison abgenommen. Ihre Ernährung hat sie umgestellt. Zwangsweise. Wer wirft schon weg, was der Boden schenkt? Das Bücken und Hacken hat ihr mehr Bewegung verschafft.

Seit neun Jahren bewirtschaftet auch „Susanne“ einen der Saisongärten. Nachnamen gibt es auf dem Acker nicht. Hier wird sich geduzt. Auf dem Feld sind eben alle gleich. „Ich bin mit den Jahren mit meiner Arbeit im Garten effektiver geworden“, erklärt sie. Sie weiß genau, was wann gesät oder geerntet werden muss. „Man isst immer das, was da ist“, sagt sie. Und an diesem Donnerstag ist vieles da. Alle haben sie etwas mitgebracht. Produkte aus dem eigenen Garten, verarbeitet zu Kuchen, Salaten und Pizzen. Und natürlich Kartoffeln - immer wieder Kartoffeln. Arnold Nau-Böhm juckt es schon wieder in den Fingern. Er will raus. Aufs Feld. Weiter säen. „Wir müssen mit dem Wetter arbeiten“, sagt er entschuldigend. „Ich muss auf‘n Acker.“ Die Gruppe sieht nur noch seine Fersen - und genießt weiter. Der Ernte sei Dank.

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund

Das Erntedankfest wird in zahlreichen Gemeinden gefeiert, obwohl es kein offizieller Bestandteil des Kirchenjahres ist. Erst im Jahre 1972 wurde auf der römisch-katholischen Bischofskonferenz der erste Sonntag im Oktober als Festtermin bestimmt. Im Bereich der evangelischen Kirche fällt der Erntedanktag immer auf das Wochenende nach dem Michaelisfest (29.September).

Die Erntedankbotschaft des Deutschen Bauernverbandes, der Deutsche Landfrauenverband und die kirchlichen Dienste auf dem Lande: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (Erstes Buch Moses)

"Zukunft säen"

Zurück zu den Wurzeln: Das Projekt „Zukunft säen – Vielfalt ernten“ wird seit dem Jahr 2006 von zahlreichen Biolandwirten in zehn EU-Ländern durchgeführt. Bauern und Verbraucher arbeiten Seite an Seite und setzen sich so symbolisch für eine Landwirtschaft ohne gentechnisch verändertes Saatgut ein. Die Aktion soll bewusst machen, dass auch der Verbraucher in der Verantwortung steht, auf seine Produktwahl zu achten. Der ausgesäte Roggen soll später zu Brot verarbeitet werden.

Zurück zu den Wurzeln – so könnte das Motto der Aktion ebenfalls heißen. Gesät wird per Hand. Im Schritt des Sämannes. Links, rechts, streuen. Links, rechts, streuen. Es geht nicht um Schnelligkeit an diesem Tag. Eher um bewusstes Erleben – und um den Austausch zwischen Verbraucher und Landwirten. In Europa haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Saatgut-Initiativen zusammengetan, um das bäuerliche Recht, Saatgut aus eigener Ernte auszusäen, zu züchten und weiterzugeben, zu verteidigen. Ihr Ansatz: Saatgut soll Allgemeingut bleiben. Ihnen gegenüber stehen die Saatgut-Konzerne, die mit wenigen Saatgut-Sorten den Weltmarkt dominieren und durch deren Zusammenschluss der Nahrungsmittelmarkt beherrscht wird.

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