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Erinnerung an jüdische Lebenswelten

700 Jahre Judentum in Marburg Erinnerung an jüdische Lebenswelten

Im Jahr 1317 wurde erstmals die Existenz einer ­Synagoge in Marburg ­dokumentiert. Aus ­diesem Anlass feiert die Jüdische Gemeinde in ­diesem Jahr gemeinsam mit Partnern.

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Die zweite Thora der Jüdischen Gemeinde Marburg wird nach ihrer Fertigstellung in die Synagoge in der Liebigstraße transportiert.

Quelle: Florian Gaertner (Archiv)

Marburg. Ein Kaufvertrag vom 15. Mai 1317 stellt die früheste­ urkundliche Spur des Judentums in Marburg dar, erläutert Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, stellvertretende Leiterin des Marburger Staatsarchivs, im Gespräch mit der OP.

Die Urkunde befindet sich im Privatarchiv zu Solms-­Hohensolms-Lich. In der Urkunde über einen Grundstückskauf in der heutigen Oberstadt wird erwähnt, dass sich dieses Grundstück in der Nähe der „Judenschule“ (also der Synagoge) befände. Es sei davon auszugehen, dass damit auch die mittelalterliche Synagoge am Obermarkt gemeint sei, erklärt die Archivarin. Im Jahr 1994 wurden die Überreste der mittelalterlichen Marburger Synagoge ausgegraben. Sie werden jetzt von einem Glaskubus überwölbt. Zwar deuten archäologische Funde darauf hin, dass die Synagoge noch ­älter war und wohl schon um 1270 entstanden ist. Aber für die Jüdische Gemeinde Marburg ist das Datum der Ersterwähnung trotzdem der Anlass für ein Festjahr.

Monika Bunk, die stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, kümmert sich besonders um die Organisation des „runden Geburtstags“. Zusammen mit Partnern vom Kulturamt der Stadt und dem Staatsarchiv sowie Vertretern der Islamischen Gemeinde und der Evangelischen Kirche ist sie in einer Vorbereitungsgruppe für das Programm verantwortlich, das im Februar offiziell vorgestellt wird.

Ziel des Festjahres ist es laut Bunk, möglichst viele Facetten des Judentums in Marburg erlebbar zu machen. Kulminieren werden die Veranstaltungen den bisherigen Planungen zufolge am Vorabend des Einheitsfeiertages: Am 2. Oktober ist in der Stadthalle ein „Jüdischer Neujahrsempfang“ geplant - wenige Tage nach dem Beginn des Neuen Jahrs 5778 nach jüdischer Zeitrechnung, das am 22. September beginnt. Dabei soll die Stadtgesellschaft eingeladen werden, Näheres über ­jüdische Kultur und ­jüdisches Leben in Marburg zu erfahren. Geplant­ ist kein klassischer Festakt mit unzähligen Grußworten, sondern eine­ Art Begegnungs-Fest, unter ande­rem mit kulinarischen jüdischen Spezialitäten zum Verkosten.

Start mit Präsentation von jüdischem Stadtplan

Der Großteil der restlichen Veranstaltungen im Jahr soll vor allem in der Zeit bis Mai und ab September über die Bühne ­gehen. Denn es soll möglichst wenig Überschneidungen mit dem Reformationsjahr geben, bei dem die Evangelische Kirche auch in Marburg in diesem Jahr an das Jubiläum „500 Jahre ­Reformation“ erinnert.

Der Startschuss zu „700 Jahre­ Judentum in Marburg“ wird voraussichtlich Ende Februar mit der Vorstellung eines ­neuen Stadtplans zum Thema ­„Jüdisches Marburg“ erfolgen. Auch eine Sonderführung über den Jüdischen Friedhof durch Barbara Rumpf-Lehmann ist geplant.

Eine thematische Überschneidung zum Reformationsjahr dürfte der Vortrag mit dem Titel „War Luther Antisemit?“ darstellen, den Professor Dietz Bering (Köln) im Mai halten wird. Zudem wird das Verhältnis der Evangelischen Kirche zum Judentum in einem Vortrag von Ulrich Oehlschläger erörtert.

Auch eine Reihe von kulturellen Veranstaltungen soll es geben wie zum Gedenken an den kürzlich verstorbenen jüdischen Sänger und Poeten Leonard ­Cohen, ein Konzert mit Cohen-Liedern, die John Kenneth Clark am Spiegelslustturm vortragen wird. Und beim Klassik-Open-air auf der Schlossparkbühne während des Stadtfestes wird wahrscheinlich die Klarinettistin Orit Orbach zusammen mit dem Studentensinfonie-Orchester das Klarinettenkonzert von Aaron Copland aufführen.

Geplant, aber noch nicht terminiert, ist auch eine erneute Lesung mit der jüdischen ­Holocaust-Überlebenden Trude ­Simonsohn.

„Jüdische Lebenswelten in und um Marburg“: Das ist der Arbeitstitel einer Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv, die im September eröffnet wird. Plastisch werden sollen dabei unter anderem der religiöse Alltag der Juden in Marburg im 18. und 19. Jahrhundert sowie die Rolle, die jüdische Gelehrte in dieser Zeit an der Marburger Universität spielten.

von Manfred Hitzeroth

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