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Erinnern als Zeichen gegen neuen Hass

Gedenken an Reichspogromnacht Erinnern als Zeichen gegen neuen Hass

Klaus Dorn von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit erinnerte am Sonntag nicht nur an die Opfer des Nazi-Regimes, sondern auch daran, dass das Judentum Wurzel der abendländischen Weltanschauung sei.

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Zum dritten Mal fand im Garten des Gedenkens eine Veranstaltung zum 9. November 1938 statt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ein ergreifender musikalischer Auftritt von vier Schülerinnen aus Kirchhain war der Höhepunkt der Gedenkstunde in Marburg anlässlich des 76. Jahrestags der Reichspogromnacht. Ihr „Hallelujah“ von Leonard Cohen berührte die Zuhörer besonders.

Gedenkfeier 9. November am Garten des Gedenkens in Marburg. Foto: Thorsten Richter (thr)

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Erst in der Nacht auf Sonntag waren die Alfred-Wegener-Schülerinnen aus Berlin zurückgekehrt: In der Hauptstadt besichtigten sie zum Beispiel das Jüdische Museum und das Holocaust-Mahnmal. Wenige Stunden später waren sie mit diesen Eindrücken an Marburgs Gedenkstätte: Im vor zwei Jahren errichteten Garten des Gedenkens veranstalteten die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Jüdische Gemeinde gemeinsam mit dem Magistrat der Stadt Marburg eine Gedenkfeier, um an die Zerstörung und Verfolgung in der Nacht des 9. Novembers 1938 zu erinnern. Damals brannten in ganz Deutschland die Synagogen - später wurden Juden systematisch umgebracht. SA-Leute steckten damals auch in Marburg das jüdische Gotteshaus an - die Feuerwehr unternahm nicht einmal einen Löschversuch. Die Jüdische Gemeinde in Marburg musste sogar noch die Kosten für die Trümmerbeseitigung übernehmen. „Dies alles ist bekannt, aber mir ist es wichtig, es am 9. November immer wieder in Erinnerung zu rufen“, sagte Oberbürgermeister Egon Vaupel vor rund 200 Zuhörern.

Wer sich mit der Geschichte auseinandersetze, der Opfer gedenke, der sei auch bereit zu lernen. Vaupel sprach nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart - das Miteinander der Religionen in Marburg und die lebendige jüdische Gemeinde, die ihr Zentrum in der Liebigstraße hat. Diese Entwicklung sei auch ein Verdienst von Amnon Orbach, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Marburg. Umso mehr sei er froh, dass Orbach seit einigen Monaten Ehrenbürger der Stadt Marburg ist.

„Der Antisemitismus ist wieder angekommen“

Orbach, der während der Gedenkfeier jüdische Gebete sprach, zeigte sich tief berührt von der Veranstaltung. Zuvor hatte seine Stellvertreterin Monika Bunk anonym Aussagen von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Marburg zitiert, die in den Zettelkästen im Garten des Gedenkens ausgestellt werden. „Ich fühle mich wohl in Marburg, aber manchmal beschleicht mich so ein Gefühl: Wie groß ist hier die schweigende Mehrheit?“, lautet eine der Aussagen. Das Unbehagen jüdischer Mitbürger vor antisemitischen Tendenzen kommt auf den „Zetteln“ indirekt zum Vorschein. Deutlicher formulierte es gestern ein katholischer Theologe, Dr. Klaus Dorn vom Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit: „Der Antisemitismus ist wieder angekommen in unserer Zeit - wenn er denn je weg war.“ Im Kontext des Krieges in Gaza kam es zu antijüdischen Ausbrüchen, die kaum jemand erwartet hätte, sagte Dorn.

„Der Ausbruch von kriegerischer Gewalt ist immer das Scheitern der Vernunft und der Menschlichkeit, auch jetzt wieder, in Jerusalem. Was ich bei all dem aber nicht verstehe, ist, wie man Juden in Deutschland, Frankreich oder auch in Israel für die Handlungen einer Regierungskoalition verantwortlich machen kann, die so, in dieser Konstellation, noch nicht einmal ein Israeli gewählt hat.“ Er würde sich dagegen verwehren, für den Einsatz deutscher Soldaten im Hindukusch verantwortlich gemacht zu werden, sagte Dorn als Beispiel.

Aktuelle Angriffe gegen Juden dürften keinem gleichgültig sein. „Für mich ist diese Feier jedenfalls nicht nur ein Gedenken an die Ermordeten, sondern auch ein Zeichen der Solidarität mit dem Judentum, das die Wurzel des christlichen Glaubens und auch einer der wichtigsten Wurzeln unserer abendländischen, humanistischen Weltanschauung ist“, so Dorn.

von Anna Ntemiris

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