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„Er ist strafrechtlich voll verantwortlich“

Aus dem Landgericht „Er ist strafrechtlich voll verantwortlich“

Um sich seinen Teil vom Kuchen zu holen, beteiligte sich ein junger Mann an einem florierenden Drogenhandel zwischen Frankfurt und dem Raum Marburg.

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Ein 27-jähriger Süchtiger muss sich wegen Drogenhandels vor dem Marburger Landgericht verantworten

Quelle: David Ebener

Marburg. In den vergangenen 
zweieinhalb Jahren organisierte der schwer süchtige Marburger gemeinsam mit weiteren Dealern die illegale Nachschubroute in Richtung Marburg, besorgte gleich kiloweise 
Drogen und Kontaktadressen aus Frankfurt und vermittelte sie weiter. Ihm droht eine lange Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

Regelmäßig fuhr der 27-Jährige mit einem Mittäter, der den Stoff später auf die Straße brachte, zu seinen Zwischenhändlern und organisierte den Austausch der Ware. Innerhalb weniger Monate wechselten auf diesem Weg große Mengen Betäubungsmittel den Besitzer, darunter kiloweise Amphetamine, Haschisch und Kokain.

Den größten Deal fädelte der Angeklagte im vergangenen Jahr ein, vermittelte dem Käufer drei Kilogramm Amphetamine im Wert von 5000 Euro. Als Vergütung behielt er einen Teil der Drogen für sich selbst ein, machte stets „einen Schnapp“, wie er es ausdrückte, nahm sich also ein Stück vom Kuchen für den Eigenkonsum.

Beschuldigter gesteht

Neben der Finanzierung seiner eigenen Sucht durch den Drogenhandel verlegte er sich auf das Fälschen von Banknoten. Anfang dieses Jahres soll er mehrere Kopien von Euro-Geldscheinen erstellt oder erhalten haben, vervollständigte die recht dilettantisch gefertigten Blüten durch einfache Silberfolie, „damit sie richtig glänzen“ und als echtes Geld durchgehen, bestätigte der Angeklagte den Vorwurf. Insgesamt rund 700 Euro an 20- und 50-Euro-Scheinen brachte er damit in Umlauf, die Anfang des Jahres überall in Marburg auftauchten.

Seit Anfang Februar sitzt der Wiederholungstäter in Untersuchungshaft – in Gefangenschaft wird er wahrscheinlich auch bleiben: bereits am Mittwoch einigten sich die Prozessbeteiligten auf eine gerichtliche Verständigung. Der Deal: Der Beschuldigte legt ein umfassendes Geständnis ab, kann dafür eine Maximalstrafe von höchstens sechs Jahren Haft, mindestens jedoch viereinhalb Jahre erwarten.

Diesem Vorschlag des Vorsitzenden Richters Dr. Marco Herzog stimmten Verteidigung und Staatsanwaltschaft nach kurzer Diskussion zu. Drei kleinere Anklagepunkte stellte die Strafkammer ein, die meisten Vorwürfe wurden von der Verteidigung „so wie angeklagt eingeräumt“, teilte Rechtsanwalt Stefan Adler mit.

Er verwies mehrfach auf die Rolle des Beschuldigten innerhalb der zahlreichen Drogendeals: Da scheinbar weder sein gesondert verfolgter Kollege noch der Zwischenhändler sich gegenseitig trauten, übernahm der Angeklagte eine Art Mittlerrolle, stellte den Kontakt vor Ort her und betreute quasi die Übergabe der Betäubungsmittel. Sein Ziel sei dabei stets die Finanzierung seines teuren Eigenkonsums gewesen, erläuterte sein Verteidiger. „Ich habe immer etwas abbekommen“, ergänzte der Mann.

Der von der Verteidigung 
 vorgeschlagenen Beihilfe-Tat konnte die Gegenseite nicht zustimmen: Die Teilnahme und Vermittlung des Mannes an dem aktiven Handel hatte stets zum Ziel, entweder Geld zu erhalten oder einen Teil der Drogen abzugreifen, stellte Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel fest. Auch in diesem Fall sehe der Gesetzgeber ein unerlaubtes Handeltreiben vor. Wegen dieses Straftatbestands steht der Mann bei Weitem nicht zum ersten Mal vor Gericht.

Urteil
 schon Donnerstag

Er ist seit seiner Jugend „ganz erheblich drogenabhängig“, mehrere Therapien brach er ab, kehrte stets zurück in die Szene. Schon als Jugendlicher verübte er geringfügige Straftaten, griff bereits mit elf Jahren erstmals zu Drogen, verbrachte im Rausch seine Nächte in der Spielhalle. Einen Schulabschluss schaffte 
er erst während eines ersten Haftaufenthalts, berichtete ein psychiatrischer Sachverständiger, der die Verhandlung begleitete.

Regelmäßig musste sich der Beschuldigte in den vergangenen Jahren wegen Dutzender Fälle verantworten, saß mehrmals im Gefängnis. Zuletzt wurde er 2013 aus einer mehrjährigen Haftstrafe entlassen, ein halbes Jahr später begann er erneut Kokain zu nehmen, bis zu fünf Gramm am Tag, „je nachdem, was so da war“, ergänzte der Angeklagte den Bericht. Die Folgen des übermäßigen Konsums ließen nicht lange auf sich warten: Nachdem das Koks bei ihm „ein Loch in der Nase“ verursacht hatte, stieg er auf Crack um. Von der Droge nahm er zunehmend mehr, konsumierte zwischen 3 und 16 Gramm am Tag.

Sein markanter Lebenslauf wie sein ausuferndes Suchtverhalten weisen „typische Muster“ auf, er nehme „was zu kriegen ist“, erläuterte der Gutachter, der bei dem Angeklagten 
eine deutliche Mehrfachabhängigkeit diagnostizierte. Eine verminderte Schuldfähigkeit bei den im Vorfeld geplanten 
Taten und Beschaffungsfahrten schloss er aus: „Er ist strafrechtlich voll verantwortlich.“

Aus seinem „chronischen Suchtproblem“ komme der 27-Jährige aus eigener Kraft nicht mehr heraus, prognostizierte der Sachverständige. Er sprach sich für eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt nach Paragraf 64 des Strafgesetzbuches aus. Angesichts der eindeutigen Vergangenheit des Täters dürfte die Kammer diesem Vorschlag wohl folgen. Schon diesen Donnerstag soll das 
Urteil verkündet werden.

von Ina Tannert

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