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„Er hat so viele Löcher zu stopfen“

Aus dem Amtsgericht „Er hat so viele Löcher zu stopfen“

Spielt ein Erlös von „nur“ einigen tausend Euro eine Rolle, wenn dem Gewinn ein millionenfacher Schuldenberg entgegensteht? Ja - zumindest in dem ­Betrugsfall gegen einen Marburger Geschäftsmann.

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Der Angeklagte musste sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. Zunehmend undurchsichtig gestaltet sich nicht nur die Aktenlage, sondern das ganze Verfahren gegen den vorbestraften Geschäftsmann vor dem Marburger Schöffengericht. Der Ex-Chef einer insolventen Firma aus Marburg ist zum wiederholten Mal wegen mehrerer Vergehen angeklagt, die im Zuge des Insolvenzverfahrens ans Licht kamen.

Dass er gegenüber dem Gerichtsvollzieher den Besitz eines Sportwagens verschwieg, gibt der 45-Jährige zu.

Das Verfahren dreht sich nun noch um den Betrugsvorwurf: Der Angeklagte lieh sich vor rund drei Jahren von Bekannten insgesamt rund 35000 Euro, die er nicht zurückzahlte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dass er seine Zahlungsunfähigkeit absichtlich verschwieg und in betrügerischer Absicht handelte. Das bestreitet der ehemalige Geschäftsführer. Seine Begründung: Er habe mit Geld aus dem Verkauf mehrerer Grundstücke und Immobilien gerechnet, auf den Mehrerlös spekuliert, mit dem er dann die neuen Darlehen begleichen wollte.

Die Grundstücke verkaufte in Absprache mit der Bank eine­ Immobilienfirma. Deren Geschäftsführer nahm vor Gericht Stellung zu den umfangreichen Vertragsunterlagen. Probleme, das Ganze aufzuschlüsseln, machte die scheinbar verwirrende Buchführung des Unternehmens. Herauszufinden, wann welche Grundstücke und für wie viel Geld veräußert wurden, war da gar nicht so leicht zu beantworten. Ebenso wie die Frage des Vorsitzenden Richters Thomas Rohner, ob der Beschuldigte tatsächlich „ernsthafte Zahlungen erwarten konnte“ und damit wohl keinen Betrug begehen konnte. Die Gretchenfrage in dem Prozess. Laut Zeuge hatte der Angeklagte „einen Anspruch auf Erlöse“, allerdings lediglich einige kleinere Beträge, die Immobilien erzielten nicht den erwarteten Preis, „die Erwartungen waren definitiv höher“. Den Erlös musste sich der Mann zudem mit seiner Miterbin teilen. Ob der Angeklagte von dem tatsächlichen Preis zum Tatzeitraum wusste, bezweifelte der Zeuge.

Gläubiger fordern rund drei Millionen Euro

Abzüglich diverser Kosten der Immobilienfirma erhielten die Erben am Ende die Hälfte des Mehrerlöses. Demnach konnte­ der Angeklagte „zwischen 20000 und 30000 Euro“ aus den Verkäufen erwarten. Deutlich weniger als gedacht, da die Firma diverse Nutzungsentschädigungen oder Gläubigerkosten für den Angeklagten beglich und diese von der Forderung abzog. „Genau kann ich es nicht sagen“, gab der Zeuge an.

Welche Mehrkosten genau und welche Gegenforderungen zwischen der Firma und dem Angeklagten bestanden hatten, ließ sich nicht genau nachvollziehen. Der Erlös sei jedoch stetig weiter gesunken, stets wurden neue Zusatzkosten „in dem ganzen Kuddelmuddel abgezogen“, erklärte Verteidiger Kai Guthke. Auch der Angeklagte hatte zuvor angegeben, dass er mit mindestens 50000 Euro mehr gerechnet hatte, daher seine neuen Gläubiger auf den Krediten sitzen blieben.

Das nahm ihm der Staatsanwalt mittlerweile sogar ab, zur Überraschung der Verteidigung. Jedoch hatte Oliver Rust noch ein Ass im Ärmel: Er führte ein weiteres Urteil des Landgerichts von 2013 in das Verfahren ein, das auf die immens hohen Schulden des Angeklagten Bezug nahm. Wie damals herauskam, stellten die Gläubiger Forderungen von insgesamt rund drei Millionen Euro an den Ex-Chef der insolventen Firma. In dem Zivilverfahren einigten sich die Parteien wohl auf eine Zahlung von eineinhalb Millionen Euro an den Insolvenzverwalter, zulasten des Angeklagten. Das sei „ein Riesenschuldenberg“, stellte der Staatsanwalt fest. Erwartungen aus dem Verkauf der Immobilien von 50000 Euro seien da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Demzufolge hätte der Angeklagte also gar nicht davon ausgehen können, die neuen Darlehen zurückzahlen zu können, „er hat so viele Löcher zu stopfen“, vermutete Rust eine betrügerische Absicht des Beschuldigten.

Diese neue Erkenntnis hatten die Prozessbeteiligten erst einmal zu verdauen. Um die Akte ausgiebiger zu prüfen und neue Zeugen laden zu können, ­wurde das Verfahren auf Ende Januar vertagt.

von Ina Tannert

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