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Entwarnung in Sachen Corona-Virus

Virologie Entwarnung in Sachen Corona-Virus

Professor Friedemann Weber hat mit seiner Arbeitsgruppe das Corona-Virus erforscht.

Marburg. Das neuentdeckte Coronavirus befällt die Zellen der menschlichen Atemwege ebenso effektiv wie das SARS-Virus und schaltet die körpereigene Abwehr aus, ist aber deutlich empfindlicher gegenüber der Verabreichung des Wirkstoffs Interferon, der das Immunsystem anregt. Das berichtet ein Forscherteam unter Federführung des Marburger Virologen Professor Friedemann Weber in der kommenden Ausgabe der Fachzeitschrift „Journal of Virology“.

Im vergangenen Herbst hatten Virologen am Erasmus Medical Center (EMC) in Rotterdam ein neues Coronavirus isoliert, das zu akuten Atemwegserkrankungen führt, verbunden mit Nierenversagen. Aufgrund mehrerer Todesfälle in den vergangenen Monaten sorgte das neue Virus weltweit für Schlagzeilen. Bereits im Oktober 2012 bekamen Weber und sein Team Proben des isolierten Virus zur Untersuchung ins Labor geschickt. Jetzt liegen die ersten Ergebnisse vor. „Das neue Humane Coronavirus EMC ist eng mit dem SARS-Virus verwandt, das vor zehn Jahren 8000 Personen infizierte, von denen 800 starben“, berichten die Autoren der aktuellen Studie um Professor Dr. Friedemann Weber von der Philipps-Universität. „Wir haben viele Ähnlichkeiten gesehen“, sagte Weber gegenüber der OP. Sie konnten nachweisen, dass beide Viren sich in Zellen eines Typs vermehren können, der die Bronchien auskleidet.

Jedoch hat die Verabreichung von Interferon einen deutlich stärkeren antiviralen Effekt auf das neue Coronavirus als auf das SARS-Virus, das weitgehend unempfindlich gegenüber dem Wirkstoff ist. „SARS ist robuster und kann das besser wegstecken“, resümiert der Marburger Forscher.

Interferon ist ein Hauptbestandteil des angeborenen Immunsystems: es ist eines der ersten Moleküle, die befallene Zellen nach einer Infektion produzieren, und stimuliert die Herstellung weiterer 300 Faktoren, die sich gegen eindringende Krankheitserreger richten. Aufgrund weiterer Untersuchungen vermuten die Autoren, dass das SARS-Virus die antivirale Wirkung von Interferon aktiv dämpft: Möglicherweise verhindert es den Transport eines Signalmoleküls in den Zellkern, so dass dieses Interferon dort nicht anzuschalten vermag. Interferon wird vorwiegend als Krebsmedikament verwendet, wurde aber im Jahr 2003 auch als Medikament gegen SARS erprobt. Als Medikament für bereits an der Virusinfektion erkrankte Patienten ist es dennoch nicht gut geeignet, erläuterte Weber im Gespräch mit der OP. „Wenn die Symptome bei SARS und anderen akuten Virusinfektionen auftreten, ist es schon zu spät“, sagte Weber. Auch sei es zu teuer und zu aufwendig, Interferon flächendeckend prophylaktisch als Schutzmedikament zu impfen. Jedoch könne man Interferon als Medikament nutzen, um zu verhindern, dass sich Klinik-Personal ansteckt, das in Kontakt mit „Coronavirus-Patienten kommt. Das nannte Weber als eine der praktisch umsetzbaren Erkenntnisse der Forschungsergebnisse,

Die Fähigkeit, menschliche Zellen zu befallen, geht beim neuen Coronavirus zwar eher weiter als bei SARS, aber aufgrund seiner wesentlich größeren Empfindlichkeit gegenüber Interferon hoffen die Forscher, dass es sich besser eindämmen lässt. Und das ist aus Sicht Webers die Haupterkenntnis: Die derzeit untersuchte Variante des Corona-Virus hat nach Angaben von Weber das epidemische Potenzial von SARS. Allerdings wies er im Gespräch mit der OP darauf hin, dass das Corona-Virus wie auch andere hochgefährliche Viren noch veränderte Varianten ausbilden könne.

Die Arbeit der Forscher wurde finanziell vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung, über das EU-Projekt „PREDEMICS“, das Uni-Klinikum Gießen und Marburg sowie die „Leibniz Graduate School for emerging infectious diseases“ (EIDIS) gefördert.

von Manfred Hitzeroth

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