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„Entscheidend ist die soziale Prävention“

Blickpunkt: Gesunde Stadt „Entscheidend ist die soziale Prävention“

Der Arzt übte im vollbe­setzten Stadtverordnetensitzungssaal deut­liche Kritik an der wirtschaftsnahen Konzeption des 
Gesundheitswesens.

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Gesundheitspolitiker Dr. Ellis Huber sprach bei der Auftaktveranstaltung zum Projekt „Gesunde Stadt“.

Quelle: privat

Marburg. „Wenige Dinge sind in unserem Leben so relevant wie die Gesundheit, ich denke, da sind wir uns einig. Marburg als Kommune hat dabei auf die Gesundheit der Bürger einen großen Einfluss; und genau darum soll es heute gehen.“ Mit diesen Worten eröffnete Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) am Mittwoch die Auftaktveranstaltung zum Projekt 
„Gesunde Stadt“ im Stadtverordnetensitzungssaal.

Dabei ging es dem Oberbürgermeister vor allem um eine Verbesserung der Gesundheit, ohne dass diese nur den Besserverdienern möglich wäre. „In Deutschland leben reiche Menschen bis zu 14 Jahre länger als arme, in Schweden beträgt die Differenz nur 2 Jahre; diesen Rückstand auf die Skandinavier empfand ich schon immer als untragbar“, sagte Spies.

Zahl der psychischen Erkrankungen steigt

In diesem Sinne hatte er als Gastredner den Berliner Arzt und Gesundheitspolitiker Dr. Ellis Huber eingeladen, der vor 26 Jahren den „Tag der Arbeit 
und Gesundheit“ ins Leben rief und sich für eine Verbesserung der Lebenssituation 
als entscheidenden Faktor für Gesundheit stark macht.

„Wir stellen seit Jahren fest, dass Schmerzleiden im Rücken und psychische Erkrankungen, beide oft allein durch Probleme in der Lebenssituation verursacht, einen enorm großen Anteil der chronisch Kranken und entsprechend an den Kosten für die Krankenkassen ausmachen. Diese Tendenz ist vor allem im psychischen Sektor, Stichwort Burnout, von klar steigender Tendenz, vor allem bei Frauen“, sagte Huber.

Generell ging es dem ehemaligen Präsidenten der Berliner Ärztekammer weniger um schulmedizinische Therapieansätze als vor allem um ein gesundheitsförderndes Stadtklima. „Entscheidend ist die soziale Prävention; wenn Menschen sich wohlfühlen, wenn sie sich sicher fühlen und auch im 
höheren Alter noch geschätzt, dann hat dies einen enorm starken messbaren Effekt. Dadurch können eine Menge Kosten und Nebenwirkungen durch Medikamente, vor allem 
Psychopharmaka, eingespart werden.“

Keine konkreten Vorschläge

Kritisch beurteilte der Mediziner die derzeitige wirtschaftsnahe Konzeption des Gesundheitswesens, das seiner Ansicht nach oft am falschen Ende ansetzen würde. Entsprechend sollten die großen Budgets der Kassen anteilig für die Aufwertung der kommunalen Angebote im Bereich sozialer Absicherung, Jugendbildung und Altenförderung verwendet werden.

Konkrete Vorschläge, wie diese Ideen am Beispiel Marburg im Einzelnen umzusetzen wären, lieferte Huber dabei nicht, verwies aber gerade im Bereich der Altenversorgung auf große 
Erfolge in Norwegen. „Es ist durchaus möglich, auch alte 
Menschen durch Sport und Motivation wieder von den Pflegestufen und Rollatoren herunter zu bekommen, nur wird dieser Weg selten gegangen, da Alter praktisch als Krankheit behandelt wird“, sagte Huber.

In voll besetzten Sitzungssaal gab es für den Vortrag großen Zuspruch. Einen weiteren Termin für die nächste Veranstaltung der Reihe konnte OB Spies an diesem Abend noch nicht bekannt geben, die Reihe wird aber fortgesetzt.

von Marcus Hergenhan

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Die Oberhessische Presse sprach mit Dr. Ellis Huber, dem früheren Präsidenten der Berliner Ärztekammer, über Notwendigkeit und Ausrichtung kommunaler Gesundheitspolitik.

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