Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Sprühregen

Navigation:
Entschärfer: "Die Bomben-Gefahr lauert überall"

Bomben in Marburg und auf der A 3 Entschärfer: "Die Bomben-Gefahr lauert überall"

Baustellen-Bombe am Ortenberg und auf der Autobahn bei Offenbach: Die OP erklärt, wie Experten Bomben im Erdboden entdecken und wie Blindgänger durch den Kampfmittelräumdienst (KMRD) entschärft und entfernt werden.

Voriger Artikel
6000 neue Leuchten für die Stadt
Nächster Artikel
Ein "Schlaraffenland" für Marburgs Kinder

Die Baustellen-Bombe am Ortenberg und der Hauptbahnhof sowie umliegende Grundstücke nach einem Bombardement im Februar 1945.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Gerhard Gossens hat einen gefährlichen Job. Eine Stunde nach einem Blindgänger-Alarm kommen er und seine Kollegen des KMRD dort an, wo niemand hin will: An Fundorten von Bomben, die mitunter jederzeit explodieren können.

Auf welche Weise ein Blindgänger entschärft wird, hängt vom Fundort, der Konstruktion und dem Zustand des Sprengsatzes sowie des Zünders ab. Nach dem Fund wird zuerst das Herkunftsland und der genaue Typ des Blindgängers und des Zünders ermittelt. „Es gibt klare äußerliche Merkmale, die auf die Herkunft hinweisen“ erläutert Gossens, Leiter des KMRD.

Aus den Konstruktionsmerkmalen ergibt sich die Gefährdung durch Selbstauslösung und der Empfindlichkeit gegen äußere Einflüsse, etwa Erschütterungen oder Sonnenein-strahlung. Je nachdem um welche Bombe mit welchem Mechanismus es sich handelt, kann die Entschärfung, - das Entfernen des Zünders - beginnen. Das geht nur, wenn der Zünder eindeutig erkennbar und in einem guten Zustand ist. Zudem muss die Entfernung, der Abtransport gefahrlos möglich sein. Deshalb wird vor der Entschärfung stets ein Sicherheitsradius um den Fundort gezogen, Anwohner aus umliegenden Häusern evakuiert.Nach dem Entschärfen wird der Blindgänger abtransportiert, zerlegt und vernichtet.

Entschärfen in Marburg, sprengen in Offenbach

Eine andere Methode ist die Vernichtung, die kontrollierte Sprengung am Fundort. In diesem Fall wird die vollständige Detonation des Blindgängers durch direktes Anbringen einer Vernichtungsladung verursacht. Es ist eher selten, dass der Blindgänger am Fundort zur Explosion gebracht. So, wie am Dienstagabend auf der A 3 bei Offenbach - dort mussten Gossens und Co. eine besonders gefährliche 500 Kilogramm-Bombe detonieren lassen. Resultat: ein vier Meter tiefer, 20 Meter breiter Krater in der Fahrbahn.

Nur in Ausnahmefällen wird eine scharfe Bombe vom Fundort abtransportiert. Der Zünder wird vorher provisorisch von außen gesichert oder weniger empfindlich gemacht. Transportiert wird der Blindgänger in einer Lage, die das geringste Risiko einer Auslösung gewährt. Der Blindgänger wird zum nächsten geeigneten Platz transportiert, an dem er gesprengt werden kann.

Bei einigen Bomben können Kopf oder Boden mit dem nicht zu entschärfenden Zünder vom Rest der Sprengsatze getrennt werden - durch ein ferngesteuertes Wasserstrahlschneidgerät, wie Hessen es kürzlich erst anschaffte. Der Rest wird dann gefahrlos abtransportiert und beseitigt, so dass nur noch der Teil mit dem Zünder und einem geringen Sprengstoffanteil gesprengt werden muss.

Heikel sind Bomben mit chemischem Langzeitzünder - wie unter der A 3 bei Offenbach. Sie gelten als unberechenbar, können jederzeit von selbst explodieren. „Wenn es sich in Marburg um so einen Mechanismus gehandelt hätte, hätten wir uns nicht so viel Zeit lassen können, hätten umgehend reagieren müssen“, sagt Gossens.

Neben Zufallsfunden wie auf der Baustelle an der „Alten Gärtnerei“ forschen Kampfmittelexperten vor allem selbst nach. Dazu dienen vor allem Luftbilder und Angriffslisten der Alliierten. DieBombenbelastung einer Region lässt sich so abschätzen (die OP berichtete). Bei der Suche nach Blindgängern setzen die Mitarbeiter der KMRD sogenannte Magnetometer ein. Diese schlagen bei Funden an, da alle Bomben aus ferromagnetischem Stahl bestehen. Dieser Stoff bewirkt eine Störung des sonst homogenen Erdmagnetfeldes an der Oberfläche - das bemerkt der Magnetometer. Ermittelt werden die Werte, indem zwei Sonden etwa einen Meter voneinander entfernt im Erdboden versenkt werden. Werden Differenzen im Magnetfeld festgestellt, lassen sich - je nach deren Größe - Bomben in bis zu sechs Metern Tiefe finden.

Die Zahl der unentdeckten Blindgänger wird 2013 deutschlandweit auf 100 000 geschätzt. Jährlich werden etwa 5500 Blindgänger entschärft. Viele stammen von Luftangriffen der Amerikaner, Briten, Franzosen. Aber auch gefährliches Material von der Wehrmacht - etwa von gesprengten Munitionsdepots - versteckt sich im Erdboden. Auch im Landkreis, etwa im Wald zwischen Cölbe und Sarnau oder rund um Stadtallendorf. „Ob oder wie viel irgendwo liegt, kann niemand genau sagen“, sagt Gossens. Im Prinzip gelte: Dort, wo bombadiert wurde - vor allem rund um Bahnhöfe - können Sprengsätze im Boden liegen.

Eine Gefahr für Baugebiete? „Es gibt Altlastverdachtsflächen. Wenn man auf einer solchen bauen will, wird vor der Genehmigung das Bauamt mit dem Regierungspräsidium klären, welche Bereiche auf dem Bauplatz zu prüfen sind“, sagt Edith Pfingst, Sprecherin der Stadt. Die Kosten für das Gutachten müsse der Bauherr tragen, die Entsorgung zahlt der Staat.

Laut S+S-Immobilien, Eigentümer des Grundstücks der „Alten Gärtnerei“, ist das gesamte Areal vor dem Baustart durch den KMRD bereits geprüft worden. Eine neue Untersuchung sei nach dem Fund am Montagmittag nicht geplant.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr