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Engelsskulptur erinnert an tragischen Badeunfall

150 Jahre Hauptfriedhof Engelsskulptur erinnert an tragischen Badeunfall

Hinter der Engelsskulptur, die auf dem Hauptfriedhof an Gretchen Kreckwitz erinnert, verbirgt sich die traurige Geschichte ­eines zu früh gestorbenen Mädchens.

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Ein Mädchen starb im Jahr 1898 während des Schwimmunterrichts in der Lahn-Badeanstalt. Ihr zu Ehren wurde diese Statue errichtet.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Ein Gang über den Hauptfriedhof trägt dazu bei, wieder an die dort begrabenen Toten zu denken. Viele Gräber sind mit Blumen geschmückt, auf einigen Grabkreuzen stehen im Gedenken an die Verstorbenen Bibelsprüche geschrieben.

In der Nähe der Gräber der Schriftstellerin Elisabeth Mentzel und des Malers Carl Bantzer stößt der Spaziergänger auf das mit Efeu überwachsene Grab der Margarethe Kreckwitz. Auf einem Sockel über dem Grab steht die lebensgroße Figur eines Engels mit einer Feder in der Hand.

Auf dem Sockel sind die Geburts- und Sterbedaten (30. November 1886 bis 26. August 1898) des Mädchens zu entziffern und die Worte „Hier ruht in Gott unsere inniggeliebte und unvergessliche Tochter und Schwester“. Eine spezielle Widmung erinnert an die tragischen Begleitumstände ihres Todes in dem Bad an der Lahn: „Ohne Abschied von den Deinen riss des Stromes Well‘ Dich fort. Ruh‘ nun wohl! Gott wird vereinen uns an einem schönen Ort“.

Sicherheitsleine riss ab

Der Oberhess berichtete in der Ausgabe vom 27. August 1898 in einem Satz darüber, dass „das Töchterchen des Landmessers Kreckwitz in der neuen (städtischen) Bade-Anstalt ertrunken“ sei. Über die genaueren Hintergründe berichtete die „Oberhessische Zeitung“ zwei Tage nach dem Tod Gretchens unter der Überschrift „Ein Unstern waltet über unserer Stadt“.

Ihr Ertrinken habe „eine bisher nicht gekannte Erregung und Erbitterung“ bei den Marburgern ausgelöst. Die Elfjährige hatte gegen Mittag am Schwimm­unterricht für 10- bis 14-jährige Mädchen bei einem Bademeistergehilfen teilgenommen. Sie hatte sich nach Darstellung der Zeitung an einem befestigten Strick mit Gurt befunden, der bei einem Sprung von dem Beckenrand in das Wasser gerissen sei.

Der Bademeistergehilfe sei ihr nachgesprungen. Im Wasser habe sich das Mädchen an ihn geklammert, dann habe er selbst Angst bekommen und sie losgelassen, um sich selbst zu retten. Das Mädchen sei dann zwischen die schwimmenden Kessel, auf denen die Badeanstalt stand, geraten, weil die vorgeschriebenen „Schutzrechen“ fehlten. Danach sei das Kind nicht mehr gesehen und nur noch ertrunken geborgen worden.

Am 29. August 1898 war die Angelegenheit das wichtigste Thema im Marburger Stadtparlament. Unter anderem wurde während der Sitzung bekanntgegeben, dass an der Unglücksleine noch wenige Tage zuvor ein Erwachsener geschwommen hatte.

Tod als Parlaments-Thema

Sowohl ein Rettungsboot als auch zwei Stangen, ein Rettungshaken und eine Leine, die bei lebensgefährlichen Situationen eigentlich benutzt werden sollten, fanden keine Verwendung. Mehrere Abgeordnete fragten, wie es zu so einem Unglücksfall kommen konnte und forderten die Schließung der erst kurz zuvor eröffneten Badeanstalt.

Die Stadtoberen kamen dieser Forderung nicht nach, doch das Baden von Frauen und Kindern in der freien Lahn wurde damals vorläufig verboten. Gretchens Beerdigung fand laut Zeitungsbericht „unter ganz außerordentlicher Teilnahme der Marburger Bewohnerschaft“ statt.

Auch mehrere Klassen der höheren Mädchenschule gaben ihrer verunglückten Mitschülerin das letzte Geleit. Der Pfarrer hielt eine ergreifende Trauerrede. Mehr als 100 Jahre nach dem tragischen Unglücksfall im Schwimmbad in der Lahn erinnert die Engelsskulptur immer noch an das Mädchen aus Marburg, dessen Leben so früh endete.

von Manfred Hitzeroth

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