Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
„Engagement kann nicht schaden“

OP-Serie: "Ausgedient" „Engagement kann nicht schaden“

Seit fünf Jahren müssen auch die Pflegedienste auf die Unterstützung der „Zivis“ verzichten. Aber empfinden die sozialen Einrichtungen das Ausbleiben der jungen Männer überhaupt als Verlust? Eine Spurensuche.

Voriger Artikel
Treiben wie vor Hunderten von Jahren
Nächster Artikel
Frauen traktieren ihr Opfer mit Schlägen und Tritten

Symbolbild: Ein junger Mann hilft einer Bewohnerin einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke.  Seit mittlerweile fünf Jahren gibt es den Zivildienst nicht mehr.

Quelle: Friso Gentsch

Marburg. Zehn Monate. Klingt nicht unbedingt viel, aber ich hielt es damals für vertane Zeit. Das Ziel war ganz klar: Ausmusterung. Die Chancen standen  nicht schlecht. Dachte ich zumindest. Auf der körperlichen  „Mängelliste“ standen mehrere Bänderrisse, die Sehschwäche, sowie meine persönliche „Trumpfkarte“: der jüngst erlittene Bandscheibenvorfall. Eigentlich konnte ja gar nichts schiefgehen. Nächster Halt: das Kreiswehrersatzamt in Wetzlar.

Im Gepäck hatte ich die ärztlichen Befunde und zugehörigen Röntgenaufnahmen. Nach Reaktions-, Hör- und Sehtest, einigen unangenehmen Fragen und noch unangenehmeren Abtastgriffen dann das Ergebnis, welches mir per Post zugestellt wurde: Zettel voller Kreuze, auf denen ich nach der Bestätigung meiner Wehrdienstunfähigkeit suchte – aber eben nicht fand.

In meinem Fall wäre es für die zuständigen Sachbearbeiter wohl deutlich leichter gewesen, die Kreuze nur an den „Verwendungsvorschlägen“ zu setzen, die auch für mich in Frage kommen. Stattdessen markierten die Kreuze all die Tätigkeiten, die ich bei der Bundeswehr eben nicht ausüben durfte.

Zehn Monate Zeit, um weiteren Weg zu überdenken

Lange suchte ich nach einem Betätigungsfeld, das nicht mit einem dicken X markiert war – schließlich wurde ich fündig. Auch heute denke ich manchmal darüber nach, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich damals wirklich Fallschirmschneider bei der Bundeswehr geworden wäre. Da der „Dienst an der Waffe“ für mich aber nicht zur Debatte stand, fing ich an, mich mit dem anstehenden Zivildienst auseinander zu setzen. Zehn Monate – wird wohl nicht so wild werden –, bleibt immerhin ein bisschen Zeit, um über das geplante Studium nachzudenken …
Ein Freund war gerade mitten in seinem Zivildienst bei der Diakoniestation Oberes Lahntal und bot mir an, einen Tag mit ihm zu fahren. Also los. Mit dem Auto ging es zur ersten Klientin in eine Wohnsiedlung in Biedenkopf.

Auf dem Weg erklärte mir mein Bekannter die Aufgaben für die Zivis in der Station. Da gab es die Bürotätigkeiten, die ich noch zur Genüge kennenlernen würde. Aber eben auch diese Hausbesuche. Mir gefiel die Beschreibung, ich hatte das Gefühl, etwas sinnvolles zu tun. Während meiner ersten Woche begleitete ich eine Krankenpflegerin auf ihrer täglichen Route. Ich konnte es gar nicht glauben, an wie vielen Wohnungen wir hielten. Gefühlt steuerten wir jedes dritte Haus in den altbekannten Straßen meiner Heimat an. Die Hilfeleistungen vor Ort waren dabei ganz unterschiedlich. Manchmal ging es nur darum, das Essen bereit zu stellen, ein anderes Mal musste ein Klient umgelagert werden.

Wir Zivis – zu meiner Zeit waren wir zu viert – bekamen unsere eigenen Aufgabenfelder. So fuhr ich zunächst eine Tour im Edertal, das auch heute noch zum Einzugsgebiet der Diakoniestation gehört, die sich seit 2006 Diakoniestation Biedenkopf nennt. Ich gewöhnte mich recht schnell an die unterschiedlichen Aufgaben, war aber noch immer davon beeindruckt, wie viel harte Schicksale sich hinter den so netten Gardinen in den oft so schön hergerichteten Häuschen abspielten. Das erste Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, was „demographischer Wandel“ bedeutet. Eine Erfahrung, die ich persönlich nicht missen möchte.

Meinungen gehen auseinander, ob Zivis der Einrichtung fehlen

Aber wie haben die „hauptamtlichen Kräfte“ die Zivi-Zeit empfunden? Brigitte Schneider, die lange Zeit als Verwaltungsfachangestellte in der Diakoniestation Oberes Lahntal gearbeitet hat, betrachtet die Tätigkeiten der Zivis rückblickend als äußerst hilfreich.
Besonders wenn es darum ging, Dinge zu erledigen, die eben nicht von den ausgebildeten Pflegekräften abgedeckt werden konnten. Zum Beispiel Botengänge zur Apotheke oder zum Hausarzt. Aber auch unterstützende Arbeit im Haushalt (Putzen, Kochen, Aufräumen etc.) oder administrative Aufgaben in der Station selbst. Die Zivis kümmerten sich auch  um die Dienstfahrzeuge, eine Sammlung alter Opel Corsas: TÜV-Besuche, Waschanlage – das ganze Programm.

Für Harald Gran, ehemaliger Krankenpfleger in der Diakoniestation, bedeutete der plötzliche Verlust der Zivis hingegen keinen großen Verlust, wenn es um den Aspekt ambulante Pflege geht. Die Einsatzmöglichkeiten der Zivis seien da eben relativ begrenzt gewesen, sodass sich nach Einstellung der Wehrpflicht auch kein klaffendes Loch in der Pflege ergeben habe.

Heute kümmern sich etwa 30 Pflegekräfte der Diakoniestation Biedenkopf um etwa 200 Klienten. Die Arbeitsbelastung ist noch immer hoch und die Zeit bei den Hilfsbedürftigen knapp bemessen. Besonders nachgefragt seien derzeit die sogenannten „Entlastungsleistungen“ – die von den Krankenkassen bewilligt, aber eben nicht ausgezahlt werden, berichtet Tanja Achenbach, stellvertretende Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Biedenkopf. Bei diesen Leistungen geht es auch um unterstützende Hilfen im Alltag.

So gäbe es häufig Anfragen von Angehörigen, ob mal jemand den Rasen mähen oder auch mal einen Nachmittag der Oma Gesellschaft leisten könne, erklärt Achenbach. Derlei Leistungen sind für die Pflegekräften aber oft nicht möglich – allein schon aus zeitlichen Gründen. Solche Tätigkeiten, speziell im Haushalt, wurden in der Vergangenheit eben häufig von den Zivildienstleistenden übernommen. „Wir suchen da auch immer noch Mitarbeiter, die sich eine solche Tätigkeit vorstellen können“, sagt Achenbach. Und was denkt Achenbach generell über den Zivildienst? „Wenn junge Menschen sich engagieren, kann das der Gesamtgesellschaft sicher nicht schaden.“

von Dennis Siepmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr