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Eng, enger, Pilgrimstein

OP-Test: Radfahren in Marburg Eng, enger, Pilgrimstein

Laut einer aktuellen OP-Umfrage fühlen sich 74 Prozent der Fahrradfahrer auf Marburgs ­Straßen nicht sicher. Wie gefährlich ist es wirklich? Die erste Teststrecke führt uns durchs Nordviertel.

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Ganz schön eng – an vielen Stellen, wie hier im Pilgrimstein, blieb OP-Volontärin Ruth Korte auf ­ihrem Fahrrad zwischen Bordsteinkante und Straße nicht viel Platz.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Meine Tour beginnt am Hauptbahnhof. Ich bin mit dem Zug angereist und habe mein Fahrrad mit dem Aufzug problemlos vom Gleis bis zum Bahnhofsvorplatz transportieren können. Hier treffe ich auf Lothar Frauenlob und Hartmut Wagner, zwei Hobby-Radfahrer aus Leipzig, die die Universitätsstadt mit dem Fahrrad erkunden. „Wir haben nichts an den Radwegen auszusetzen“, antworten die beiden auf die Frage, ob sie sich auf Marburgs Straßen sicher fühlen. Auch jenseits der Lahn sei der Weg „gut ausgeschildert“. Marburg, so das Resümee der Leipziger, ist „eine sehr fahrradfreundliche Stadt.“

Ein nettes Kompliment. Und doch steht es im völligen Kontrast zu dem, was eine aktuelle OP-Umfrage ergab, bei der knapp Dreiviertel der über 400 Teilnehmer auf die Frage, ob sie sich als Fahrradfahrer in der Marburger Innenstadt sicher fühlten, mit „Nein“ stimmten. Es passt auch nicht zu dem Ergebnis des aktuellen Fahrradklima-Tests des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), bei dem Marburg auf Platz 87 von 100 landete. Gibt es in dieser Stadt tatsächlich ein Sicherheitsproblem für Radfahrer oder jammern die Marburger auf einem hohen Niveau?

Die erste Teststrecke führt über die Bahnhofstraße bis zur Elisabethkirche und von dort weiter über den Pilgrimstein in die Deutschhausstraße und schließlich durch die Robert-Koch-Straße zurück zum Hauptbahnhof (siehe Karte).
Bevor es losgeht, versuche ich mich erst einmal im Schilderdschungel des Bahnhofvorplatzes zu orientieren. Ganze 50 Verkehrsschilder wurden hier aufgestellt, doch keines zeigt an, wo es für die Fahrradfahrer langgeht. Kein Wunder also, dass sie aus allen Richtungen auf das Bahnhofsgebäude zu- und wegsteuern.

Auffallend sind auch die vielen Fahrräder, die von ihren Besitzern trotz eines einlaminierten Warnhinweises der Stadtwerke Marburg an Geländern, Straßenlaternen und Baumschutzzäunen abgestellt wurden und dem Bahnhofsvorplatz einen sehr unaufgeräumten Eindruck verleihen. Allerdings gibt es für die Fahrradbesitzer kaum eine Alternative – Ständer entdecke ich jedenfalls nur einen und der ist bis auf den letzten Platz belegt.

Wenig Platz für Radfahrer

Ich folge schließlich den Stadtbussen, die die Einbahnstraße im Uhrzeigersinn befahren, gerate so quasi per Zufall an eine Fußgänger- und Radfahrer-Ampel, die unter der B3 verläuft und werde auf einem gut markierten Weg über die Elisabethbrücke geführt. In Höhe des Eiscafés „Aroma“ endet der Fahrradweg jedoch plötzlich. Von nun an muss sich der Radfahrer auf der dreispurigen Bahnhofstraße also selbst zurechtfinden. Dies gelingt nur mit deutlichen Handzeichen und ein wenig Rücksicht seitens der Autofahrer. Der Sicherheitsabstand von 1,50 Meter kann hier jedoch nicht eingehalten werden.

An der Elisabethkirche vorbei geht es weiter in den Pilgrimstein, wo sich zwar endlich ein Fahrradweg auftut – allerdings nur auf der linken Seite. Auf der rechten Seite stadteinwärts wird es zwischen Bordsteinkante und Autos stellenweise so eng, dass ich ganz schön ins Schwanken gerate, als eine Pkw-Kolonne an mir vorbeibraust. Auf Höhe der Baustelle am Rudolphsplatz wird es mir schließlich zu gefährlich. Ich steige ab und schiebe weiter.

Am Oberstadtaufzug treffe ich eine vollbepackte Fahrradfahrerin aus Lüneburg, die gerade einen Zwischenstopp in Marburg macht. „Man kann sich hier echt schlecht orientieren“, findet die Norddeutsche. Ein paar mal sei sie von Autofahrern „angepöbelt“ und, als sie auf den Gehweg ausgewichen ist, von Fußgängern finster angeschaut worden – obwohl sie ihr Fahrrad geschoben hat.

Das angespannte Verhältnis zwischen Fußgängern, Autofahrern und Fahrradfahrern, das in Marburg herrscht, macht sich auch in den sozialen Netzwerken bemerkbar. „Gut wäre die Frage: Wie sicher fühlen sich die Fußgänger mit den Fahrradfahrern? Zum Beispiel in der Fußgängerzone oder beim Überqueren grüner Fußgängerampeln“, antwortet etwa Floriane Pfeiffer-Ditschler bei Facebook auf unsere Frage, wie sicher sich Marburgs Fahrradfahrer fühlen. „Etwas mehr gegenseitige Rücksichtnahme unter allen Verkehrsteilnehmern täte Marburg wirklich gut“, postet hingegen Manfred Isenberg.

In der Biegenstraße endet der Fahrradstreifen so plötzlich wie er begann auf Höhe der Savignystraße und in der Deutschhausstraße sogar in einem Baustellenbereich. Wieder muss ich auf die Straße ausweichen. Eine Radfahrerin, die vor mir fährt, entscheidet, dass der gegenüberliegende Bürgersteig die sicherere Variante ist. Dass sie damit die Fußgänger gefährdet, die ihr entgegenkommen, scheint sie nicht bedacht zu haben.

Das letzte Stück führt durch die Bunsenstraße, eine breite Einbahnstraße, deren fehlende Straßenmarkierung manch einen Autofahrer zu Überholmanövern verleitet, nur um nach ein paar Metern, am Baustellenbereich in Höhe Firmaneistraße, abbremsen zu müssen. Auch hier kann es für Fahrradfahrer durchaus eng werden. Aus der Robert-Koch-Straße kommend, biege ich wieder in die Bahnhofstraße ab, auf der ich auf einem deutlich markierten Fahrradweg auf den Bahnhofsvorplatz gelange. Wenigstens der letzte Teil der Tour verläuft unproblematisch.

von Ruth Korte

 
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