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Emotionale Abreise ins Ungewisse

Camp Cappel Emotionale Abreise ins Ungewisse

Am Ende bleiben nur Tränen: Dienstagmorgen wurden die ersten Flüchtlinge mit Bussen abgeholt und nach Rotenburg transportiert.

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Der siebenjährige Saba aus dem Irak sitzt weinend auf dem Bordstein, während die anderen Flüchtlinge ihre wenigen Habseligkeiten zum Bus tragen.

Quelle: Nadine Weigel

Cappel. Er schluchzt, sein Gesicht hat er in den Händen verborgen. An der rechten Hand fehlen ihm drei Finger. Die hat der Siebenjährige im Irak verloren. Nun sitzt Saba auf dem Bordstein und weint hemmungslos. Er kann nicht verstehen, warum er aus Marburg weg muss.

Niemand kann das an diesem Morgen verstehen. Nicht die Geflüchteten, die mit ihren wenigen Habseligkeiten in die Busse einsteigen. Nicht die Ehrenamtlichen, die so lange gegen eine Schließung des Cappeler Flüchtlingscamps gekämpft haben. Und auch Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) läuft ratlos von einem zum andern, schüttelt Hände, verabschiedet sich. „Ich finde es eine Missachtung der Landesregierung, dass sie offenkundig ihre wirtschaftlichen Interessen an erste Stelle gestellt hat“, betont Spies.

Er hebt noch einmal hervor, wie außergewöhnlich gut sich das Camp in das soziale Gefüge der Stadt integriert hat. Wie hingebungsvoll rund 1000 Ehrenamtliche für eine Integration der Geflüchteten gesorgt haben. Zudem sei Marburg landesweit die einzige Erstaufnahmeeinrichtung mit unabhängigen Obleuten. „Für diese traumatisierte Menschen, die aus solch totalitären Regimen kommen, ist das immens wichtig“, weiß Spies.

Entgegen der Ankündigungen steigen alle, die heute abgeholt werden sollen, auch tatsächlich in die Busse. „Was sollen wir sonst tun? Wir haben doch gar keine andere Wahl“, sagt Nuha Fadel. Die 47-jährige Journalistin ist aus dem Irak geflohen und wird nun innerhalb weniger Monate in ihre siebte Erstaufnahmeeinrichtung gebracht. Das bedeutet: Kein Ankommen. Keine Ruhe. Keine Sicherheit. Erneut eine Reise ins Ungewisse. „Ich bin am Ende, ich denke man behandelt uns so, damit wir freiwillig wieder in unser Land zurückkehren“, sagt sie und kämpft mit den Tränen.

Bewegende Szenen lassen auch gestandene Politiker nicht kalt

Viele weinen an diesem Morgen. Herzlich verabschieden sich die Bewohner von den Security-Mitarbeitern des Camps. Minutenlang liegen sich die Menschen in den Armen. Letztlich kann auch der siebenjährige Saba beruhigt werden. Ein Security-Mitarbeiter herzt ihn, hebt ihn auf die Schultern und bringt ihn zum Bus.

Es sind bewegende Szenen, die auch den gestandenen Politiker nicht kalt lassen. Spies winkt zum Abschied dem Bus hinterher und schüttelt resigniert den Kopf. „ Wir sind ein reiches, gut organisiertes Land“, sagt er. „Wir können das besser.“

Dienstagnachmittag äußerte sich die Landesregierung zu den Gründen der Marburger Schließung: „Wir haben in Cappel wenig Außenfläche, eine nicht hohe Aufenthaltsqualität und wenig Funktionsräume“, sagte Axel Wintermeyer (CDU), Chef der hessischen Staatskanzlei. Außerdem sei ein „Containerstandort“ wie in Cappel von Seiten des Landes nicht gewünscht. Zudem würden weitere Kosten für die Schaffung noch fehlender Strukturen anfallen, die in anderen Standorten bereits vorhanden seien, so Wintermeyer.

„Wir haben auch berücksichtigt, dass in Cappel eine per­fekte Nachnutzungsmöglichkeit besteht. Nämlich für in Marburg dringend benötigtes soziales und studentisches Wohnen.“

von Nadine Weigel

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