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Emel Zeynelabidin: "Erwachsen wird man nur im diesseits"

Internationaler Frauentag Emel Zeynelabidin: "Erwachsen wird man nur im diesseits"

Erwachsen wird man nur im Diesseits, ist Emel Zeynelabidins Bilanz ihres bisherigen Lebens. Das Buch, das sie geschrieben hat, ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Enthüllungsstory.

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Marburg. Eine gläubige Muslima, die sich bei ihrem ersten Besuch in Marburg ausgerechnet von der Elisabethkirche verzaubern lässt? Eine - vorsichtig formuliert - ungewöhnliche Anekdote.

Ungewöhnlich, in vielerlei Hinsicht jedoch auch bis ins kleinste Klischee konventionell, ist die Vita Emel Zeynelabidins, die am Freitag, am Internationalen Frauentag, in Berlin ihren Essayband „Erwachsen wird man nur im Diesseits“ der Öffentlichkeit vorstellt. Der Band enthält eine Sammlung von Texten, in denen sich die in Istanbul geborene, aber seit frühester Kindheit in Deutschland aufgewachsene Autorin kritisch mit dem Leben der muslimischen Gläubigen in Deutschland auseinandersetzt.

Vater sucht „richtigen“ Ehemann aus

Ihre Sicht auf die Dinge könnte persönlicher kaum sein: „Mein Vater hatte in Istanbul Medizin studiert und machte in Deutschland seine Facharztausbildung.“ Als „gebildet, fromm und sehr sanftmütig“ charakterisiert Emel Zeynelabidin ihren mittlerweile verstorbenen Vater, dem sie ihr Buch gewidmet hat. „Ich war eine richtige Vater-Tochter“, erinnert sich die 52-Jährige und spricht von „inniger, vertrauter Nähe“.

Dieses Verhältnis freilich hinderte den traditionell muslimisch denkenden und handelnden Vater nicht daran, für seine Tochter bereits den „richtigen“ Ehemann zu suchen, als Emel noch in die zehnte Klasse eines katholischen Mädchengymnasiums ging und keinerlei Kontakte zu Gleichaltrigen außerhalb der Familie haben durfte. „Mein Vater wollte, dass ich studiere - aus der ,Sicherheit‘ einer Ehe heraus“, erzählt Zeynelabidin.

Weder der von den Eltern ausgewählte Ahmed noch die junge Frau selbst hatten wirklich Interesse an der Ehe, gleichwohl heirateten sie: „Ich wollte Vater nicht verletzen.“ Das Paar zog nach Berlin, die ersten Kinder wurden geboren, Emels Schwester heiratete Ahmeds Bruder, man wohnte zusammen in einer Art „Großfamilie mit gleichen Interessen“, wie die Autorin es rückblickend beschreibt.

Zeynelabidin begann, ehrenamtlich tätig zu werden, gründete einen islamischen Frauenverein, einen islamischen Kindergarten, eine islamische Schule. Eine nach den Regeln des Koran funktionierende Parallelwelt, aber eine, die sogar mit öffentlichen Mitteln des Senats gefördert wurde. Was die Politik seinerzeit für Integrationspolitik hielt, bewertet Zeynelabidin anders: „Das war eigentlich reine Segregation, aber ich war in meiner Welt, und es ging mir gut.“

Gezielte Provokationen

Dann kam der 11. September 2001, und nichts war mehr gut in der Welt der in Deutschland lebenden Muslime. Mit der aufkommenden Kopftuchdebatte habe sie begonnen, die Lebensentwürfe der Frauen zu vergleichen, denen sie in Berlin täglich begegnete.

Erste gezielte Provokation: Mit einer befreundeten Hutmacherin kreierte sie Kopfbedeckungen, die modisch aussahen, aber den islamischen Verhüllungsregeln entsprachen. „Das bewegte sich noch im Rahmen, aber dann wurde ich zur Regelbrecherin“, erzählt Emel Zeynelabidin mit jenem trotzigen Dauerlächeln, das sie seit einigen Jahren nicht mehr hinter einem Schleier versteckt.

Der Regelbruch: die Teilnahme an einem Kurs für irische Tänze an der Volkshochschule. „Dort hatte ich unerlaubten Körperkontakt zu fremden Männern, aber es war mir egal, diese Sünde zu begehen.“ Ahmed, ihrem Mann, war es nicht egal, auch ihren anderen Verwandten nicht: „Als ich mich dann noch in einen anderen Mann verliebte, gaben mir meine Leute endgültig zu verstehen, dass ich vom Teufel besessen sein müsste.“

Aufruf zur Selbstreflexion

Die Scheidung folgte, die fünf ältesten Kinder blieben bei ihrem Exmann, und nach der Trennung begann Emel Zeynelabidin intensiv, publizistisch tätig zu werden. Ihre Artikel und Essays sind maßgeblich von ihrem eigenen Erleben geprägt und drehen sich in erster Linie um die Suche nach einem nicht autoritären Gottesbild. Gott, sagt sie, sei keine Person, „sondern etwas, das einen durchs Leben führt.“

Zur Selbstreflexion will Zeynelabidin andere Menschen - Frauen wie Männer - animieren, und das stößt in den muslimischen Organisationen nicht auf ungeteilte Sympathie, wie sie berichtet. „Ich werde diskreditiert“, sagt die Autorin, die sich vorgenommen hat, genau diese Organisationen „zur Verantwortung zu ziehen und in die Mangel zu nehmen“.

Mächtiges Bedürfnis nach konstruktivem Dialog

Genauso kritisch, wie sich die streitbare Publizistin mit der deutschen Integrationspolitik auseinandersetzt, geht sie also auch mit den Strukturen ihrer Glaubensbrüder und -schwestern ins Gericht. Hart, aber fair und immer mit einem mächtigen Bedürfnis nach konstruktivem Dialog - so hat sich Emel Zenelabidin mittlerweile auch in Marburg bekannt gemacht, wo sie sofort nach ihrer Ankunft in der neuen Wahlheimat Kernbach den Kontakt zu Klerus, Wissenschaft und Politik suchte.

Ob das beschauliche Kernbach vor den Toren Marburgs die vorerst letzte Lebensstation für Emel Zeynelabidin und ihren Sohn ist, spielt eigentlich keine allzu große große Rolle, denn angekommen ist sie definitiv, in ihrer Welt, erwachsen und im Diesseits.

Das Buch „Erwachsen wird man nur im Diesseits“ erscheint im „Verlag 3.0“ (ISBN 978-3-943138-51-1) und ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.

von Carsten Beckmann

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