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Elternvertreter: G8 quält unsere Kinder

Schulpolitik Elternvertreter: G8 quält unsere Kinder

Gymnasien in Hessen sollen vom nächsten Schuljahr an wählen können, ob sie am Turbo-Abitur ­G8 festhalten oder zur längeren Schulzeit G9 zurückkehren. Der Stadtelternbeirat favorisiert die Rückkehr zu ­G9.

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Letzte Vorbereitungen für die Abiturprüfungen am Gymnasium Philippinum im Sommer: Künftig könnte es an allen Gymnasien wieder neun Jahre bis zum Abitur dauern.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Noch ist die Ankündigung von Kultusministerin Nicola Beer (FDP) eine Ankündigung und nicht in ein Gesetz gegossen - aber der Entwurf ist in der Beratungsphase; am 15. November befasst sich der Schulausschuss des Landtags in einer Öffentlichen Anhörung damit.

Marburgs Schuldezernentin teilte mit, dass die Marburger Gymnasien bis Mitte November Beschlüsse fassen müssen, ob sie an G8 festhalten oder zu G9 zurückkehren wollen. Sie müssen in diesem Fall darstellen, wie sie die Umstellung organisatorisch darstellen wollen. Voraussetzung für die Rückkehr ist eine Entscheidung der Schulkonferenz mit Zweidrittelmehrheit. Außerdem müssen Eltern, Schüler und das Staatliche Schulamt zustimmen.

Zumindest von Elternseite gibt es offenbar eine breite Mehrheit für die Rückkehr zu G9. Davon geht zumindest der Stadtelternbeirat aus.

Schülern fehlt die Freizeit

„G8 quält unsere Kinder“, sagt Bernd Mönnich, der Vorsitzende des Stadtelternbeirats. Unterrichtsverdichtung habe vor allem in den Sprachen, in Mathematik und Biologie stattgefunden. Zwar sei die Stofffülle mit der Reduzierung von 13 auf 12 Jahre formal reduziert worden, aber die Anforderungen durch das Zentralabitur, aber auch durch neue Zulassungsbeschränkungen an den Universitäten seien gestiegen. Die Folgen: Die Schüler haben weniger Zeit für sportliche oder schulische Aktivitäten, die Feuerwehren klagen über Nachwuchsmangel, dem Kinder- und Jugendparlament laufen die Mitglieder weg, schulische Arbeitsgruppen werden weniger frequentiert.

Diese Entwicklungen jedenfalls hat der Stadtelternbeirat festgestellt. „Die Belastungen für die Familie sind gestiegen“, sagt Stadtelternbeirats-Mitglied Cerstin Cramer; „auch die Wochenenden müssen von Anfang bis Ende durchgeplant werden.“

Nein, G8 funktioniert nicht, sagt der Stadtelternbeirat. Unter anderem deswegen nicht, weil die Bildungsstandards, die mit der Verkürzung der Schulzeit formuliert worden sind, an den Schulen noch nicht hundertprozentig umgesetzt sind: Die Umstellung des Unterrichts auf Methodenorientierung gestaltet sich schwierig, zudem ist es schlicht so, dass etwa in Latein oder in Mathematik bestimmte Grundlagen in der (verkürzten) Mittelstufe gelegt werden müssen, damit die Schüler die Chance haben, den Stoff der Oberstufe überhaupt packen zu können.

Inzwischen, so berichtet Mönnich, werde an einzelnen Gymnasien von der Wahl eines Biologie-Leistungskurses abgeraten, weil die Grundlagen in der Mittelstufe nicht gelegt seien.

Problemkreis: G9 und Ganztagsschule

Die Rückkehr zu G9 ist also für den Stadtelternbeirat eine Chance. Die überwiegende Mehrheit der hessischen Eltern fordere die Rückkehr.

Nur müssten die Rahmenbedingungen eben so gestaltet werden, dass der Unterricht in G9 tatsächlich wieder attraktiv werde. Gabriele Leder, die stellvertretende Vorsitzende des Stadtelternbeirats, befürchtet beispielsweise, die Rückkehr zu G9 könne auch die Rückehr zur Halbtagsschule bedeuten: „Aufgrund der hohen Stundenbelastung waren die Gymnasien ja keine echten Ganztagsschulen - sondern Schulen, an denen den ganzen Tag Unterricht stattgefunden hat“, sagt Leder. Das spezifische Förderkonzept an Ganztagsschulen - fest eingeplante Stillarbeitsphasen auch am Vormittag, offene Lernformen, Zusammenarbeit zwischen Schule und Vereinen und ähnliches - sei in Gefahr, weil tatsächlich noch kaum Landesmittel in die Gymnasien für Ganztagsschulen fließen.

Ganz so sieht Dr. Kerstin Weinbach das nicht. Auch die Gymnasien seien im Ganztagsschulprogramm, die müssten nun halt darstellen, wie sie sich ihr Ganztagsangebot bei einer Rückkehr zu G9 vorstellen.

Für Bernd Mönnich wird eine interessante Fragestellung sein, ob sich ein Gymnasium in Marburg an einem geplanten Modellversuch der Landesregierung beteiligt, G9 und G8 parallel an einer Schule anzubieten.

Dieser so genannte „dritte Weg“, so Mönnich, setzt unter anderem voraus, dass die betreffende Schule pro Jahrgangsstufe vier Parallelklassen hat. Zudem sei noch ungeklärt, was an dieser Schule geschieht, wenn deutlich mehr Schüler für G9 als für G8 angemeldet werden. „Bedeutet dies, dass die G9-Schüler dann in größeren Klassenverbänden unterrichtet werden“, fragt Mönnich.

Weinbach will sich an solchen Spekulationen vorerst nicht beteiligen. Sie will erst einmal abwarten, ob sich tatsächlich alle Marburger Gymnasien für G9 entscheiden. Was das Land sagt, wenn es kein G8-Angebot in der Universitätsstadt Marburg geben würde, will sie noch nicht vorhersagen.

Informationsveranstaltung am Donnerstag

Vor allem die Schüler, die jetzt in der vierten Klasse oder darunter sind, sind von den künftigen Entscheidungen betrofffen, aber auch die Jahrgangsstufen fünf und sechs. Für alle Interessierten bietet der Stadtelternbeirat eine Informationsveranstaltung am Donnerstag ab 20 Uhr in der Martin-Luther-Schule an. Vertreter des Stadtelternbeirats und des Staatlichen Schulamts sowie Marburgs Schuldezernentin geben Auskunft über den Stand der Planungen und versuchen, offene Fragen zu beantworten.

von Till Conrad

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