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"Eltern machen sich Sorgen ums Geld"

Geburtenzahlen steigen "Eltern machen sich Sorgen ums Geld"

So viele Kinder wie seit 15 Jahren nicht mehr erblickten 2015 in Hessen das Licht der Welt. Auch im Landkreis werden stetig mehr Babys geboren. Dabei sind die Mütter zunehmend älter.

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Auf den Geburtsstationen in Hessen ist wieder mehr los. Die Geburtenzahl steigt – 2015 kamen2039 Babys zur Welt.

Quelle: Mark Adel/Archiv

Marburg. Es ist noch gar nicht so lange her, da galt eine werdende Mutter mit 30 Jahren schon als Spätgebärende, die Schwangerschaft wurde direkt als Risikoschwangerschaft in den Mutterpass eingetragen. „Das Alter wurde mittlerweile­ endlich auf 35 Jahre angehoben“, sagt Renate Reddemann von Pro Familia in Marburg. Die Einrichtung berät etwa ein Viertel aller werdenden Eltern im Landkreis. Und dabei wird schnell deutlich: Die Frauen im Alter zwischen 30 und 34 Jahren sind die zweitgrößte Gruppe der sogenannten „Erstgebärenden“. Die meisten Frauen bekommen Nachwuchs im Alter zwischen 25 und 29 Jahren.

Darin könnte laut Reddemann einer der Gründe liegen, warum die Geburtenzahlen in Marburg nicht so stark steigen, wie im hessischen Durchschnitt. „Marburg ist eine junge Stadt. Viele Menschen kommen her und machen eine Ausbildung oder studieren. Dann bekommen sie ihre Kinder später und sind dann vielleicht schon wieder weggezogen.“ Das sei vielleicht zugleich ein Grund dafür, warum Hessen bei einer weiteren Statistik Schlusslicht ist: Im Kreis kommen auf eine Frau im gebärfähigen Alter zwischen 15 und 45 Jahren 1,3 Kinder. Im hessischen Durchschnitt sind es 1,5 Kinder, bei Spitzenreiter Groß-Gerau sogar 1,66 Kinder pro Frau.

Das macht den Landkreis aber noch nicht zu einer Region der Einzelkinder. „Wir bieten speziell für Mehrfachgebärende Geburtsvorbereitungskurse an“, erzählt Rosalie Rudzio vom Geburtshaus Marburg, wo rund 120 Schwangere im Jahr begleitet werden. „Die Kurse sind immer voll.“ Dort treffen Mütter auf andere Frauen in gleichen Lebenssituationen und können sich laut Rudzio gezielt Zeit für das zweite oder dritte Kind nehmen, sich austauschen und lernen, wie sie Geschwisterkinder einbinden können. „Aber gerade die Mehrfachgebärenden sind oftmals schon in den 30er-Jahren“, erklärt die Hebamme. Bei den Müttern, die das erste Mal ein Kind zur Welt bringen, seien hingegen alle Altersklassen vertreten. „Früher wurde man noch schief angeguckt, wenn man mit 40 noch mal schwanger wurde“, sagt Reddemann. Das lege sich mittlerweile.

Inzwischen mehr Studierende mit Kind

An der Uni Marburg gibt es viele junge Eltern. „Die Zahl der Anfragen nimmt zu“, sagt Karen Albrecht, Leiterin des Familienservice der Philipps-Universität. Zunehmend informierten sich junge Eltern dort über Betreuungsplätze, über Babysitter und andere Möglichkeiten, Studium und Kinder unter einen Hut zu bringen. „Wir übernehmen eine Lotsenfunktion. Helfen bei verschiedenen Fragen. So kann etwa ein Kind wohngeldberechtigt sein, die Eltern aber nicht.“

Der Familienservice weise auf Stolpersteine hin, gebe Tipps und vermittle dann an die entsprechenden Fachleute. „Studienberater können etwa helfen, die Studienpläne abzuändern oder eine längere Bearbeitungszeit bei der Bachelorarbeit zu ermöglichen.“ Neben dem Kontakt zu 175 Babysittern hilft die Uni auch mit insgesamt 108 Plätzen in der Kleinkinderbetreuung. „Die sind immer ausgebucht.“

Die Familienstruktur bei den Studenten sei vielfältig. Manche beginnen ihr Studium, wenn sie schon ein Kind haben. Andere bekommen es während des Studiums. „Zum Studium passt das bei vielen gut, denn dann sind die Studenten flexibler, als später im Berufsleben“, sagt Albrecht.

Im vergangenen Jahr erblickten im Kreis 2039 Kinder das Licht der Welt. Laut Statistischem Landesamt war das ein Zuwachs von 1,4 Prozent. Der hessenweite Geburtenzuwachs liegt hingegen bei 4,1 Prozent. Das liegt etwa an Regionen wie dem Schwalm-Eder-Kreis, der mit rund 1400 neuen Erdenbürgern schon einen Geburtenzuwachs von mehr als zehn Prozent verzeichnete.

Reddemann freut sich, dass wieder mehr Kinder geboren werden. Dafür sei es wichtig, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu fördern. Größte Sorgen machen die Menschen in ihren Beratungen sich um das Finanzielle. „Wir erklären, was ihnen zusteht - etwa Wohngeld oder Elterngeld“, erklärt sie. „Die große Angst ist meist, ob die Eltern das überhaupt schaffen.“ Daher gebe es auch Hilfe bei der Frage, wie ein Paar als Elternpaar leben will.

Reddemann sieht auch immer wieder große Unterschiede zwischen Stadt und Land: „Auf dem Land wird oft noch traditionell gelebt. Die Verwandtschaft ist in der Nähe und kann bei der Kinderbetreuung helfen.“ Oft nehmen sich Mütter dort zwei oder drei Jahre Zeit, bevor sie wieder arbeiten - manchmal bleiben sie noch länger zuhause. In der Stadt Marburg sei das anders - auch dadurch, dass es dort viele Akademiker gebe. „Viele Frauen gehen schneller wieder in den Beruf. Die Familie wohnt nicht unbedingt in der Nähe. Da muss das anders gehandhabt werden.“ Eine ganztägige Betreuung für Kinder unter drei Jahren sei daher wichtig, um familienfreundlich zu sein. „Das Thema U3-Betreuung hat in den letzten Jahren im gesamten Landkreis an Tempo aufgenommen“, erklärt Reddemann. Früher habe es keine so flächendeckende Betreuung gegeben. Das wirke sich auch positiv auf die Geburtenzahlen aus. „Und für die Kinder ist es in Ordnung, wenn beide Eltern arbeiten“, ist sich Reddemann sicher. Sie wirbt aber immer wieder dafür, dass die Elternzeit gut genutzt werde, dass auch Väter sich beteiligten und ihre­ acht Wochen „Papazeit“ nähmen - vielleicht sogar mehr. Das sei aber in den typischen Männerberufen oftmals immer noch nicht gerne gesehen, den Vätern teilweise sogar peinlich. „Man kann die acht Wochen Elternzeit ja auch so aufteilen, wie es an der Arbeit passt.“ So könne ein Bauarbeiter etwa in den kalten, nassen Monaten daheim bleiben und sich ums Kind kümmern.

von Patricia Grähling

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