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Elf Meter harter Waldboden bis zur Landung

Serie "Unser Wald" Elf Meter harter Waldboden bis zur Landung

Das Kriegsbeil haben sie begraben. Und meterhohe Schikanen zum Drüberspringen errichtet. Im heutigen Teil der Serie „Unser Wald“ geht es um eine ungewöhnliche Kooperation zwischen Forstleuten und Mountainbikern im Marburger Wald.

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Bei der Einweihung des Mountainbike-Parcours im Waldgebiet Lichter Küppel präsentierten sich die Downhill-Fahrer des Vereins „Freestyle“ in Aktion.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Es geht steil bergab. Sehr steil. Von oben betrachtet kann einem fast schwindelig werden, wenn man sich die Fahrrinne anschaut. Und erst die Schikanen. Meterhohe Rampen, steile Abstürze direkt dahinter, schmale Pfade zum Balancieren und brückenartige Konstrukte zum Überfahren oder Überspringen. Beim mächtigsten dieser Bauwerke liegen elf Meter harter Waldboden zwischen Absprungs- und Landungspunkt. „Das ist weit und breit einzigartig“, sagt Marco Scheithauer, Vorsitzender des Marburger Vereins „Freestyle“, voller Stolz. „Bislang hatte Willingen mit zehn Metern den weitesten Sprung im näheren Umland - den haben wir jetzt.“

In dem Parcours steckt Knochenarbeit, rund 1000 Stunden. Ausgeführt mit Schaufel, Eimer und Schubkarren. Innerhalb eines Korridors von 1,5 Hektar sind in den zurückliegenden Monaten mitten im Waldgebiet Lichter Küppel oberhalb der Badestube zwei 850 Meter lange Strecken fürs Mountainbiken entstanden. Maschineneinsatz? Fehlanzeige. Baumaterialien: ausschließlich Holz, Erde und Stein - eben nur das, was man im Wald findet.

Mountainbike-Parcours Marburg. Foto: Thorsten Richter (thr)

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„Ich glaube, dass man an unserem Werk sehen kann, dass es uns ernst ist mit dem Parcours“, sagt Marco Scheithauer. Der Verein „Freestyle“ hat sich vor allem dem Mountainbiken und Downhill-Fahren verschrieben - und war somit der ideale Ansprechpartner für den Landesbetrieb Hessenforst, der seit Januar 2014 ganz offiziell nach möglichen Kooperationspartnern für einen MountainbikeParcours suchte. Und in den „Freestyle“-Bikern fand.

Doch warum eigentlich? „Als Ventil“, sagt Lutz Hofheinz, Leiter des Forstamts Kirchhain. Die Forstleute erhoffen sich von der ausgewiesenen Strecke fürs Downhill-Fahren vor allem dies: ein Ende des illegalens Mountainbikens abseits der Waldwege und des unerlaubten Baus von Hindernissen mitten im Gelände. „Da läuft der Förster durch den Wald und trifft auf eine meterhohe Schanze aus Baumstämmen, die dort verbotenerweise errichtet wurde - das kam im Marburger Wald schon öfter vor“, sagt Hofheinz und erklärt, dass dies einen Verstoß gegen mindestes drei Gesetze gleichzeitig darstelle, „Naturschutz, Bodenschutz und Forstrecht“, zählt er auf. Der Parcours, so die Hoffnung, kann eine Lösung für den illegalen Mountainbikeverkehr im Wald sein, „denn hier ist das Downhill-Fahren erlaubt, es ist kontrollierbar - und es ist klar, wer die Verantwortung trägt und die Haftung hat“.

Hofheinz steht gemeinsam mit dem Bauerbacher Revierförster Christian Korff am Einstieg zum Mountainbike-Parcours. Die beiden Männer schauen sich die Strecke an - und sind sich einig: Beeindruckend, was da entstanden ist in reiner Handarbeit. „Dass keine Maschinen zum Einsatz kommen, das war eine wichtige Auflage“, betont Korff. Schließlich musste Hessenforst das Vorhaben auch mit der Naturschutzbehörde abstimmen. Und die erlaubt den Parcours vorerst auf Zeit, wie die Forstleute betonen. Die Erlaubnis gilt für drei Jahre - es soll eine Bewährungsfrist sein. „Geht es mit dem Fahren quer durchs Gelände und dem Rampenbau im Wald weiter, dann wird der Parcours wieder abgebaut“, stellt Hofheinz klar. Und der Revierförster betont: „Entscheidend ist, dass das hier jetzt gut läuft.“ Denn die Forstleute wollen im Blick behalten, welche Auswirkungen der Parcours auf die Umwelt hat - also auf die Natur und auch auf die anderen Waldnutzer, die im Staatswald unterwegs sind, dort Ruhe, Erholung und sportlichen Ausgleich auf den Waldwegen suchen.

Die Arbeit und die Freizeit, die die „Freestyle“-Mountainbiker in den Bau des Parcours investiert haben, vermag womöglich selbst Skeptiker zuversichtlich stimmen. Marco Scheithauer berichtet von vielen Wochenenden mit schwerer körperlicher Arbeit, die seit Oktober 2014 hinter ihm und dem harten Kern von etwa zehn Vereinsmitgliedern liegen. „Jeden Sonntag und auch immer noch einmal unter der Woche abends“ waren die Parcoursbauer tätig. Mit Hacke und Schippe legten sie zwei Downhill-Strecken an - eine mit mittlerem und eine mit anspruchsvollem Schwierigkeitsgrad für die tempo- und hindernisreiche Abfahrt. „Bislang sind hier alle heil heruntergekommen“, berichtet Scheithauer über die ersten Wochen des Parcoursbetriebs. „Von kleinen Schürfwunden einmal abgesehen“, aber das gehöre dazu, fügt der Mountainbiker an.

Ohne schützenden Helm und Knieschoner geht ohnehin gar nichts, weitere Schutzausrüstung sei auch zu empfehlen, betont der passionierte Downhill-Fahrer und lacht über die Frage, warum man sich so etwas überhaupt antut. „Na ja, das ist wie bei jedem Sport, man rast ja nicht einfach so diese Strecke hinab - man beginnt irgendwann mit dem Downhill-Fahren und wächst dann hinein.“

Hineinwachsen ins Mountainbiken dürfen in Marburg und in der Region auch neue „Freestyle“-Anhänger. Bislang zählt der Verein gut 50 Mitglieder, Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind vertreten. Beitreten muss man, wenn man den neuen Parcours nutzen will, „allein schon wegen der Versicherung“, erklärt Scheithauer. Die Mitgliedskosten: fünf Euro pro Monat.

Parcours ist klar abgegrenzt

Damit die Biker bei der Abfahrt weder sich noch andere Waldnutzer in Gefahr bringen, ist der Parcours klar abgegrenzt - und die provisorische Beschilderung wird demnächst durch eine ordnungsgemäße ersetzt, versichert Scheithauer. Ein ausgedrucktes Schild mit der Aufschrift „Lebensgefahr“ hängt bereits. Wo der Parcours auf den Zimmermann-Weg stößt, werden die Fahrer von einer Verengung abgebremst, um Zusammenstöße mit Fußgängern von vornherein auszuschließen. Von dort aus führt die Strecke bis hinunter zur Badestube.

Scheithauer hofft, dass die Mountainbiker mit den Stadtwerken noch über eine geeignete Stadtbusanbindung verhandeln können, so dass nach der rasanten Abfahrt ein Transfer zurück auf den Berg zur Klinik Sonnenblick entstehe. „Die Busse müssten Fahrradanhänger haben“, sagt der „Freestyle“-Vorsitzende. Von dem Busstopp an der Klinik müssten die Mountainbiker dann nur noch eine kurze Radstrecke bis zum Parcours zurücklegen.

Projekt könnte Vorbild werden

Die Forstmänner Hofheinz und Korff begleiten das Projekt mit großem Interesse. „Es könnte zum Vorbild werden“, sagt Hofheinz und spricht über weitere Gebiete im heimischen Landkreis, wo es zwischen Forstbetrieb und Downhill-Fahrern öfters einmal zu Konflikten kommt. Konflikte, die vielleicht durch ein offizielles Angebot gelöst werden können. „Beispielsweise in Burgholz“, sagt Hofheinz, „da könnten wir uns auch so etwas vorstellen.“

Durch den Marburger Mountainbike-Parcours ist im Landkreis ein drittes offizielles Angebot für Downhill-Fahrer entstanden. Der Verein „Freestyle“ unterhält zusätzlich zu dem Parcours die „Fliegewiese“, einen 3000 Quadratmeter großen Park auf dem ehemaligen Außengelände des Hallenbades Wehrda. In der Gemeinde Bad Endbach gibt es bereits seit einigen Jahren den „Flowtrail“ - einen Mountainbike-Parcours mit bis zu zehn Kilometer langen Strecken und an festen Tagen mit Anbindung an den Skilift Hartenrod. Der Flowtrail hält Angebote für Einsteiger und Fortgeschrittene bereit.

Hintergrund
Ein Auszug aus dem Forstgesetz: „Waldbesucher/innen haben aufeinander Rücksicht zu nehmen, damit eine gegenseitige Belästigung oder Behinderung vermieden wird. Durch die Benutzung darf die Lebensgemeinschaft des Waldes nicht gestört, die Bewirtschaftung des Waldes nicht behindert, der Wald nicht gefährdet, geschädigt oder verunreinigt und die Erholung anderer nicht beeinträchtigt werden.“
  • Kontakt zum Verein „Freestyle“ über den Vorsitzenden Marco Scheithauer per Mail an marco.scheithauer75@googlemail.com und im Internet unter www.fliegewiese.org.

von Carina Becker

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