Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Einst hochgeachtet, dann Sündenbock

Deutsche in Russland Einst hochgeachtet, dann Sündenbock

Magistrat, Fachdienst ­Kultur und Musikschule Klassika eröffneten die Ausstellung „Deutsche aus Russland. Geschichte und Gegenwart“ mit der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland im historischen Rathaussaal.

Voriger Artikel
Erreger lauern überall
Nächster Artikel
„Vor allem dort leben, wo Frieden herrscht“

Die wechselhafte Geschichte der deutschen Auswanderer nach Russland zeigte Projektleiter Jakob Fischer (3. von rechts) den Marburger Gästen anhand der Ausstellungstafeln.

Quelle: Arnd Hartmann

Marburg. Was teilen Schlagerstar Helene Fischer, Boxweltmeister Robert Stieglitz und der Christdemokrat Heinrich Zertik? Sie sind tief mit der wechselhaften Geschichte der einstigen deutschen Auswanderer ins russische Zarenreich verbunden. „Wurzeln schlagen und die Gesellschaft stärken“, lautet daher das Motto der eineinhalbwöchigen Wanderausstellung im Marburger Rathaus, erklärte Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach (SPD). Neben Vorträgen zu Musik und Kulinarik präsentiert sich die Ausstellung, gefördert vom Bundesministerium des ­Innern, auch für die jüngeren Generationen.

„Es ist ein informativer Auftakt“, sagte Weinbach über die 250-jährige Geschichte der Russlanddeutschen, die auf 24 Schautafeln gezeigt wird.

Mehr als 2,5 Millionen Menschen wanderten zwischen 1950 und 2012 aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten nach Deutschland aus. „Wer sind Sie? Wo kommen Sie her?“ titelt einer der ersten Aufsteller. Bauern, Handwerker und Fachgelehrte lauschten einst am Ende des 18. Jahrhunderts dem Manifest von Zarin Katharina der Großen. Hunderttausende folgten ihrem Ruf mit Aussicht auf ein besseres Leben mit Steuer- und Religionsfreiheit in den neueroberten Gebieten der Mongolen und Osmanen.

Vor allem Menschen aus dem Gebiet des heutigen Hessen gründeten so im Laufe der Zeit rund 3500 Kolonien - entlang der Wolga, in der Ukraine, im Kaukasus oder Baltikum. Auf vier der 24 Schautafeln werden die Familiengeschichten und deren Lebensstationen in der neuen Heimat gezeigt. 200 Jahre prägten die deutschen Aussiedler Ökonomie, Kultur und Gesellschaft.

"Die meisten von ihnen kommen aus Kasachstan"

Einst hochgeachtet wurde das Vorbild alsbald zum Sündenbock. Die schicksalhaften Nachwirkungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges mit gesellschaftlichem Ausschluss, Deportation unter Diktator Stalin und Stigmatisierung als Spione in Russland zu leben, hatten schwere Folgen für die deutsche Minderheit.

Erst ab den 1950er Jahren und massenhaft seit dem Zerfall der UdSSR war den Russlanddeutschen die Ausreise nach Deutschland gestattet worden. Nicht zuletzt durch Michail Gorbatschows Entspannungspolitik, fanden die heute auf vier Millionen geschätzten Einwanderer eine neue Heimat. „Die meisten von ihnen kommen aus Kasachstan“, erklärte Ausstellungsprojektleiter Jakob Fischer. Zwischen dem Bleiben oder Gehen, einer Hoffnung auf Neuanfang und flüssiger Integration mussten viele Menschen eine schwere Entscheidung treffen.

Aber auch dem Zusammenschluss der deutschen Bevölkerung mit ihren Heimkehrern widmet sich die Wanderausstellung. „Dies ist ein langer und andauernder Prozess, der auch von beiden Seiten gewünscht werden muss“, sagte Fischer. „Deutsche aus Russland sind heute in allen 16 Bundesländern angekommen, und die Mehrheit hat es auch in das neue Lebensumfeld geschafft.“

Weitere Termine zur Ausstellung: morgen ab 19 Uhr, Vortrag im Rathaus und Dienstag, 3. Mai, ab 19 Uhr im Lomonossow-Keller Musik und Erzählcafé.

von Arnd Hartmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr