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Einseitige Gewalt oder „Rosenkrieg“?

Aus dem Amtsgericht Einseitige Gewalt oder „Rosenkrieg“?

Regelmäßig soll der Angeklagte die Frauen brutal misshandelt sowie psychisch terrorisiert haben. Der 26-Jährige spricht von Gewalt auf beiden Seiten, fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

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Weil er seine Partnerinnen misshandelt haben soll, muss sich ein 26-jähriger Marburger seit Mittwoch vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Inga Kjer / dpa

Marburg. Ganze fünf Anklageschriften umfasst die umfangreiche Aktenlage im Prozess gegen einen 26 Jahre alten Mann aus Marburg. Dieser soll in den vergangenen fünf Jahren mehrfach Gewalt gegen seine Partnerinnen angewendet, die jungen Frauen unter anderem getreten, geschlagen und gewürgt haben. Der vermeintliche Schläger wurde unter anderem wegen mehrfacher gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung, Bedrohung und Sachbeschädigung in insgesamt über 20 Fällen angeklagt.

Zwischen den Jahren 2010 und 2015 war er mit mindestens drei verschiedenen Frauen liiert, lebte teilweise mit diesen zusammen. Während der Beziehungen kam es zu steigenden Gewaltexzessen, der Mann soll die Frauen verfolgt, bedroht und gequält haben. Insbesondere in seiner letzten Beziehung steigerten sich seit Anfang vergangenen Jahres die gewalttätigen Ausbrüche.

Zeugin berichtet von Misshandlungen

Im Streit soll er die junge Frau unter anderem mehrfach zu Boden, in Bauch und Rücken getreten, mit der Faust gezielt ins Gesicht und gegen den Kopf geschlagen haben. Daneben drückte er seiner Ex mehrfach Mund und Nase zu, was zu Luftnot führte, drohte ihr weitere Gewalt an und hinderte sie zeitweise am Verlassen der gemeinsamen Wohnung.

Die Misshandlungen führten zu einer Vielzahl von Verletzungen, unter anderem zahlreiche Prellungen, blutige Wunden, geplatzte Adern sowie ein Schädelhirntrauma. Die junge Frau durchlitt „Schmerzen und Angstzustände“, so die umfangreiche Anklage. Seine vorhergehende Freundin soll er nach der Trennung zudem über eine lange Zeit verfolgt und bedroht haben. Nachdem ihn die junge Frau bei der Polizei angezeigt hatte, soll er sie zu einer Rücknahme gezwungen haben, da sie „andernfalls einen guten Gerichtschirurgen brauche“.

Beim Prozessauftakt am Mittwoch vor dem Schöffengericht sprach der Angeklagte in einer mehrstündigen Einlassung über seine Beziehungen. „Da wird viel Geständiges dabei sein“, kündigte sein Verteidiger an. Ein tatsächliches Geständnis legte der gut vorbereitete Beschuldigte jedoch nicht ab, beschrieb ausschweifend den Verlauf der Partnerschaften wie die Charaktere der Frauen und bestritt einen Großteil der Anklagepunkte, ging dabei kaum auf die eigentlichen Vorwürfe ein.

Richter: Geständnis sieht anders aus

Die Angaben der Frauen schienen ihn zu wundern, so schlimm sei alles nicht abgelaufen, fand der Angeklagte. Er selber sah sich immer als liebevoller, fürsorglicher, vernünftiger Freund, der sich gut und fast schon aufopferungsvoll um seine launischen Partnerinnen kümmerte. „Ich bin jemand, der es friedlich und harmonisch mag“, erklärte der Mann. Nicht er, vielmehr die Frauen hätten ihn verfolgt, bedroht und belästigt, konnten sich mit einer Trennung nicht abfinden, „es war ein hässlicher Rosenkrieg“.

Eine geständige Einlassung sehe anders aus, belehrte der Vorsitzende Richter Dominik Best den Beschuldigten mehrfach. Dieser erzähle eine „weinerliche, von narzisstischer Selbstbeweihräucherung“ geprägte Geschichte. Äußerst emotional und zeitweise unter Tränen schilderte der Beschuldigte schließlich seine letzte Beziehung zu der Geschädigten und gleichfalls Nebenklägerin. Mit dieser fühle er sich bis heute emotional stark verbunden, die Beziehung wurde jedoch von Wut- und Gewaltausbrüchen geprägt.

Nicht er, sondern die leidenschaftliche junge Frau sei regelmäßig geradezu explodiert, habe ihn verbal und körperlich angegriffen, bis die Situation eskalierte. „Im Streit ist sie immer ausgerastet, wir schlugen und bissen beide nacheinander“, betonte der Mann. Einseitig verprügelt habe er sie nicht, „wenn, dann geschah das gegenseitig“, dabei habe er sie eventuell mehrmals „unglücklich erwischt“, erklärte der 26-Jährige.

Psychologe sieht Ratlosigkeit und schlechtes Gewissen

Er gab zu, die Frau einmal hart gegen einen Spiegel gestoßen zu haben, bis dieser zerbrach, Gegenstände nach ihr geworfen sowie ihr mehrfach den Mund zugehalten zu haben, wenn sie ihn anbrüllte. Absichtlich verletzen wollte er sie dabei nie, „ich habe nur versucht sie zu bändigen“. Bis heute stünden sich beide nahe, hatten auch nach Ende der Beziehung regelmäßig Kontakt.

Die steten gewalttätigen Übergriffe hätten ihn stark belastet, Anfang des Jahres nahm er einige psychologische Beratungstermine wahr, teilte der Mann mit. Die Gespräche seien „von sehr viel Ratlosigkeit und schlechtem Gewissen“ geprägt, heißt es in dem Bericht des Psychologen. Der Angeklagte stehe unter einer „chronisch hohen emotionalen Anspannung“ und fühle sich fälschlicherweise als brutaler Frauenschläger gebrandmarkt, so der Berater.

Bereits zu Beginn der Verhandlung äußerten die Prozessbeteiligten erstmals Vermutungen über eine möglicherweise gestörte Psyche des Angeklagten. Nach einem ersten Eindruck liege eventuell eine dissoziale Persönlichkeitsstörung vor, gab Strafrichter Best zu bedenken. Die für den ersten Verhandlungstag geladenen acht Zeugen konnten nach der mehrstündigen Vernehmung nicht mehr gehört werden.

  • Der Prozess wird diesen Donnerstag, 27. August, ab 9 Uhr fortgesetzt.

von Ina Tannert

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