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„Einheitsgefühl“ trotz blutiger Historie

Ruanda „Einheitsgefühl“ trotz blutiger Historie

Ruanda - ein Land, in dem vor 20 Jahren grausamer Völkermord begangen wurde. Heute aber auch ein Land, in dem die Menschen gemeinsam in die Zukunft blicken und in dem sich „etwas bewegt“, sagen Katja und Tim Bluthardt.

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Straßenkinder in der ruandischen Hauptstadt Kigali schlagen sich mit dem Sammeln von Müll durchs Leben. Tim und Katja Bluthardt lehren ruandische Jugendliche an einer technischen Schule. Sie erkennen in der gesamten Bevölkerung eine „kollektive Zielausrichtung“, nämlich auf wirtschaftliche Entwicklung.

Quelle: Fotos: Privatfoto

Marburg. „Die Traumatisierung ist weiterhin da“, sagen die beiden Lehrer. „Doch heute gibt es in Ruanda ein großes Einheitsgefühl. Denn alle haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen, dass sich das Land entwickelt“.

Seit zweieinhalb Jahren leben die beiden Marburger im ruandischen Dorf Rubengera in der Region Karongi am Kivu-See im Westen des Landes. Sie helfen dort im Auftrag des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes (DGD) beim Aufbau einer technischen Schule. An der Rubengera Technical Secondary School (RTSS) bilden sie junge Ruander aus, die die wirtschaftliche Entwicklung des armen Landes voranbringen sollen. Und diese werden dringend benötigt, denn beim Völkermord, dessen Beginn sich in diesen Tagen zum zwanzigsten Mal jährt, wurde „fast die gesamte Bildungselite ausgelöscht“, erläutert Tim Bluthardt, der technischer Direktor an der Schule ist. Es fehlten „ein bis zwei Generationen gut ausgebildetes Personal“ in allen Berufszweigen.

800000 Menschen starben durch den Völkermord

Im April 1994 begannen die schrecklichen Ereignisse in dem kleinen zentralostafrikanischen Land. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge starben in den darauffolgenden Monaten um die 800000 durch den Genozid an der Bevölkerungsgruppe der „Tutsi“. Extremisten aus der Bevölkerungsmehrheit der „Hutu“ kamen an die Macht, nachdem der gemäßigte Hutu-Präsident Habyarimana in seinem Flugzeug abgeschossen wurde. Sie begannen unmittelbar mit der Vernichtung der Tutsi-Minderheit. Bei den beiden Volksstämmen handelt es sich dabei nicht einmal um ethnisch eindeutig trennbare Gruppen. Während sich die Hutu traditionell aus Ackerbauern zusammensetzten, entstand die Gruppierung der Tutsi aus Viehzüchtern. Da die Viehzucht ertragreicher war, wurde der Begriff im Laufe der Jahre zum Synonym für die herrschende Schicht, während die Hutu die „Beherrschten“ verkörperten. Bereits im Zuge der Unabhängigkeit von Belgien im Jahr 1962 hatten sich die Verhältnisse jedoch umgekehrt. Verhindern konnte dies das Geschehen 1994 jedoch nicht. Auch gemäßigte Hutu und einige UNO-Blauhelmsoldaten wurden von den radikalen Milizen getötet. Die Weltgemeinschaft sah weg und zog sogar einen Großteil der Friedenstruppen aus Ruanda ab.

„Zwischen Tätern und Opfern gibt es auch viele Menschen, die zwischendrin anzusiedeln sind“, sagt Tim Bluthardt. Viele Täter seien „irgendwie auch Opfer“ der massiven Propaganda gewesen. In gewisser Weise gebe es daher manche Parallele zu Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die ersten Jahre lang sei es in dem ohnehin armen Land „nur um das Überleben“ gegangen. Dennoch werde die Geschichte nicht verdrängt. Täter seien vor Volksgerichten verurteilt worden und es gebe „verschiedene Diskussionsforen“, in denen die Vergangenheit aufbereitet werde.

Es sei zu beobachten, dass die Traumabelastung bei einigen Menschen erst jetzt „so langsam aufbricht“, so Katja Bluthardt. Dies werde unter anderem dadurch verursacht, dass nun - 20 Jahre danach - die ersten schweren Verbrecher wieder frei kämen. Zudem gebe es momentan durch den runden Jahrestag eine „Erinnerungswelle“, bei der zu erkennen sei, „dass natürlich Trauer da ist“.

„Maßen uns an, nur auf die Vergangenheit zu gucken“

Nichtsdestotrotz werde „die Vergangenheit akzeptiert“ und der Blick richte sich eher auf die Zukunft. Niemand in dem 11-Millionen-Einwohner-Staat wolle, dass sich derartige Ereignisse wiederholen. Die Tatsache, dass die Unterscheidung in Tutsi und Hutu heute ein Tabu sei, sei „nicht nur eine Parole“. Tatsächlich begreife man sich inzwischen gemeinsam als Ruander. „Es hat Morde an den Nachbarn oder sogar in der eigenen Familie gegeben. Aber die Angehörigen leben heute wieder miteinander“, so Tim Bluthardt.

Die „kollektive Zielausrichtung“ liege auf der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes in der Zukunft. „Warum maßen wir Europäer uns also an, nur auf die Vergangenheit zu schauen?“, fragt er. „Hätten die Amerikaner das auch getan, dann hätte es keinen Marshall-Plan gegeben“.

Die ruandischen Schüler jedenfalls arbeiten daran, die Perspektive des Landes zu verbessern. „Es ist ein starkes Bewusstsein vorhanden, dass man eine Verantwortung für die Familie und für die gesamte Gesellschaft hat“, so Katja Bluthardt. Die Schüler seien überaus wissbegierig. Einige von ihnen sind Waisen und einige andere wissen, dass Mitglieder ihrer Familie getötet haben. Dennoch herrsche ein starker Teamgedanke. „Die Gruppendynamik ist in Afrika viel stärker“, sagt Tim Bluthardt.

Überhaupt seien die Menschen extrem freundlich und respektvoll. Ruanda sei zudem ein „wunderschönes Land“, das für afrikanische Verhältnisse politisch sehr stabil und wenig korrupt sei. Grund genug für die Bluthardts, die Geschicke der Schule noch für längere Zeit weiter zu begleiten. Gerne mit Unterstützung deutscher Handwerker, denn theoretisch sind die Schüler schon sehr weit. „Es mangelt im Land noch an Anweisung in technischen Berufen“, so Tim Bluthardt.

von Peter Gassner

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