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„Einen Bauchladen“ eröffnet

Bordell-Prozess „Einen Bauchladen“ eröffnet

Unerwünschter Drogenhandel oder doch eine Strafzahlung für die 
Arbeit bei der Konkurrenz? Diese Frage sollte am Freitag vor Gericht 
geklärt werden.

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Im Bordell-Prozess wurde am Freitag über den Rotlicht-Jargon diskutiert.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Während der Hausdurchsuchung bei einem Mitarbeiter des „Erotic Island“ berichtete einer der Angeklagten den Ermittlern über gewisse Vorwürfe gegen den Hauptgeschädigten. Der soll wortwörtlich „einen Bauchladen“ eröffnet haben.

Dieser milieutypische Szenebegriff könne sich durchaus auf eine fremde Prostituierte beziehungsweise auf die geforderte Zahlung einer Ablösesumme beziehen, vermutete einer der Kriminalbeamten am Freitag vor Gericht und entfachte damit eine kurze Spekulationsrunde über den Sprachgebrauch der Rotlicht-Szene. Der Verteidigung erschien die ungenaue Annahme als nicht besonders glaubhaft. „Völlig falsch“, meinte einer der Angeklagten.

Der Vorwurf einen Bauchladen zu eröffnen beziehe sich auf unerwünschte Drogengeschäfte, erklärte der Mitarbeiter. Die Männer werfen dem Geschädigten vor, mehrfach im Bordell mit Betäubungsmitteln gehandelt zu haben.
Dieses und anderes Verhalten habe schließlich bereits vor der blutigen Auseinandersetzung zu seiner Entlassung geführt. Darüber hinaus hatten die Beschuldigten beteuert, dass die Prostituierten des Laufhauses jederzeit und völlig frei seien, „zu kommen und zu gehen, wann sie wollten“.

Ablösesumme üblich

Das konnte der Kriminalbeamte nicht glauben. Aus seiner beruflichen Erfahrung mit dem Rotlichtmilieu und dem Thema Menschenhandel heraus könnten die Frauen in der Regel nicht frei entscheiden, „sie werden von den Zuhältern ausgebeutet“, sagte der Zeuge.

Außerdem: Wenn eine der Prostituierten „von A nach B wechselt“, sei es durchaus üblich eine Ablösesumme zu verlangen. Ob die Angeklagten versuchten von dem Ex-Kollegen und der ehemaligen Prostituierten 10.000 Euro als Strafgebühr für einen Verstoß gegen ein angebliches Arbeitsverbot zu erpressen, soll in dem umfangreichen Prozess geklärt werden.

Als weiterer Anklagepunkt steht ein Gewaltdelikt im Raum. Die Geschädigte wirft den ehemaligen Chefs vor, sie mehrfach geschlagen und getreten zu haben. Sichtbare Verletzungen wies die damals 19-Jährige dabei nicht auf, bestätigte ein Allgemeinmediziner vor Gericht.

Zwei Tage nach dem Vorfall im Bordell ließ sich die Frau untersuchen, klagte über starke Schmerzen. Die Patientin wies glaubhaft „schmerzhafte Prellungen ohne sichtbare Hämatome“ an Armen, Schultern und Rücken auf, erläuterte der Arzt. „Nicht übermäßig stark, aber deutlich.“ Dass die Frau die Schmerzen nur vorspielte, konnte sich der Arzt nicht vorstellen.

Arbeit „am falschen Ort“

Dies sah die Verteidigung anders. „Ab einer gewissen Intensität ist ein Hämatom zu erwarten“, bezweifelte Verteidiger Frank Richtberg die Vermutung. Dem widersprach der Mediziner. Beim Abtasten habe er „eindeutig druckschmerzhafte Bereiche“ gefunden, die auf eine Gewalteinwirkung hindeuteten, auch ohne die typischen Verfärbungen und Blutergüsse.

„Das kann man mir nicht vormachen“, betonte er. Sowohl die Frau als auch ihr damaliger Lebensgefährte berichteten ihm von der angeblichen Auseinandersetzung mit den Angeklagten und der geforderten Bezahlung – weil die Prostituierte scheinbar „am falschen Ort arbeitet“. Seiner Meinung nach passten die Verletzungen zu der Geschichte der Frau.

  • Der Prozess wird am Freitag, 26. Februar, fortgesetzt.

von Ina Tannert

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