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Eine unvergessliche Nacht

Weltmeister Deutschland Eine unvergessliche Nacht

Kurz vor Mitternacht sind wir alle Weltmeister. Ob Auswanderer in Brasilien, Botschafter in Indien oder Hausfrau in Hinterland. Es ist eine Nacht, die viele zum Tage machen. Eine Nacht, die im Gedächtnis bleiben wird.

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Grenzenloser Jubel in Marburg:
Am Rudolphsplatz herrschte nach dem Schlusspfiff grenzenloser JubelFoto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Public Viewing am Rudolphsplatz. Die 112. Minute im WM-Endspiel ist gerade angebrochen. In den Gesichtern eine Mischung aus Bangen und Hoffen. Menschen kauen an ihren Fingernägeln, halten sich die Hände vors Gesicht oder klammern sich an ihre Getränkebecher.

Zur Sportbuzzer-Bildergalerie mit Fotos vom Public Viewing in Marburg, Niederweimar und Stadtallendorf.

Die Spannung ist kaum zu ertragen. Alles sieht danach aus, als müsste die Entscheidung zwischen dem DFB-Team und der „Albiceleste“ im Elfmeterschießen fallen. Der Pulsschlag pocht im ganzen Körper und der Blick wandert zurück auf die Leinwand.

Dort läuft in diesem Moment André Schürrle über die linke Außenbahn und bringt den Ball in den Strafraum. Was dann passiert, ist fußballerisch Weltklasse und versetzt ein ganzes Land in Hysterie. Mario Götze nimmt den Ball mit der Brust an und versenkt ihn noch im Fallen unhaltbar im Tor der Argentinier. Der Schuss des Bayern-Profis wirkt dabei wie ein emotionaler Befreiungsschlag für alle Mitfiebernden.

Becher wirbeln durch die Luft. Freudenschreie. Hüpfende, tanzende Massen. Statt der Leinwand sind da nur noch Hände Beine, Fahnen und Trikots. Wir sind Weltmeister!

Aus den Kneipen, Bars und Clubs strömen die Menschen auf die Straße. Böllerschüsse und Hupkonzerte durchschlagen die Nacht. Schnell sind es ein paar 1000 Leute, die sich am Rudolphsplatz zusammenfinden. Fangesänge auf die Helden von Maracanã.


 
 
 
 
 
 
 
 
 


Der Wochenstart verzögert sich für manche Schüler

Kurz nach Mitternacht bricht das Handynetz zusammen. Im Trubel ist auch das Schlagen einer Kirchenglocke zu hören. Welches Gotteshaus dafür verantwortlich ist, lässt sich auch auf Nachfrage nicht mehr bestimmen. In dieser Nacht ist das auch egal - irgendwo muss die Freude schließlich hin. Das Klingen der Glocke passt zur feierlichen Stimmung.

Die Polizei hält sich im Hintergrund, sperrt die Straßen im Zentrum Marburgs und beobachtet die Szenerie. Gefeiert wird bis 3 Uhr nachts, aber „alles friedlich, alles ruhig“, sagt Polizeisprecher Martin Ahlich am Tag danach.

Der Gewinn der Weltmeisterschaft geht an fast keinem spurlos vorbei.

Die Schüler im Landkreis bilden dabei natürlich keine Ausnahme. Für viele begann der Schultag an diesem Montagmorgen ein wenig später als gewöhnlich. „Grundsätzlich unterliegt eine solche Regelung den Schulen selbst“, sagt Bernhard Drude vom Schulamt in Marburg.

Eine offizielle Absprache habe es in diesem Fall nicht gegeben. Man könne aber davon ausgehen, dass der Schulbeginn an diesem weltmeisterlichen Montag durchaus „moderat ausgefallen sein dürfte“, sagt Drude.

Trikots mit viertem Stern im Anmarsch

Nicht jeder hat jedoch das besondere Glück, den Wochenstart etwas hinauszögern zu können. Als gefühlter Weltmeister ist der Montagmorgen wohl aber ein wenig besser zu verkraften. Und was braucht der echte Fan, um seine Treue zur DFB-Auswahl unter Beweis zu stellen? Richtig. Ein Trikot. Natürlich verziert mit dem vierten Stern, als Zeichen des vierten errungenen Weltmeistertitels.

„Die Trikots sind bestellt“, sagt Timo Weimar von Intersport Begro im Kaufpark Wehrda. Eine kleine Charge wird wohl ab Mitte der Woche verfügbar sein. Der Sportartikelhersteller Adidas, Ausrüster und Sponsor der deutschen Elf, hat die Produktion der Trikots und Fan-T-Shirts bereits in der Nacht zu gestern anlaufen lassen.

Wie viele der begehrten Kleidungsstücke dann in den Verkaufsräumen verfügbar sein werden, weiß Weimar jedoch noch nicht. „Die Verteilung bestimmt zunächst einmal Adidas“, sagt Weimar. Auf jeden Fall seien schon genügend Anfragen von Kunden gestellt worden. „Der Hype wird sicherlich noch eine Zeit andauern“, ist sich Weimar sicher.

Party in deutscher Botschaft in Indien

„Die Fußball-WM hat die Heimat ein Stück näher gebracht“, sagt die Marburgerin Karolina Koller, die seit zwölf Jahren im brasilianischen Curitiba lebt. Seit Tagen ist sie im Fußball-Fieber. Sonntagnacht ist es dann noch weiter gestiegen. Die 39-Jährige ist euphorisch, pathetisch und einfach nur überglücklich.

Die Deutschland-Fahne, sie sieht in der Ferne noch schöner aus, sagt Karolina Koller zum Beispiel. Und natürlich tragen ihre Söhne nur noch Deutschland-Trikots - zumindest solange das WM-Fieber noch anhält. Die beiden Halbbrasilianer Ramiro (9) und Lourenco (4) kennen Deutschland zwar kaum, sind nun aber erst recht neugierig auf das Land ihrer Großeltern - und das der Weltmeister.

Neugierig waren auch die Menschen in Indien, berichtet der Marburger Bernd Wagner (Privatfoto, rechts). Der WM-Sieg brachte ihn mehr oder weniger zufällig in die indischen Medien: Der Medizintechniker und Geschäftsführer von Siemens Hearing Instruments schaute sich mit seiner Ehefrau Tamara das Spiel in der deutschen Botschaft in Neu Delhi an.

Multikultureller Jubel

Dort hatte die Botschaft zur Live-Übertragung und anschließender Party geladen. Der deutsche Botschafter trug ein indisches Gewand, viele Gäste Deutschlandtrikots. Und auch dort herrschte multikultureller Trubel und Jubel. Am Ende gaben die Wagners Fernseh-Interviews und berichteten, wie sie sich fühlen. Ob fürs indische Fernsehen oder die OP in Marburg: Die Antwort lautet: So wunderbar gut.

Simon Kiss aus Kanada sagt nur noch - akzentfrei - „Götze“. Der Politologe lebte zeitweise in Marburg, jetzt ist er wieder in seiner Heimat. Beim Eishockey ist er Kanada-Fan, beim Fußball aber hielt er nur zu Deutschland.

Seit der WM stand er in engem Kontakt mit seinen Freunden aus Deutschland, wollte wissen, wie sie vor Ort schauen, feiern und zittern.

Er bangte mit seiner Ehefrau Kelly in Kitchener-Waterloo. Die von Deutschen Einwanderern geprägte Stadt hieß bis zum Ersten Weltkrieg Berlin. Nach dem Spiel gab‘s also auch in Kanada ein wenig Berliner Flair - ganze Straßenzüge waren Schwarz-Rot-Gold. Die Kanadier genossen die Stimmung - natürlich im Deutschland-Trikot.

von Dennis Siepmann und Anna Ntemiris

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