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„Eine gewisse Anspannung war zu spüren“

Situation im Flüchtlings-Camp „Eine gewisse Anspannung war zu spüren“

Trotz einiger kleinerer Probleme zieht der Ombudsmann der Stadt Marburg für die Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung eine zufriedene Bilanz.

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Im Cappeler Flüchtlingslager werden Holzhäuser errichtet.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Dass es bis auf kleinere Auseinandersetzungen nach wie vor meistens friedlich und ruhig ist, hebt Beckmann im Gespräch als Erstes hervor. Kleinere Auseinandersetzungen gebe es gelegentlich. Auch aus der Nachbarschaft gebe es keine größeren Beschwerden, sagte Beckmann. Zwei Supermärkte in Cappel führen aber Klage über auf dem Gelände vermehrt herumliegende leere Flaschen.

Die vergangenen Wochen waren gekennzeichnet durch die Fertigstellung und den Bezug der ersten beiden Holzunterkünfte. „Da war eine gewisse Anspannung im Camp zu spüren“, berichtet Beckmann, der gemeinsam mit Shaima Ghafury von der Stadt eingesetzt wurde, um die Interessen der Flüchtlinge zu vertreten.

Zum einen hätten natürlich mehr Flüchtlinge in die fertiggestellten Bauten einziehen wollen, als Platz vorhanden war. Zum anderen haben die Bauarbeiten Lärm und Unruhe nach sich gezogen. Und zum dritten waren die Gebäude der Campleitung und der Sozialbetreuung wie auch des ärztlichen Dienstes und des Roten Kreuzes zum Teil räumlich getrennt, weil das Camp insgesamt weg von der Umgehungsstraße hin zur Straße „In den Bettengärten“ verlegt wurde und einige Organisationen mit umzogen, andere jedoch nicht. Die Koordination der Aktivitäten der unterschiedlichen Organisationen sei dadurch erschwert worden, moniert Beckmann (Foto: Nadine Weigel).

Inzwischen steht aber das neue Essenszelt im vorderen Bereich des Camps. In ihm ist ein Bereich als Aufenthaltsraum abgetrennt, der auch während der Mahlzeiten genutzt werden kann. „Ein großer Fortschritt“, so Beckmann im OP-Gespräch. Auch in den Holzunterkünften sei die Kommunikation zwischen den Flüchtlingen schwierig – bei sechs bis acht Personen in einem Zimmer mit 26 Quadratmetern leicht vorstellbar.

Familienzusammenführung ein Hauptproblem

Der Ombudsmann beschäftigt sich sehr stark mit Transferwünschen der Flüchtlinge. Täglich würden 30 bis 40 Flüchtlinge verlegt, die gleiche Anzahl treffe neu ein. „Viele der Menschen haben bestimmte Wünsche, wohin sie verlegt werden wollen“, berichtet Beckmann. Das betrifft vor allem Flüchtlinge, die innerhalb Hessens an einzelne Städte und Gemeinden zugewiesen werden – inzwischen längst ohne Verfahren und auch ohne vorläufigen Aufenthaltsstatus.

„Ich versuche da zu helfen, wo es geht, und die Wünsche der Flüchtlinge weiterzugeben. Zuständig ist das Regierungspräsidium in Darmstadt. „Viele der Flüchtlinge wollen gerne im Landkreis Marburg-Biedenkopf bleiben“, sagt Beckmann und sieht darin auch eine Bestätigung für das nach wie vor hohe ehrenamtliche Engagement bei der Betreuung der Flüchtlinge. Die Transferfrage hat in vielen Fällen aber auch mit Familienzusammenführung zu tun.

„Natürlich stehen Flüchtlinge über ihre Smartphones in Kontakt miteinander“, weiß Beckmann. „Wenn es möglich ist, sollen Familienangehörige, die in unterschiedlichen Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht sind, zusammengeführt werden – wenn sie diesen Wunsch äußern.“

Regelmäßige Sprechstunde für Marburger

Viel wäre geholfen, glaubt Beckmann, wenn es eine bundesweite Koordinationsstelle gäbe, bei der sich Flüchtlinge selbst oder die Mitarbeiter der unterschiedlichen Erstaufnahmeeinrichtungen melden können, damit Familienangehörigen zusammengeführt werden. Eine entsprechende Anregung Beckmanns an den Minister im Bundeskanzleramt, Peter Altmaier, hat aber noch zu keiner inhaltlichen Reaktion geführt. Lediglich der Eingang des Schreibens wurde bestätigt. „Ein einheitlicher Flüchtlingsausweis, wie er im nächsten Jahr ja kommen soll, würde da vieles vereinfachen“, sagt Beckmann.

Jeden ersten und dritten Dienstag im Monat hält Beckmann gemeinsam mit Ortsvorsteher Heinz Wahlers und Ordnungsamts-Leiterin Regina Linda eine Sprechstunde in der alten Schule in Cappel ab, bei der Beschwerden, Fragen, aber auch Hilfsangebote entgegengenommen werden.

Nachdem der Innenausbau für die ersten Holzunterkünfte in der Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung in Cappel beendet ist, feiert die Stadt am Mittwoch symbolisch Richtfest. Zwei der insgesamt sechs Holzunterkünfte sind bereits bezogen, die anderen sollen bis Jahresende mit den Menschen belegt werden, die derzeit noch in Zelten campieren.

Flüchtlingszahlen rückläufig

Nach zuverlässigen OP-Infor­mationen sucht das Regierungs­präsidium unterdessen einen neuen Betreiber für die Erstaufnahmeeinrichtung in Cappel. Bisher ist das die Organisation European Homecare (EHC). Die Ausschreibungsfrist für den Betrieb der Einrichtung ist nach OP-Recherchen abgelaufen, zu den Bewerbern gehören EHC und das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das auch das Zeltcamp in Stadtallendorf betreibt. Das Regierungspräsidium nahm am Dienstag keine Stellung zu den Informationen.

Landrätin Kirsten Fründt sagte am Dienstag, dass in diesem Jahr voraussichtlich keine Flüchtlinge 
mehr in den vier aufgebauten Notunterkünften in Kirchhain, Weimar-Wenkbach und Dautphetal-Friedensdorf einziehen werden. Dies habe die Hessische Staatskanzlei dem Kreis mitgeteilt. Grund seien 
derzeit rückläufige Flüchtlingszahlen. Die Notunterkünfte in 
den Leichtbauhallen und im ehemaligen Rewe-Markt in Kirchhain sind ab Donnerstag einsatzbereit, sagte Fründt.

von Till Conrad

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