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Eine Übung in Sachen Nächstenliebe

Weltgebetstag Eine Übung in Sachen Nächstenliebe

Kirchengemeinden im Landkreis laden zu ihren Gottesdiensten am Weltgebetstag ein. Im Mittelpunkt steht, was Frauen von den Bahamas entwickelt haben. Mitunter eine Herausforderung für die Menschen hierzulande.

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Während eines Workshops zur Vorbereitung des Weltgebetstags waschen sich Frauen gegenseitig die Füße in Anlehnung an eine biblische Geschichte.

Quelle: Privatfotos

Marburg. Seit Wochen laufen die Vorbereitungen für den Weltgebetstag - im heimischen Landkreis haben sich viele Teams formiert, um besondere Gottesdienste zu planen und organisieren. Zu einem Treffen mit Mitarbeitern aus Kirchengemeinden im Marburger Raum kamen an einem Abend im Januar 140 Frauen nach Niederweimar, um gemeinsam mehr über die Bahamas zu erfahren - und um Ideen zu sammeln dafür, wie die Liturgie von dem karibischen Inselstaat in ökumenischen Gottesdiensten in der Region umgesetzt werden kann.

Pfarrerin Andrea Wöllenstein vom Referat Erwachsenenbildung und Frauenarbeit in der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck berichtet im Gespräch mit der OP von den Eindrücken bei den Vorbereitungen zum Weltgebetstag. „Wir denken bei den Bahamas an ein wunderschönes Meer und Strand. Die andere Seite dieses Inselstaats kennenzulernen, war sehr interessant“, sagt sie und erzählt von den Problemen der Menschen dort, die in der Gottesdienstordnung für den 6. März ihren festen Platz haben.

Mehr als 700 Inseln, 30 davon bewohnt, 17 davon mit mehr als 50 Einwohnern - das schafft Herausforderungen. „Von den entlegenen Inseln wandern viele Menschen aus, dorthin, wo die touristischen Arbeitsplätze sind. Junge Leute gehen ins Ausland, oft schon zum Studium. Der Altersdurchschnitt auf den Bahamas ist deshalb unglaublich hoch. Alte und arme Menschen bleiben zurück“, sagt Wöllenstein. Sie ist beeindruckt davon, wie konkret die Frauen von den Bahamas beim Weltgebetstag über Gewalt an Frauen in ihrem Land sprechen. „Jedes zweite Mädchen sagt, dass ihr erstes Mal mit Gewalt verbunden war. Viele werden noch in der Schule schwanger und müssen sie dann verlassen, weil sie für die anderen als schlechte Vorbilder gelten“, erzählt Wöllenstein und ergänzt, dass nur jedes zweite Mädchen auf den Bahamas einen Schulabschluss habe.

Um Frauen zu unterstützen, gerade junge Frauen, dafür ist die Kollekte bestimmt, die in den Weltgebetstags-Gottesdiensten gesammelt wird. Die Spenden fließen unter anderem in ein Projekt, das es jungen Müttern ermöglicht, auch mit Kind die Schule abzuschließen. „Gewalt in der Ehe - auch das ist ein Thema, das sehr konkret wird. Auf den Bahamas war ein Gesetz dagegen in Vorbereitung, ist aber nicht durchgekommen“, berichtet Wöllenstein. Aufrüttelnd für die Frauen hier war es auch, zu hören, dass Menschen mit gravierenden Krankheiten wie Krebs auf den Bahams aus der Krankenkasse ausgeschlossen werden.

Frauen aus dem Inselstaat berichten eindrucksvoll in ihren Weltgebetstagstexten von den Schattenseiten ihrer Gesellschaft.

Fröhliche Gottesdienste trotz vieler Probleme

„Und trotzdem werden es unglaublich fröhliche Gottesdienste mit viel Lob und Gesang“, sagt Wöllenstein und ist beeindruckt von der Art und Weise, wie die Menschen auf den Bahamas mit ihren Problemen umgehen: „Wenn wir hier solch ernste Themen haben, dann werden wir darüber auch schwermütig. Anders auf den Bahamas: Die Frauen dort schaffen es, die schweren Dinge zu benennen und es trotzdem mit Fröhlichkeit zu tun. Davon können wir lernen, um dann auch wieder gestärkt in den Alltag zurückzukehren.“ Die Liturgie aus dem Inselstaat führe vor Augen, dass es auch noch anderes gibt als Schwierigkeiten, „der Glaube und die Schöpfung dort sind so reich, das kommt auch in einer ganz anderen Glaubenssprache, als sie hier üblich ist, zum Ausdruck“, sagt die Pfarrerin. Fröhlicher Gesang, Trommelklänge, Rhytmus erzeugt mit Blechdosen, Kochtöpfen und Löffeln - auch, was die Musik angeht, können die Menschen in den hiesigen Kirchengemeinden von den Gepflogenheiten auf den Bahamas lernen.

Die Liturgie aus der Karibik hält für die Frauen im Landkreis eine echte Herausforderung bereit: Fußwaschungen. Die Lesung dazu kommt aus dem Johannesevangelium, aus der biblischen Geschichte, in der Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht. Dadurch wird für die Frauen der Bahamas Gottes Liebe erfahrbar. „Diese Art, sich Menschen zuzuwenden in ihrer Not und ein so starkes Zeichen der Liebe zu senden, ist in der evangelischen Kirche völlig fremd“, erklärt Wöllenstein, warum es in manchem Vorbereitungsteam viel Überwindung gekostet haben muss, diesen Akt in den Gottesdienst mit einzubinden und den Besuchern so zu demonstrieren, „wie man den Fußspuren Jesu folgen kann“.

Beim zentralen Marburger Gottesdienst zum Weltgebetstag am Freitag, 6. März, ab 18 Uhr in der Elisabeth-Kirche sind solche Fußwaschungen zu sehen und werden auf eine Videoleinwand übertragen, damit auch die Besucher in den hinteren Reihen dies verfolgen können. „Für viele war es wirklich ein Lernprozess, sich dem auszusetzen - aber genau darum geht es ja, darum, andere zu berühren und sich berühren zu lassen.“

Der Weltgebetstag 2015 ermuntert die Christen in Deutschland dazu, Kirche als lebendige und fürsorgende Gemeinschaft zu erleben. Bisher wurde der Weltgebetstag auf sechs der bahamaischen Inseln gefeiert: auf New Providence, Grand Bahama, Eleuthera, Andros, Exuma und Abaco. 2015 sollen auch die Menschen der anderen Inseln den Weltgebetstag mitfeiern. „Denn“, so halten es die Komiteefrauen fest, „wenn die ganze Welt für die Bahamas betet, sollten auch die Einwohner der Bahamas für ihr Land beten.“

Die Frauen auf den Bahamas wollen am Weltgebetstag einen Gottesdienst auf einem öffentlichen Platz in der Hauptstadt Nassau organisieren, er soll in den nationalen Medien übertragen werden.

Der Weltgebetstagsgottesdienst der Marburger Kirchengemeinden findet statt am Freitag, 6. März, ab 18 Uhr in der Elisabethkirche. Mit dabei ist der Gospelchor „Joy of Life“. Anschließend gibt es ein Zusammensein in der Kirche mit Speisen von den Bahamas.

Hintergrund: Die Bahamas

Große Vielfalt auf kleinem Raum – das wäre ein geeigenter Slogan für die Bahamas. Zwischen den USA, Kuba und Haiti gelegen besteht der Staat aus 700 Inseln – 30 davon sind bewohnt. Die etwa 372000 Bewohner der Bahamas sind zu 85 Prozent Nachfahren der früher aus Afrika versklavten Menschen, 12 Prozent von ihnen haben europäische und 3 Prozent lateinamerikanische oder asiatische Wurzeln.

Das Leben auf den Bahamas ist geprägt vom christlichen Glauben, denn mehr als 90 Prozent der Menschen gehören einer Kirche an – es gibt anglikanische, baptistische, römisch-katholische und viele weitere Gemeinden. Freudig und stolz berichten die Frauen des bahamaischen Weltgebetstagskomitees in ihrer Gottesdienstordnung, wie sich Frauen der ökumenischen Bewegung angeschlossen haben. Der konfessionelle Reichtum spiegelt sich in der Liturgie zum Weltgebetstag wieder – auf der ganzen Welt werden am Freitag, 6. März, Gottedienste nach dieser Liturgie gefeiert. Der Inselstaat gilt als ein absolutes Traumreiseziel mit seinen Korallenriffen, dem klaren Wasser und den guten Voraussetzungen für Tauchsport und Strandurlaub. Chrakteristisch Typisch für den Inselstaat ist auch sein Karneval – Junkanoo – mit bunten Umzügen, viel Musik und kulinarischen Spezialitäten. Die Bahamas stehen im Vergleich mit anderen Karibikstaaten als das reichste karibische Land da, und sie zählen zu den hochentwickelten Ländern in der Welt. Im Sozialen und in puncto Gleichstellung von Frauen und Männern misst sich der Inselstaat erfolgreich mit anderen Nationen. So sind auf den Bahamas sind beispielsweise deutlich mehr Frauen in den mittleren und höheren Führungsetagen anzutreffen als hierzulande.

Eine große Schattenseiten im Karibik-Paradies: Die Bahamas sind sehr abhängig vom Ausland, vor allem vom Nachbarn USA. Mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften die Menschen im Tourismus und in der Finanzindustrie. Der Staat gilt als zunehmend verschuldet, erlangte Bekanntheit als Umschlagplatz für Drogen und auch als Standort für illegale Finanztransaktionen.

Als weitere gesellschaftliche Probleme werden in dem Inselstaat zunehmender Rassismus gegen Flüchtlinge aus Haiti beklagt und Übergriffe gegen sexuelle Minderheiten. Als arm gelten etwa 10 Prozent der Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise hoch. Die Abwanderung und gut ausgebildeter Kräfte ins Ausland ist ein Problem für die Wirtschaft. Als erschreckend hoch beschreibt das Weltgebetstagskomitee die Zahlen zu häuslicher und sexueller Gewalt gegen Frauen und Kinder. So sollen die Bahamas eine der weltweit höchsten Vergewaltigungsraten haben. Zum Thema jünge Mütter hält das Komitee fest, dass in kaum einem anderen Land der Welt Teenager so früh Sex haben wie auf den Bahamas. Jede vierte Mutter auf den Bahamas sei jünger als 18 Jahre.

von Carina Becker

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