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Eine Segeljolle verzeiht keine Fehler

Abenteuer Sport Eine Segeljolle verzeiht keine Fehler

Auf Selbstüberschätzung folgt die Einsicht, dass ich Kindern nicht das Wasser reichen kann – selbst dann nicht, wenn ich selbst mittendrin liege.

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Trizzy verzeiht nichts“. Diese Worte klingen mir noch im Ohr, als die Wellen über meinem Kopf zusammenschlagen. Sofort merke ich den Auftrieb meiner Schwimmweste. Durch meinen vom Wasser verklärten Blick sehe ich das Grinsen meines Segellehrers am Steg. Direkt daneben schwappt „Trizzy“ kieloben. Keine zwei Sekunden war ich an Bord.

 

So habe ich mir meine Premiere beim Jollensegeln auf dem Niederwälder Bagersee nicht vorgestellt. Zumal ich eigentlich schon Segelerfahrung besitze. Einige Seemeilen habe ich in Nord- und Ostsee schon im Kielwasser gelassen – allerdings auf großen Segelyachten mit mehr als 150 Quadratmetern Segelfläche. Das Segel der „Trizzy“  hingegen misst gerade mal vier Quadratmeter. Ich dachte, ich hätte leichtes Spiel. Von wegen. Und die Hoffnung, dass mich bei meinem ungewollten Badegang niemand gesehen hat, kann ich auch knicken: Am Steg stehen gut 15 Kinder, alles Teilnehmer des Kinder-Segelcamps der Windsurf- und Segelabteilung des Turn- und Sportvereins (TSV) Kirchhain. Und in ihren Gesichtern kann ich eines deutlich lesen: „Ist klar. Der Mann von der Presse ist ins Wasser gefallen.“ Während ich wieder in die „Trizzy“ krieche, bereue ich es, mit meinen Segelerfahrungen geprahlt zu haben. Zwischen dem Segeln auf Jollen und auf Yachten herrscht ein himmelweiter Unterschied: Während eine Yacht nur träge reagiert und Fehlstellungen an Segel und Ruder kaum ins Gewicht fallen, reagiert eine Jolle sofort und kompromisslos. Eine große Yacht kippt nicht
so schnell um. Eine Jolle hingegen schon.

„Scheint die Sonne auf das Schwert, macht der Skipper was verkehrt.“
Seglerweisheit

Das Kinder-Segelcamp des TSV ist eine Institution. Jedes Jahr in den Sommerferien lernen zwischen 40 und 50 Kinder im Alter von
sieben bis 14 Jahren den Umgang mit Fallen, Schoten und dem Wind. Thorsten Löffler, Jugendwart der Segelabteilung, ist stolz auf die große Lernbereitschaft seiner Schüler. „Innerhalb von drei Tagen lernen die Kinder seemännische Verhaltensregeln, die Kollisionsverhütungsvorschriften und natürlich das Segeln“, sagt Löffler. Wie gut das funktioniert, beobachte ich bei meinem Törn über den Baggersee. Pfeilschnell sausen die Kinder in ihren Booten an mir vorbei. Ich hingegen dümple in der Flaute. Irgendwie will es mir nicht so recht gelingen, den Wind mit meinem Segel einzufangen.
Eine wichtige Lerneinheit ist auch das Wiederaufrichten eines gekenterten Bootes. Das hätte mir Käpt‘n Toto, wie die Kinder ihren Jugendwart nennen, auch mal erklären sollen. Bei einem Wendeversuch erwischt mich nämlich eine Böe. Ehe ich mich versehe, treibt „Trizzy“ wieder kieloben im Baggersee. Im Wasser treibend erinnere ich mich daran, was ich vorhin bei den Kindern beobachtet habe: auf das Kielschwert stemmen, und hoffen, dass mein Gewicht ausreicht, das Boot wieder aufzurichten. Während sich der Mast langsam wieder gen Himmel neigt, kommt mir eine Seglerweisheit in den Sinn: „Scheint die Sonne auf das Schwert, macht der Skipper was verkehrt.“ Ein Junge in einer Jolle eilt herbei und fragt, ob er mir helfen könne. Ich winke ab: „Ich schaffe das schon.“
Geschafft... bin ich tatsächlich, als ich wieder am Steg festmache. Es hat Spaß gemacht und ich habe viel gelernt. Aber irgendwie hatten es die Kinder nach drei Tagen Segelcamp besser drauf.

von Tobias Hirsch

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