Volltextsuche über das Angebot:

° / °

Navigation:
Eine Reise ins Ungewisse

Flüchtlinge erzählen Eine Reise ins Ungewisse

Mit dem Kleinbus über die syrisch-türkische Grenze, mehrere Tage in der Türkei. Von dort aus zu Fuß und mit dem Taxi nach Athen. Per Flugzeug weiter nach Wien und dann nach München.

Voriger Artikel
Bagger geklaut, Blitzer umgerissen
Nächster Artikel
Beraterin vermittelt Grundwissen

Mohamed Nour Diar Bakerli berichtete im Erzählcafé von seiner Flucht.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Die Geschichte der 26-tägigen Flucht des 26-jährigen Syrers Mohamed Nour Diar Bakerli vor zwei Jahren war nicht nur eine Reise ins Ungewisse, sondern auch eine Odyssee. Im „Erzählcafé“, das Kontakt zwischen Marburgern und Flüchtlingen herstellen soll, berichteten er und Anise Nikzad, eine verwitwete Afghanin, von ihrer Flucht nach Deutschland.

„Wir wollen eine Willkommenskultur in Marburg schaffen“, sagte Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) in seiner Begrüßungsansprache für die 220 Veranstaltungsteilnehmer im voll besetzten Historischen Saal des Rathauses. „Ich denke Veranstaltungen wie diese sind wichtig, um Vorurteilen und Gerüchten über Flüchtlinge einen Riegel vorzuschieben“, meinte Vaupel, der das „Erzählcafé“ initiiert hat. Organisiert wurde die Veranstaltung von Shaima Ghafury, Ombudsfrau im Flüchtlingslager in Cappel, und Andrea Fritsch, Koordinatorin des interkulturellen Projekts „Mosaiksteine“ .

Doch zeigten sich gegenüber Diar Bakerli, der eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung genießt, nicht alle Deutschen so hilfsbereit wie Fritsch und Ghafury. So berichtete er von seinen Erfahrungen mit einem behördlichen Sachbearbeiter in Magdeburg, wo er nach dem Asylantrag in München hin verwiesen worden war: „Er hat gesagt, er kümmere sich nur um mich, wenn ich Deutsch spreche. Der Mann konnte wie ich Englisch, aber er wollte mir scheinbar nicht helfen.“

Sowohl Anise Nikzad als auch Diar Bakerli erzählten vom langen und beschwerlichen Weg nach Deutschland: gefälschte Pässe, Schikanen bei den Grenzposten, Schlafen im Wald ohne Decke bei winterlichen Temperaturen, keine Verpflegung und die ständige Angst, entdeckt und wieder ins Heimatland geschickt zu werden.

Seit mehr als zwei Jahren lebt Diar Bakerli mittlerweile in Deutschland, hat sich einen beachtlichen deutschen Wortschatz angeeignet, zog 2014 nach Marburg um und spielt erfolgreich in der 1. Mannschaft des Basketballclubs Marburg (die OP berichtete). „Ich habe auch eine deutsche Freundin“, meinte Diar Bakerli. Gelächter und Applaus für den jungen Mann mit dem verschmitzten Grinsen.

Erzählcafé künftigin kleinerem Rahmen

Die 42-jährige Anise Nikzad lebt erst seit fünf Monaten in Deutschland. Zurzeit bewohnt sie mit ihren beiden Söhnen, Wahab und Sohrab, und einer Tochter eine Wohnung in Cölbe. Deutsch spricht sie noch nicht. Daher musste Übersetzerin Hossay Lalandary aushelfen. Anise Nikzad sei froh, dass sie heil in Deutschland angekommen sei, fühle sich dennoch ein wenig einsam. Für die Zukunft wünsche sie sich insbesondere, dass sie und ihre Familie möglichst schnell die deutsche Sprache erlernen. Das Asylverfahren für die vierköpfige Familie hat allerdings noch nicht begonnen.

Nach der Veranstaltung drängten sich mehrere Dutzend Teilnehmer um die beiden Redner, um sie willkommen zu heißen sowie weitere Frage zu stellen und Hilfestellungen zu geben.

„Das Café soll in diesem Jahr noch mindestens einmal stattfinden. Dann aber in einem kleineren Rahmen als heute“, sagte Andrea Fritsch. Plan sei es, 2016 acht bis zehn dieser Veranstaltungen auf die Beine zu stellen.

von Benjamin Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr