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Eine Odyssee in Richtung Westen

Schulprojekt der Elisabethschule Eine Odyssee in Richtung Westen

Es war der 17. August 1978: Axel Böhme betrat bayerischen Boden, westdeutschen Boden. „Da habe ich pure Erleichterung gespürt“, erinnert sich der 74-Jährige. Er war am Ziel.

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Das Archivbild zeigt jubelnde DDR-Flüchtlinge, die im August 1989 ein paneuropäisches Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze in Sopron, bei dem ein Grenztor geöffnet wurde, nutzten, um in den Westen zu fliehen.

Quelle: dpa

Marburg. Trotz sengender Hitze lauschten rund 40 Schüler der Elisabethschule im Rahmen zweier Projekttage zum Thema Freiheit gebannt den Erzählungen des DDR-Zeitzeugen, der vor fast 40 Jahren zusammen mit seiner Familie, Ehefrau und zwei Söhnen, einen Weg aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland gefunden hatte. Seit rund 30 Jahren lebt Böhme mittlerweile im Odenwald.

2007 entschloss sich der heute 
74-Jährige, die Geschichte in dem 75-seitigen Buch „Chronik einer Flucht“ niederzulegen. Die Geschichte ist atemberaubend und abenteuerlich. Denn der „Weg in die Freiheit“, wie es Böhme ausdrückte, war beschwerlich und gefährlich.

Anhand von mehreren Karten illustrierte 
Böhme, wo er wann welchen Weg genommen hatte. Der Mauerbau 1961 machte den Plan des Leiters einer Arztpraxis im Erzgebirge zunichte, Westdeutschland über Berlin zu erreichen. Ein neuer Fluchtweg musste her: Über den Balkan sollte es gehen. 1977 scheiterten jedoch zwei Fluchtpläne der vierköpfigen Familie. Die aufmerksamen Grenzkontrollen in Bulgarien verstanden ihr Handwerk.

Kinder erfahren nichts von den Plänen

Doch Böhme gab nicht auf. Noch im gleichen Jahr hörte er, dass DDR-Bürger die Grenze zu Jugoslawien passieren durfte, wenn schwerwiegende gesundheitliche Gründe vorlagen. Diesen Umstand nutzte Böhme im Sommer 1978: Der Arzt injizierte seiner Frau eine Spritze, die sie schwer krank erscheinen ließ. Der bulgarischen Grenzkontrolle erzählte Böhme von einer „Blinddarmentzündung“. So zog er den „Eisernen Vorhang“ beiseite und schlüpfte mit seiner Familie hindurch.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Scheitern dieses Plans auf uns geschossen worden wäre, war sehr gering. Es lag ja ein vermeintlicher Notfall vor“, erklärte Böhme (Foto: Kaiser). Die Kinder blieben über den Plan der Eltern in Ungewissheit.

Von Jugoslawien ging es weiter nach Österreich und dann nach Bayern. Den 17. August feiern die Böhmes bis heute jedes Jahr. „Wir sind einfach dankbar, dass wir es geschafft haben“, meint Axel Böhme. In einem Land, in dem er sich schon zu Schulzeiten eingepfercht und eingesperrt gefühlt hatte, wollte er nicht leben und sterben.

Für die Schüler stand während der Projektwoche nicht nur die bewegende Geschichte einer Flucht auf dem Stundenplan. Bei einem Workshop diskutierten sie, was der Begriff Freiheit überhaupt bedeutet. „Die Jungen und Mädchen haben sehr unterschiedliche Antworten gegeben und das Projekt hat sich auf jeden Fall gelohnt“, meinte Alesch Mühlbauer von der Deutschen Gesellschaft e.V., der den Workshop leitete und das Zeitzeugengespräch mit Böhme führte.

von Benjamin Kaiser

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