Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Eine Marke unter den Party-Gästen

Kitchen-Club Eine Marke unter den Party-Gästen

Wein ist mehr als fein: Davon überzeugten sich die 20 Gäste, die zu einer besonderen Veranstaltung nach Dagobertshausen kamen.

Voriger Artikel
Hightech-Forschung und Knochenarbeit
Nächster Artikel
Klettern, kochen, kommunizieren

Chefkoch Roland Reuss bereitete vor den Augen der Gäste Rinder Tatar zu.

Quelle: Anna Ntemiris

Dagobertshausen. Markus Schneider hat ein Sabbatjahr eingelegt: Der Star unter den deutschen Weinunternehmern sagt alle öffentlichen Veranstaltungen ab, will sich auf  seine Arbeit und Familie konzentrieren. „Wenige Ausnahmen gibt es“, verrät der 39-Jährige vor rund 20 Gästen im „Kitchen Club“ in Dagobertshausen. Seine Zuhörer sind eine der Ausnahme, erfahren sie von dem Mann, der deutschen Rotwein auch im Ausland salonfähig macht. In Jeans und blauem Holzfällerhemd plaudert der Pfälzer im umgebauten Dachgeschoss des Waldschlösschens über seine ungewöhnliche Karriere und seine Philosophie.

Zu dieser gehört es, bloß nicht arrogant zu wirken. „Da ruft Michael Käfer aus München an und berichtet mir, dass er acht Wochen lang sein Schaufenster nur mit meinen Weinen bestückt.“ Die Bitte Käfers, einen Abend in sein Restaurant zu kommen, könne er daher nicht ablehnen – Sabbatjahr hin oder her.

Markus Schneider hat "ganz klein angefangen"

„Ich komme vom Weinbau. Meine Eltern hatten 7 Hektar Weinberg in einer Genossenschaft“, erzählt er und betont immer wieder, dass er „ganz klein“ angefangen hat. Daran kann sich Michael Hamann, Vila-Vita-Geschäftsführer aus Marburg, gut erinnern. Vor zirka 20 Jahren, damals war er einer der beiden Chefs der Sansibar auf Sylt, lernte er Markus Schneider aus Ellerstadt kennen. Anfangs habe er über das Engagement des jungen sympathischen Winzers, der der Sansibar Wein verkaufen wollte, nur geschmunzelt. Dann aber ein Geschäft mit ihm abgeschlossen.

Ein für beide Seiten lukratives, wie sich später herausstellte. Berühmt wird Schneider vor zirka sieben Jahren, als ein Teilnehmer der TV-Show „Wer wird Millionär?“ erklärte, er werde mit seinem Gewinn ganz groß bei Markus Schneider einkaufen.

Heute ist Markus Schneider eine Marke. Der Mensch Markus Schneider weiß, dass er im richtigen Moment den richtigen Menschen begegnet sei. Hamann zähle zu ihnen. Die Gäste im Kitchen Club kosten ebenfalls. Sie sitzen an der Theke, stehen in der offenen Küche oder haben in der Lounge Platz genommen. Loft-Atmosphäre trifft auf Landhaus-Stil und Retro-Look – und das auf 120 Quadratmeter plus großer Terrasse.  

Kochen und diskutieren mit den Küchenprofis

Waldschlösschen-Chefkoch Roland Reuss und Auszubildender Maurice Schmack kocht vor den Gästen. Wer mag, hilft mit oder diskutiert mit den Küchenprofis. Diese servieren fürs Flying Buffet zum Beispiel Rinder Tatar, Rotscherengarnele mit Mango Chutney oder Ossu­bucco (Kalbshaxe).  

Reden, kochen, essen, trinken. Das sind die Zutaten für die neue Veranstaltungsreihe Kitchen Club. Fachleute, an diesem Abend der bodenständige Top-Winzer aus der Pfalz, sprechen mit den Gästen, die einen pauschalen Eintritt – je nach Abend zwischen 50 und 100 Euro bezahlen – über das jeweilige Thema. Das ist an diesem Abend eindeutig Wein. „Ich hab tief ins Archiv gegriffen“, sagt Schneider und meint damit die zehn Jahre alten Flaschen, die er mitgebracht hat.

Wer sich die Namen für seine Weine ausdenke, fragt ein Gast. „Ich selbst, meist nüchtern“, sagt er. Der humorvolle Weinprofi und Marketing-Experte nimmt sich viel Zeit, um Fragen zu beantworten, mit den Gästen anzustoßen. „So
eine Veranstaltung, so ein Ambiente gibt es in unserem Marburg ja sonst nicht“, sagt Tatjana Meier, die mit ihrem Ehemann Hans-Jörg Meier an dem Event teilnahm. Der Kitchen Club ist, wenn nicht gerade wieder ein Event stattfindet, auch als „privates Restaurant“ zu mieten. 

Das Interview

OP: Sie sind mit 39  einer der angesagtesten und erfolgreichsten Winzer in Deutschland. Was wollen Sie noch erreichen?

Markus Schneider: Ich habe schon sehr viel erreicht. Barack Obama hat beim Abendessen mit Angela Merkel im Schloss Charlottenburg meinen Wein getrunken. Die Marke Markus Schneider ist angekommen. In den ersten Jahren wollte keiner etwas von meinen Weinen wissen, heute gehört das Weingut zu den größten Familienunternehmen in der deutschen Weinbranche.

OP: Wenn Sie schon alles erreicht haben, könnten Sie sich ja jetzt zur Ruhe setzen oder Ihr Leben als Promi genießen?

Schneider: Nein, ich muss und möchte jeden Tag hart arbeiten. Ich habe eine große Familie, Mitarbeiter und Verpflichtungen. Ich bin völlig geerdet. Ich habe mit 15 Jahren – nach der Hauptschule – mit dem Weinbau begonnen. Nicht weil ich unbedingt Winzer werden wollte. Vielmehr wollte ich für meinen FCK (1. FC Kaiserslautern, Anmerkung der Redaktion) kicken. Wer träumt schon, mit 15 den ganzen Tag im Weinberg zu verbringen? Mit einem Mini-Startkapital ging es los, meine Eltern gaben mir 30 000 Deutsche Mark und nahmen einen Hektar Weinberg aus der Erzeugergemeinschaft für mich heraus. Heute ernten wir von 92 Hektar eigenen Weinbergen
unsere Trauben.

OP: Sie haben es geschafft, dass deutsche Rotweine schmecken. Sie bauen Rebsorten an, die vor 20 Jahren nur im Süden gelangen.

Schneider: Der Klimawandel hat uns in die Karten gespielt, aber er schadet anderen Weinanbaugebieten in Griechenland oder Spanien zum Beispiel. Dort ist es trocken und heiß. Daher freue ich mich über
diese klimatischen Veränderungen nicht wirklich. In Südafrika, dort baue ich auch Wein an, haben wir gerade vier Wochen vorher als sonst Trauben geerntet. Das ist die früheste Ernte aller Zeiten. In der Regel kommen solche Entwicklungen auch nach Europa.

OP: Der deutsche Weinfachhändler sieht sich vom Online-Handel und den Discountern bedroht. Werden Ihre Flaschen einmal auch bei Lidl, Aldi und Co. zu kaufen sein?

Schneider: Nicht so lange ich Kapitän auf der Brücke bin. Die Bäcker oder Metzger werden durch die Discounter viel mehr verdrängt als die Weinhändler. Ich schätze die inhabergeführten Lebensmittelmärkte und denke, dass sie ebenso wie der kleine Fachhändler überleben können. Händler, die freundlich sind und gut beraten – in der Beratung und der Persönlichkeit liegt die Zukunft – wird es weiterhin geben. Das Internet ist Fluch und Segen zugleich. Ohne das Internet wäre ich nicht ganz so bekannt wie ich heute bin.

von Anna Ntemiris

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr