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Eine Marburger Familiensaga

Krieg, Liebe und Erinnerung Eine Marburger Familiensaga

Jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte. Manchmal lohnt es sich aber, ganz genau hinzuschauen. Diese Geschichte handelt von Familie, Krieg und Erinnerung.

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EIn Teil dessen, was William McDonald vor mehr als 30 Jahren in einer Marburger Wohnung gefunden hat.

Quelle: Montage: Julia Brinkmann

Marburg. William McDonald schaute sich in dem verlassenen Haus um. Kostbare Dinge – dazu gehörte das teure Kirschholzmobiliar – waren bereits abgeholt worden. In diesen Zimmern hatte die alte Dame bis zuletzt gelebt. William, den alle nur Bill nennen, kannte die Frau nicht. Es war auch nicht seine Idee, sich in der Wohnung einer kürzlich Verstorbenen aufzuhalten. „Als Stift machst du, was dein Chef dir sagt“, erinnert er sich heute, mehr als 30 Jahre später. Der Schreinerei, für die er damals arbeitete, war auch ein Beerdigungsinstitut angegliedert.

Die Dokumente sind teilweise Jahhunderte alt. Bei einem Termin im Staatsarchiv möchte ein Marburger wissen, was es mit dem Fund auf sich hat, den er vor über 30 Jahren machte.

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Gab es keine Angehörigen oder kümmerten sich diese nur um die Sparbücher des Verstorbenen, gehörten auch Hausentrümpelungen zum Aufgabenbereich des Unternehmens. „Ihr räumt alles aus der Wohnung. Werft weg, was keinen Wert hat“, hatte der Meister gesagt. Bill McDonald folgte den Anweisungen. Er schleppte – lief die Treppen hinauf und wieder herunter –, bis er auf etwas stieß, das seine Aufmerksamkeit fesselte. „Ich fand es einfach zu schade, um es wegzuwerfen“, sagt er.

Es beginnt mit einem Foto einer jungen Frau

Den kleinen, unscheinbaren Pappkarton, den er Ende der 70er-Jahre aus der Wohnung mit nach Hause nahm, hat er bis heute aufgehoben. Nun soll ihm ein Experte sagen, was es mit dem Fund auf sich hat, den William McDonald vor dem Schredder rettete.
Diplomarchivar Helmut Klingelhöfer ( Foto: Dennis Siepmann) schaut sich die Schwarz-Weiß-Aufnahmen an und legt sie vor sich ab. Er sortiert die Bilder und Schriften auf seinem Schreibtisch im Staatsarchiv Marburg. Mit jeder beschriebenen Postkarte und jedem Brief verdichtet sich die Geschichte einer Marburger Familie. Es ist eine Geschichte von feierlichen Bällen, von Liebe, aber auch von Krieg und Zerstörung.

Alles beginnt mit dem Foto einer jungen Frau – aufgenommen um 1860. Sie dürfte damals um die 19 Jahre alt gewesen sein. Ein Alter – das war damals nicht anders als heute –, in dem Heranwachsende die Gesellschaft suchen. Nur ging man eben nicht in die Disco, sondern zu Bällen. Zeugnis dieser Anlässe sind die personifizierten Einladungen, die Helmut Klingelhöfer aus einer bunt verzierten Schatulle holt.

Urkunde belegt Geburt von Söhnchen Benno

„Diese Einladungen müssen der Besitzerin viel bedeutet haben, weil sie über all die Jahre so gut erhalten sind“, sagt der Archivar beim Blick auf die mehr als 160 Jahre alten Zeitdokumente. Fast alle Einladungen richten sich an eine Elisabeth Frank. Exemplarisch die Karte für einen Ball am 13. November 1859 im Markees‘schen Saal in der Marburger Oberstadt. Der Unkostenbeitrag für die Teilnehmer: „ein Taler und zehn Silbergroschen“. Nicht auszuschließen ist, dass Elisabeth Frank auf einer dieser Anlässe ihren zukünftigen Mann mit Nachnamen Matheei kennenlernte.

Weiter geht die Geschichte dann mit dem Bild eines jungen Mannes in schneidiger Uniform. Sein Name: Carl Dauber ( Foto: Dennis Siepmann), geboren 1861. Es ist der Schwiegersohn von Elisabeth Frank. Es sei eher selten, dass so eine persönliche Sammlung im Staatsarchiv abgegeben würde, sagt Klingelhöfer. Besonders mit derart vielen Bildern.

Bill McDonald kennt die Fotos natürlich. Oft hat er sie sich angeschaut. Die Geschichte der fremden Familie wurde nach und nach ein Teil seiner eigenen. McDonald recherchierte und fand bei seinen Nachforschungen heraus, dass Carl Dauber mit seiner Frau Elisabeth nur unweit seines eigenen Hauses in der Schwanallee gewohnt hatte. Von dort aus arbeitet Carl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Bauingenieur. Im Jahr 1891, so zeigt es die Geburtsurkunde, die sich in einem der Stapel findet, brachte seine Frau dann Sohn Benno zur Welt. Bilder zeigen den Blondschopf im Kindesalter. Mit jeder weiteren Aufnahme sieht man Benno heranwachsen.

Post aus Lille

Mit dem Leben und Sterben von Benno Dauber ( Foto: Dennis Siepmann) verknüpft sich ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte. Der Erste Weltkrieg tobt in Europa und hinterlässt seine Spuren – auch in den Stammbüchern der Marburger Familie. Bennos Militärzeit beginnt mit seiner Ausbildung zum Unteroffizier in Wiesbaden. In einem Brief aus dem Jahr 1914 an die Eltern wünscht er ihnen einen schönen Kur-Aufenthalt in Bad Salzschlirf. Wenig später kommt die erste Postkarte aus Lille.

Benno ist dort ab 1915 in untebekannter Funktion in einem Kriegsgefangenenlager stationiert. Nur 20 Kilometer von der Front entfernt greift der damals 24-Jährige nun selbst zum Fotoapparat.  „So etwas habe ich auch noch nie gesehen“, sagt Archivar Klingelhöfer bei der Durchsicht der Bilder. Zu sehen sind Aufnahmen aus dem Lager: darauf indische Sikh, die für das Empire kämpften. Dazu nordafrikanische Kämpfer, die auf Seiten der Franzosen standen.

Bemerkenswert ist die Darstellung der meisten Gefangenen. Die meisten Fotos zeigen die fremd ausschauenden Soldaten auf Augenhöhe. Keine Ketten oder Gitter sind zu sehen. Auf der Rückseite eines Bildes, das auf den 2. Februar 1915 datiert ist, notierte Benno Dauber: „Meine alten Freunde beim Mittagsmahl“. Sogar ein Gruppenbild mit Offizieren der feindlichen Streitkräfte liegt den Unterlagen bei.

Vom Sohn bleiben nur ein Brief und 44 Mark

Archivar Helmut Klingelhöfer geht davon aus, dass die Gefangenen wohl einerseits exotisch auf den Fotografen wirken mussten, andererseits aber auch Anerkennung für den militärischen Gegner vorherrschte. „Man kann es wohl mit einer Art Ritterlichkeit vergleichen“, sagt Klingelhöfer. Zumindest deuten diese Aufnahmen auf einen respektvollen Umgang zwischen Aufsehern und Gefangenen hin.
Benno Dauber, der mittlerweile zum Reserveoffizier befördert wurde, hatte auch Aufnahmen vom zerstörten Lille nach Hause gesendet. 1917 kommt dann der Brief, den kein Vater, keine Mutter jemals lesen möchte. Es ist die Nachricht von Bennos Tod infolge von „schwerer Verwundung“. Vater Carl bleibt diese letzte Nachricht und 44 Mark von seinem Sohn.

„Können Sie damit etwas anfangen?“, fragt Bill McDonald und zeigt auf den Stapel, der vor Helmut Klingelhöfer ausgebreitet ist. „Der Überlieferungswert ist hoch. Wir wären sehr an einer Verwahrung interessiert“, sagt Klingelhöfer und legt seine Lupe zur Seite. Im Archivinformationssystem Arcinsys (arcinsys.hessen.de) wird man die Unterlagen bald aufrufen können. Die Geschichte der Marburger Familie ist damit für die Nachwelt gesichert.

Für Bill McDonald endet damit das Kapitel der alte Dame, die er zwar nie persönlich traf, die ihm aber auf Umwegen ihre Familiengeschichte erzählte. Was bleibt, ist eine letzte Schwarz-Weiß-Aufnahme ( Foto: Siepmann)und die ungefähre Ahnung, dass sie es sein könnte: die alte Dame in jungen Jahren. Diesmal kein Name auf der Rückseite. Nur ein Verdacht. „Ich denke, sie war die Schwester von Benno“, sagt Klingelhöfer.

von Dennis Siepmann

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