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Eine Liebeserklärung an "die" Jugend

Abschiedsvorlesung Eine Liebeserklärung an "die" Jugend

Jugendforscher und Rechtsextremismus-Experte Professor Dr. Benno Hafeneger verabschiedete sich vor großem Publikum offiziell von der Philipps-Universität - und bleibt ihr dennoch erhalten.

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Professor Benno Hafeneger bei seiner Abschiedsvorlesung.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Forschungsbeauftragter“ des Fachbereichs Erziehungswissenschaften ist Hafen-eger nach dem Erreichen der Pensionsgrenze - ein Titel, der in etwa ausdrückt, dass er seine laufenden Forschungsprojekte abschließt und von Lehr- und Gremienverpflichtungen befreit ist. Hafenegers Dienstzeit als Professor jedenfalls wurde von der Philipps-Universität verlängert - ein Akt, mit dem die Hochschule, die nach eigenem Bekunden vor allem jüngeren Wissenschaftlern die Chance auf eine Professur geben möchte, eher zurückhaltend umgeht.

Offiziell ist Hafeneger nun „Seniorprofessor“, und so wird aus dem Ruhestand ein „Unruhestand“. Hafeneger wird sich weiterhin hauptberuflich seinen Forschungsprojekten widmen können.

Die Begründung lieferte der Dekan des Fachbereichs, Professor Dr. Eckhard Rohrmann, gleich mit: Hafeneger sei derjenige Hochschullehrer am Fachbereich, der die meisten Drittmittel eingeworben habe - und das, „ohne auf mögliche Geldgeber-Interessen Rücksicht zu nehmen.“

Hafeneger, seit 1994 Professor für außerschulische Jugendbildung am Fachbereich, sei ein „gefragter Berater“ von Menschen gewesen, die hauptberuflich mit Jugendarbeit zu tun haben, von „Fachpolitikern und Beratern, sagte Rohrmann.

Das spiegelte sich auch im Publikum: Zur Abschiedsvorlesung Hafenegers waren neben Studierenden und anderen Mitgliedern des Fachbereichs unter anderem auch Vertreter des Kreistags erschienen, für den Hafeneger eine Studie über Rechtsextremismus unter Jugendlichen erstellt hatte, Vertreter von Initiativen wie dem „Verein für bewegungs- und sportorientierte Jugendsozialarbeit“ (bsj) oder der Leiter des städtischen Jugendamts, Christian Meinecke.

„Jugend“ war denn auch, wenig überraschend, das Thema von Hafenegers Abschiedsvorlesung. „Vom Reden über die junge Generation“, nannte er seinen 45-minütigen Vortrag, der eine Fragestellung umriss, die ihn „wie ein roter Faden“ während seines gesamten beruflichen Lebens beschäftigt hat.

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer“. Wer dies gesagt hat, ist nicht ein neuzeitlicher Gesellschaftskritiker, sondern der griechische Philosoph Sokrates vor knapp 2500 Jahren. Das klingt ganz ähnlich wie bei einem Schulmeister aus dem 18. Jahrhundert, der klagte: „Das Sittenverderben unserer heutigen Jugend ist so groß, daß ich es unmöglich länger bei derselben aushalten kann“. Und Schriftsteller Carl von Ossietzky hatte auch keine deutlich bessere Meinung: „Es fehlt nicht nur an äußeren Manieren, mehr noch Artigkeit der Seele. Es wird geprahlt und gezotet.“

Offenbar, schlussfolgert Hafeneger in Anlehnung an die pädagogische Fachliteratur, hat jede Generation dieselben Befürchtungen in Bezug auf die nachwachsende.“

Dabei gibt es „die“ Jugend als homogene Gruppe nicht. Was, so fragt Hafeneger, hatte ein rebellierender Student in Berlin mit dem Lehrling in Niederbayern in den 1960er Jahren gemeinsam? Was hat ein junger Computermillionär mit einem Jugendlichen im Hartz-IV-Bezug gemeinsam?

„Die“ Jugend ist keine Generation, keine soziale Gruppe, sondern eine widersprüchliche Form der Vergesellschaftung des Aufwachsens“, schlussfolgert Hafeneger. Für Pägagogen ergibt sich die Fragestellung, was Bildung und Erziehung bedeuten im Unterschied zu anderen Zugängen zur jungen Generation.

Seine Antwort: Im Kern ist es ein grundlegend ethisch motiviertes Verständnis, Menschen in ihren Entwicklungsprozessen zu begleiten, sie zu unterstützen und „anzuregen, dass sie Krisen bewältigen und die Fähigkeit (wieder) gewinnen, ihr Handeln selbst zu entwerfen, zu bestimmen und zu realisieren.“

von Till Conrad

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