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Eine Hand rutscht nicht nur einfach aus

Häusliche Gewalt Eine Hand rutscht nicht nur einfach aus

Wie geht es weiter, ist eine Frage, die sich viele Betroffene stellen. Dabei wird oft vergessen, dass die Folgen von häuslicher Gewalt langfristig sind - und auch die eigenen Kinder betreffen.

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Körperliche Auseinandersetzungen sind nur ein Teil der häuslichen Gewalt, die Frauen oft ertragen müssen. Informationsveranstaltungen sollen dort für Transparenz sorgen.Foto: Andreas Arlt

Marburg. Es ist ein Hilferuf, der oft überhört oder übersehen wird, wenn Gewalt hinter verschlossenen Türen herrscht. Oft geht es dabei nicht nur um rein physische Auseinandersetzungen. „Körperliche Gewalt gegen Frauen ist nur das Ende der Fahnenstange“, sagte Dr. Claudi Baniahamed, Apothekerin an der hohen Leuchte in Marburg. Sie und ihre Kollegen bilden eine neue Anlaufstelle für - im vergangenen Jahr überwiegend weibliche (90 Prozent) - Opfer von häuslicher Gewalt. „Der Alkohol spielt dabei eine nicht so große Rolle“, berichtete Horst Vaupel, Hauptkommissar der Polizeidirektion Marburg-Biedenkopf und relativiert damit vorherrschende Vorurteile.

246 Fälle von Körperverletzungen, Bedrohungen, Beleidigungen, Vergewaltigungen, Belästigungen oder ähnlichen Straftaten gab es im vergangenen Jahr im Landkreis, die unter das Kriterium „häusliche Gewalt“ fallen. Hessenweit waren es 7624 Opfer, die Dunkelziffer ist bei beiden Vergleichszahlen deutlich höher. Psychische oder finanzielle Abhängigkeit, die Ungewissheit nach der eigenen Zukunft oder der der Kinder, sind nur einige Gründe, warum manche Frauen trotzdem in der Gegenwart des Peinigers bleiben. „Es gibt viele Gründe, die es einem schwermachen, den Weg in die Öffentlichkeit zu gehen“, sagte Baniahamed.

Sie und 24 weitere Apotheken wollen aber in Zukunft eine Anlaufstelle sein, bei der Betroffene schnelle, unkomplizierte und vor allem unverbindliche Informationen erhalten. „Bei uns soll man nicht direkt sein gesamtes Beziehungsdrama ausbreiten. Aber wir können Informationen geben und Kontakte vermitteln, wo einem sofort geholfen wird“, sagte Dr. Doris Klarner von der Brunnenapotheke in Marburg.

Ziel soll es sein, möglichst vielen Betroffenen auf einem möglichst vertraulichen und anonymen Weg Informationen und Beratungsstellen zu vermitteln. Dabei helfe der langjährige Kontakt der Apotheken zu ihren Kundinnen und Kunden. „Wir wollen das Thema in die Köpfe holen“, sagte Dr. Kerstin Weinbach, Stadtverordnete in Marburg. Das gelte zum einen für die Opfer - aber auch für die Umgebung. Denn oftmals würden Nachbarn, Freunde und Familienangehörige Dinge wie verbale Auseinandersetzungen oder Veränderungen im Verhalten von Kindern mitbekommen, ohne etwas zu unternehmen. „Wir wollen kein Querulantentum. Aber es ist immer besser, einen Hinweis an die Polizei zu geben, der sich im Nachhinein als falsch erweist, als tatenlos zuzugucken,“ sagte Vaupel.

von Andreas Arlt

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