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Eine Grenze, die selten überschritten wird

Gewalteskalation Eine Grenze, die selten überschritten wird

Vieles an der unmittelbaren Vorgeschichte zu dem tödlichen Messerstich in der Oberstadt erinnert an die Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fußball-Hooligans.

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Marburg. Seit der Bluttat vor einer Kneipe in der Oberstadt fragen sich viele Marburger - nicht zuletzt Oberbürgermeister Egon Vaupel in der Sitzung des Stadtparlaments am Freitag -, was eigentlich in einem Menschen vorgeht, der sich vor dem nächtlichen Kneipengang ein Messer in die Tasche steckt.

„Es gibt nicht viele Menschen, die vor einem abendlichen Kneipenbesuch bewusst ein Messer einstecken“, glaubt der Sozialpsychologe Professor Ulrich Wagner. Wagner arbeitet im Zentrum für Konfliktforschung und in der AG Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie mit und leitet die Arbeitsgruppe „Marburg gegen Gewalt“ von Stadt Marburg und Philipps-Universität.

Die Gruppe jener, die aggressive körperliche Gewalt anwendet, ist laut Kriminalstatistik klar eingrenzbar, berichtet Wagner auf Nachfrage der OP: Mehr als 80 Prozent aller Gewalttaten werden von jungen Männern zwischen 15 und 25 Jahren verübt. Die Aggressionsforschung führt dies auf ein verbreitetes Selbstverständnis in dieser Gruppe zurück, das den Mann als „wehrhaft“, als „stark“ sieht, als jemanden, der seinen persönlichen Wertekodex verteidigt.

Wenn „Mann“ sich selbst so sieht, sei der Grundstein für ein hohes Aggressionspotenzial gelegt, glaubt Wagner. Vermittelt werden kann dieses Selbstverständnis im Elternhaus, aber auch in „peer-groups“, also in Cliquen von Gleichgesinnten und annähernd Gleichaltrigen. Wissenschaftlich erwiesen ist auch, dass der unkontrollierte Umgang etwa mit interaktiven, Gewalt darstellenden Computerspielen die Gewaltbereitschaft bei jungen Männern erhöht.

Dass es in der Reitgasse zu der Gewalteskalation kam, hat, so vermutet Wagner, aber noch mindestens zwei weitere Ursachen: Die eine heißt „Alkohol“, der (ähnlich wie auch andere Drogen) enthemmt und die Selbstkontrolle herabsetzt, die andere heißt „Gruppenverhalten“. Dem tödlichen Messerstich war eine längere Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen vorausgegangen, die sich immer weiter hochgeschaukelt hat.

Ansehen innerhalb der Gruppe wichtiger Faktor

Neben der Rivalität zur anderen Gruppen können in diesen Zusammenhängen auch Versuche eine Rolle spielen, innerhalb der eigenen Gruppe durch besonders aggressives Verhalten eine höhere Stellung oder mehr Ansehen zu erlangen. Wagner vergleicht diese Vorgänge mit denen, die aus den Schlägereien zwischen rivalisierenden Fußballfans bekannt sind.

Dennoch, glaubt Wagner, wäre es nicht zu dem tödlichen Ausgang gekommen, hätte der Beschuldigte nicht ein Messer in der Tasche gehabt. Ob man insofern von Vorsatz sprechen könne, müsse das Gerichtsverfahren zeigen. Die Grenze zwischen körperlicher Gewalt und der Bereitschaft zum Töten werde seiner Erfahrung nach selten überschritten.

Als Konfliktforscher und Leiter der Arbeitsgruppe „Marburg gegen Gewalt“ weist Wagner aber auch auf eine andere Grenze hin: Die zwischen lautstarker Auseinandersetzung und dem ersten Schlag. Diese Grenze zu erhalten, sei Ziel unter anderem der Anti-Gewalt-Prävention, die von der Arbeitsgruppe propagiert und gefördert werde.

Mit etwa Mitte 20 lässt die Bereitschaft zu Gewalttaten im Übrigen dramatisch nach, sagt Wagner.

Der Beschuldigte für die Tat vom 12. Oktober war 26 Jahre alt.

von Till Conrad

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