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Eine Geschichte über die Freiheit

25 Jahre Mauerfall Eine Geschichte über die Freiheit

Als die Grenzübergänge am Abend des 9. Novembers 1989 in Berlin geöffnet wurden und die Wende ankündeten, war Kathrin Bonacker mittendrin.

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Kathrin Bonacker zeigt auf die Straße in Berlin, in der sie zur Zeit des Mauerfalls gelebt hat.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. „Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind.“ Mit diesen Worten moderiert Hanns Joachim Friedrichs am Abend des 9. Novembers 1989 die Tagesthemen an. „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Kathrin Bonacker und ihr Freund sitzen in ihrer Wohnung in West-Berlin vor dem Fernseher und trauen ihren Ohren nicht. Die Grenze – offen? Das wollen sie mit eigenen Augen sehen. Schnell werfen sie sich ihre Mäntel über, die sie in dieser ungewöhnlich kalten Novembernacht auch brauchen werden, und laufen zusammen zum nächstliegenden Grenzübergang in der Bornholmer Straße. Die Bilder, die sich ihnen dort bieten, werden sie nie vergessen.
Tränen, Trabbi-Mief und fassungsloses Staunen

Tränen, Trabbi-Mief und fassungsloses Staunen

„Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen und weinten“, erinnert sich Kathrin Bonacker im Gespräch mit der OP.  „Es herrschte Fassungslosigkeit und Freude.“ Besonders an den Geruch der Trabbis, die in dieser Nacht über die Grenze rollten, kann sich Bonacker gut erinnern. „Es stank fürchterlich“, erzählt sie und lacht, „und trotzdem wollten alle diese fremden Autos anfassen und darauf herumklopfen“. Es schien ihr, als wollten die Menschen all die Dinge anfassen, die sie so lange nicht berühren durften. „Es war ein unheimlicher Lärm und eine ansteckende Hysterie.“

Kathrin Bonacker wächst in Witzenhausen auf, einem Zonenrandgebiet in Nordhessen. Dort hat sie die Grenze ständig vor Augen. „Auf meinem Schulweg konnte ich die Grenzzäune sehen und wusste gleichzeitig, dass mir das Gebiet verschlossen bleiben würde“, erinnert sie sich.

Nach ihrem Abitur und der Ausbildung zur Buchhändlerin in der Marburger Universitätsbuchhandlung Elwert (heute Lehmanns) zieht Bonacker nach West-Berlin und beginnt dort 1987 ihr Studium der Soziologie und Kunstgeschichte.
Auch dort bleibt ihr der Eiserne Vorhang stets präsent. Sie wohnt zu Anfang in der Brunnenstraße, die in der Höhe Bernauer Straße von der Berliner Mauer­ unterbrochen wurde und dahinter, in Ost-Berlin, weiterführte. „Ich habe also quasi immer auf diesen toten Winkel geguckt“, sagt sie und zeigt in den selbst mitgebrachten Berlin-Faltplan aus dem Jahr 1987 auf die Stelle, an der sich ihr Studentenwohnheim befand.

"Es war so, als würde ich in ein fremdes Land reisen"

Oft habe sie sich gefragt, wie es wohl sei, hinter der Mauer zu leben. Ganz unbekannt war ihr die DDR durch die Besuche bei der Tante in Ost-Berlin gewiss nicht. „Wenn ich sie besuchte, war es immer so, als würde ich in ein anderes Land reisen – nur dass die Leute dort dieselbe Sprache sprachen wie ich.“ Sie beneidete die Ost-Berliner um ihre Straßenbahn, die in West-Berlin schon lange nicht mehr fuhr.  

Doch im Gegensatz zu ihrer Tante, die sich in der DDR sehr wohl fühlte, bekam sie bei ihren Besuchen „immer so ein beklemmendes Gefühl“. „So unfrei, so eingesperrt“, habe sie sich gefühlt, wenn sie, zum Beispiel beim Einkaufen, mit dem Anpassungszwang konfrontiert wurde. „Was man alles nicht kriegen konnte in der DDR“, sagt sie kopfschüttelnd.

Dieses Gefühl überkommt sie, zurück in West-Berlin, auch immer dann, wenn sie mit der U-Bahn an den unterhalb Ost-Berlins liegenden geschlossenen U-Bahnhöfen, den sogenannten „Geisterbahnhöfen“, vorbeifuhr.

Am 10. November 1989, der Tag nach der Öffnung der Grenzen, wacht Bonacker auf und alles ist anders. Davon will sie sich noch einmal selbst überzeugen. Sie schnappt sich ihre Kamera und zieht los, dorthin, wo die Menschen sind. „Es herrschte so ein fassungsloses Staunen“, beschreibt Bonacker die Atmosphäre auf den Straßen Berlins. „Überall kletterten Menschen auf Absperrungen, diskutierten die Bürger darüber, wie nun alles weitergehen würde.“

Bonacker setzt sich mit ihrer Kamera in einen Doppeldeckerbus, ganz nach vorne, um möglichst viel zu sehen von dem neuen Berlin.  Neben ihr sitzt eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn. „Sie hat gar nicht viel gesagt“, erinnert sich Bonacker. „Sie zeigte mir ihren Reisepass und den frischen Stempel darin und strahlte einfach nur.“  

Manchmal, so sagt man, sagt ein Blick mehr als tausend Worte. Es ist so ein Blick, den Bonacker an diesem Tag mit ihrer Kamera festhält. Er und viele andere Augenblicke kleben heute in dem Fotoalbum, durch das sie während unseres Gesprächs blättert.

Auf den Bildern sind auch einige Willkommensschilder zu sehen, die, wie Bonacker berichtet, „über Nacht wie Pilze aus dem Boden schossen“. Sätze wie „Herzlich willkommen“, „Kaffee zum Aufwärmen“, „Informationen zur Orientierung“ stehen darauf. Es herrschte eine einladende Atmosphäre gegenüber den DDR-Bürgern.

Weniger einladend empfand Bonacker die langen Warteschlangen vor den Bankinstituten, bei denen sich die DDR-Bürger „wie Bittsteller“ ihr Begrüßungsgeld gegen Vorlage des Personalausweises oder des Reisepasses abholen konnten. „Das war irgendwie so von oben herab. Vom Gefühl her hätte man es ihnen einfach frei verteilen müssen“, findet Bonacker.

Von ihren 100 DM Willkommensgeld deckten sich DDR-Bürger in den Tagen nach der überraschenden Grenzöffnung mit Westwaren ein, die ihnen bis dahin verwehrt waren: Barbie-Puppen, Mini-Röcke, Jeans, Schallplatten oder das lang ersehnte Kassettenradio gehörten dazu.

"Viele Westdeutsche verlangten Landkarten, Landkarten, Landkarten"

Bonacker beobachtete diesen Kaufrausch von der Buchabteilung des Westwarenhauses KaDeWe aus, in der sie zu dieser Zeit jobbte. „Bei uns wurde nicht viel von den DDR-Bürgern gekauft“, erinnert sie sich. „Aber viele Westdeutsche verlangten Landkarten, Landkarten, Landkarten. Von Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen, Sachsen. Das waren ja alles Orte, wo sie vorher nicht hin durften.“

Auch Bonacker nutzt die neue Reisefreiheit und setzt sich endlich in eine Straßenbahn, von der aus sie die fremde Welt, die „gruseligen“ Plattenbauten bestaunt, die sie bis dato eher gerüchteweise kannte. Auch mit ihrer Familie reist sie viel. Zum Beispiel nach Kirchmöser bei Brandenburg, der Ort, in der ihre Mutter aufgewachsen ist und den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr besucht hatte.

„Endlich konnte man sich frei bewegen ohne den permanenten Zeitdruck des Wiedereinreisedatums.“ Für sie war dieses Gefühl „wie ein Korsett, das plötzlich aufsprang“.

Nach der Wende zieht Bonacker nach Bonn, wo sie in den frühen 1990er Jahren weiter als Buchhändlerin arbeitet. „Wir bekamen damals viele Aufträge von ostdeutschen Uni-Bibliotheken, die mit westdeutschen Büchern ausgestattet wurden“, erinnert sie sich. Dabei handelte es sich vor allem um naturwissenschaftliche, juristische, betriebswirtschaftliche und medizinische Literatur.

1991 schließlich zog Bonacker zurück nach Marburg, wo sie ihren Mann kennenlernte, heiratete und Mutter zweier Kinder wurde. Heute leitet die promovierte Kulturwissenschaftlerin ein Anzeigenarchiv und schreibt Artikel für mehrere Zeitschriften, sogenannte „Kabinettstückchen“.

Dass Deutschland nun geeint ist, kommt ihr, die an der Grenze groß geworden ist, manchmal immer noch wie ein Traum vor. „Ich bin immer noch erstaunt darüber, wenn ich nach Thüringen fahre, dass das einfach so geht.“ Jedes Mal, sagte sie, erzähle sie ihrer Familie dann, wo genau die Grenze stand.

Eine Geschichte der Freiheit, die man eigentlich nicht oft genug hören kann.

von Ruth Korte

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