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Eine Entdeckung, die unbewiesen bleibt

Filmvortrag über Amnon Marinov Eine Entdeckung, die unbewiesen bleibt

Über Amnon Marinov, 
einen israelischer Physiker, berichtete ein Filmvortrag im jüdischen Kulturzentrum. Mit Unterstützung von Kollegen auch aus Marburg.

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Engagieren sich für das Vermächtnis des verstorbenen Physikers Amnon Marinov: Ehefrau Rachel Marinov, Tochter Rama Marinov-Cohen, der Marburger Chemiker Reinhard Brandt, Amnon Orbach von der jüdischen Gemeinde und der Kasseler Physiker Dietmar Kolb.

Quelle: Martin Schäfer

Marburg. Die Welt der Wissenschaft ist voll von verkannten Pionieren. Dazu zählen der Hygienearzt Ignaz Semmelweis, der Genetiker Gregor Mendel, oder hier in Marburg der Kontinentalverschieber Alfred Wegener. 
Alle eint, dass ihre Forschung erst spät im Leben oder gar nach dem Tod Anerkennung durch die Fachwelt erfahren hat.

Es sind allesamt Lehrstücke, wie sich Pioniere zeitlebens gegen die Fachwelt und deren vermeintlich etabliertes Wissen abstrampelten. Ob sich der hierzulande unbekannte Amnon Marinov da auch einreihen wird, ist unklar, ja sogar fraglich.

Kampf im Untergrund gegen britische Besatzer

Der jüdische Physiker, der im Jahr 2011 in Jerusalem verstarb, war öfters in Marburg, um hier mit Fachkollegen seine provokanten Thesen zu diskutieren. Am Samstag zeigte das jüdische Kulturzentrum nun einen Film mit dem Titel „Element 112 – die Affäre Amnon Marinov“ – eine Art Wissenschaftskrimi, aber auch tragische Biographie. Zur Filmschau hatten Amnon Orbach, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Marburg und die Familie des Physikers, Tochter Rama und Ehefrau Rachel aus Jerusalem, frühere Weggefährten wie auch die interessierte Öffentlichkeit eingeladen.

Pionier war Marinov zweifellos. Er engagierte sich im Untergrund gegen die britischen Besatzer des damaligen Palästina. 
Später kämpfte er – wie der gleichaltrige Amnon Orbach – als Soldat für die Unabhängigkeit Israels. Marinov arbeitete 
für das junge Israel im Kibbuz und gründete auch ein weiteres. Ein ruhiger, bescheidener Mensch, laut den Aussagen von Zeitzeugen im Film.

Aufsehen erzeugte ein Experiment aus dem Jahr 1971: Marinov meinte, das chemische Element 112 gefunden zu haben. Dazu muss man wissen, in der Natur kommen nur die chemischen Elemente vom Wasserstoff (Nr. 1) bis zum Uran (Nr. 92) stabil vor. Elemente mit höheren Ordnungszahlen, die zwar auch in kosmischen Explosionsprozessen entstehen, sind auf astronomisch langen Zeitskalen längst zerstrahlt. Später legte Marinov nach, auch die Elemente 111 und 122 hätte er entdeckt.

Eines der Experimente ist dabei so kurios wie fragwürdig. Marinov köchelte einen Klumpen Gold knapp über dem Schmelzpunkt über Monate, berichtet der emeritierte Marburger Kernchemie-Professor Reinhardt Brandt.
Das Gold dampfte langsam weg, übrig blieb das superschwere Element 111. Wo andere Forscher große Beschleunigungsanlagen wie etwa bei der GSI in Darmstadt benötigen, reichte bei Marinov der Schreibtisch.

Fronten verhärten sich 1996

Verständlich, dass die Forschergemeinde skeptisch blieb. Ungewöhnliche Behauptungen 
brauchen deutliche Beweise. 
Gute wissenschaftliche Praxis wäre gewesen, wenn ein unabhängiges Forscherteam die Ergebnisse reproduzierte. Doch das ist nicht geschehen. „Forscher wollen natürlich nicht die zweiten im Ziel sein“, erklärt Dietmar Kolb, emeritierter Physikprofessor der Universität Kassel, der Marinovs Experimenten ein theoretisches Gerüst gab.

Im Jahr 1996 verhärteten sich die Fronten offenbar. Damals vergab der internationale Chemikerverein IUPAC das Namensrecht am Element 112 an die GSI. Seither heißt Element 112 Copernicum. Marinovs angebliche Erstentdeckung aus dem Jahr 1971 blieb unberücksichtigt, da unbewiesen.

Marinov und seine Mitstreiter 
Reinhardt Brandt in Marburg und Dietmar Kolb in Kassel, setzten alles daran, ihren Erkennt­nissen Gehör zu verschaffen. Vergeblich. Seither mutmaßen sie politische Einflussnahme bis hin zur Verschwörung der Fachkollegen.

Die Geschichte der Wissenschaft ist auch voll von Misserfolgen, Fehlern, naiven Ansichten. Es gibt immer auch das Risiko des Scheiterns einer Idee. Ein tröstliches Fazit im Film zog zumindest der renommierte Frankfurter Kernphysiker Walter Greiner. Für ihn sei die Frage, ob Marinov als erster das Element 112 gefunden hat, schlicht offen.

von Martin Schäfer

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