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Eine Bluttat, die ganz Ockershausen erschütterte

Historischer Stadtspaziergang Eine Bluttat, die ganz Ockershausen erschütterte

Im Jahr 1861 erschüttert ein grausamer Mord das kleine Dörfchen Ockershausen. Drei Jahre später wird der Täter am Rabenstein hingerichtet. Es ist die letzte öffentliche Hinrichtung in Marburg.

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Am Dammelsberg steht die sogenannte „Mordeiche“ – unter der die Leiche der schwangeren Ockershäuserin am 12. September 1861 von einem Forstbeamten gefunden wurde.

Quelle: Katharina Kaufmann

Marburg. Um 8 Uhr am Morgen des 10. September 1861 verlässt die junge Dorothea Wiegand – in Ockershausen auch das „Hinkel“ genannt – ein kleines Fachwerkhaus im Bereich des heutigen Gladenbacher Weges. Dort wohnt ihr Freund, der Schuhmachergeselle Ludwig Hilberg, gemeinsam mit seiner Mutter. Dorothea Wiegand ist frohen Mutes, sie ahnt nicht, dass es der letzte Tag ihres Lebens sein wird.
Eine Stunde später verlässt auch Ludwig Hilberg das kleine Haus und macht sich über die heutige Kuttnertreppe auf den Weg hinauf zum Rotenberg. Es muss etwa um die gleiche Zeit gewesen sein, als Dorothea Wiegand von ihrem Elternhaus die Hohe Leuchte hinaufgeht. Einer Nachbarin erzählt sie noch, sie wolle sich mit ihrem „Burschen“ treffen.

Schwangerschaft war wohl das Motiv für den Mord

Was keiner in Ockershausen weiß, Dorothea Wiegand ist schwanger. Vater des Kindes ist Ludwig Hilberg. Diese vermeintlich frohe Kunde will sie ihm wohl beim gemeinsamen Spaziergang durch die Natur berichten.

„Die Schwangerschaft war vermutlich auch der Grund für den Mord“, berichtet Reinhold Drusel vom Heimat- und Geschichtsverein Ockershausen. Weil sich das Ende des Dramas um Wiegand und Hilberg im vergangenen Herbst zum 150. Mal jährte, organisierte er jetzt einen zweiteiligen historischen Stadtspaziergang auf den Spuren von Täter und Opfer. Aufeinander treffen diese beiden dort, wo heute der Parkplatz des Marburger Hauptfriedhofs am Rotenberg ist. „Von da aus gehen sie gemeinsam weiter auf den unter anderem mit jungen Eichen bepflanzten Dammelsberg“, erläutert Drusel.

Dort – an der heutigen „Mordeiche“ – kommt es wohl so gegen kurz vor zehn Uhr zur grausamen Tat. Mit einem Messer ersticht der junge Mann die schwangere Frau. Dann eilt er nach Hause. Ein Nachbar, der später als Zeuge aussagt, sieht ihn gegen zehn Uhr mit hochrotem Kopf vorbeigehen.

Erst zwei Tage später findet ein Forstbeamter die Leiche Wiegands. Ganz Ockershausen ist erschüttert. Ruhe kehrt erst drei Jahre später wieder ein.
Denn so lange dauert es, bis Hilberg rechtsgültig verurteilt und die Todesstrafe vollstreckt ist. „Der Prozess zog sich unheimlich in die Länge und beruhte nur auf Indizien, denn der Täter legte erst kurz vor seiner Hinrichtung ein Geständnis ab“, weiß Drusel. Doch warum hat Hilberg Dorothea Wiegand ermordet? Das „Hinkel“ galt in Ockershausen nicht als besonders schlau. „Hilberg wollte sie keinesfalls heiraten. Weil sie aber schwanger war, sah er keinen anderen Ausweg, als sie zu töten“, erklärt der Heimatforscher die Hintergründe der Tat.

Im Herbst 1861 beginnen die Verhandlungen

Nachdem die Leiche also gefunden ist, beginnt die fieberhafte Suche nach dem Täter. Und die führt schnell zu Ludwig Hilberg. Im Oktober 1861 beginnt die erste Verhandlung im alten Marburger Landgericht. Die Räumlichkeiten dort sind jedoch zu eng für einen Prozess dieser Größe. Es wird auf die Propstei ausgewichen. Im Januar 1862 findet zudem eine Zeugeneinvernehmung im Ockershäuser Gasthaus Ruppersberg statt. 35 Ockershäuser sagen dort aus und werden von Hilberg, so geht es aus den alten Gerichtsakten hervor, als „Pöbel“ beschimpft.

Insgesamt 145 Zeugen hören die Richter und Geschworenen bis zur ersten Urteilsverkündung am 30. September 1863. Aus Beweismangel und weil sich die Zeugen zum Teil widersprechen, lautet das Urteil: Freispruch. Sechs Geschworene sprachen sich für ein Todesurteil aus, sechs dagegen.

Hilberg wird freigelassen. Doch die Ruhe im beschaulichen Ockershausen ist schon seit dem Leichenfund gestört. „Das wurde durch die Freilassung nicht besser“, sagt Drusel und zitiert aus einem historischen Dokument: „Es hing eine schwarze Wolke über dem Dorf.“

Die Freiheit Hilbergs währt gerade einmal 54 Tage. Nach Gerüchten, dass er bereits in früheren Jahren ein Mädchen getötet haben soll, und als Fluchtvorbereitungen an die Behörden gemeldet werden, wird der junge Schuhmachergeselle erneut verhaftet und in den Hexenturm gesperrt.  Nach akribischer Vorbereitung beginnt am 13. Juni 1864 die zweite Schwurgerichtsverhandlung gegen ihn. Von einem Lithographen hatte das Gericht unter anderem extra eine riesige Gebietskarte anfertigen lassen, in die sämtliche Zeugenangaben vermerkt und die Wege von Opfer und Täter eingetragen wurden. Wieder werden mehr als 145 Zeugen vernommen. Am 27. Juni 1864 fällt das Urteil: Neun der zehn Geschworenen plädieren für die Todesstrafe.

Nach der Hinrichtung feiert Ockershausen eine Kirmes

Die Hinrichtung wird für den 14. Oktober 1864 festgesetzt, drei Tage zuvor wird Hilbergs Gnadengesuch durch den Kurfürsten in Kassel abgelehnt. Nun gibt es kein Zurück mehr. „Das hat auch Ludwig Hilberg gemerkt“, berichtet Reinhold Drusel. Und so habe er gegenüber seinem Beichtvater, Pfarrer Wilhelm Kolbe, schließlich auch die Tat zugegeben. „Vor nichts ist mir jetzt noch bang, als vor dem Weg und den vielen Leuten“, soll er vor seinem letzten Gang mit zitternden Knien und bebender Stimme gesagt haben.
Um 6.40 Uhr am Morgen des 14. Oktobers 1864 steigt er in den von zwei Pferden gezogenen Gerichtswagen, der ihn zur Richtstätte am Rabenstein bringt. Dort wird er unter den Blicken Hunderter Schaulustiger per Schwertschlag geköpft. In Ockershausen beginnt man zu feiern.

von Katharina Kaufmann

Termin

Der zweite Teil des historischen Stadtspaziergangs zum Mord am Dammelsberg findet am Freitag, 10. April, statt. Treffpunkt ist um 14.30 Uhr an der Ecke Barfüßerstraße / Am Plan. Gewandert wird dann die Strecke, die der verurteilte Ludwig Hilberg im Sünderwägelchen vom Hexenturm am Marburger Schloss zur Richtstätte am Rabenstein zurücklegte.

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