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Einblick ins Innenleben der Rheinfranken

Burschenschaft Einblick ins Innenleben der Rheinfranken

Verstrickungen in die deutsche Naziszene? Unbekannte haben Details aus dem Innenleben der Marburger Burschenschaft Rheinfranken veröffentlicht - inklusive Fotos, Handynummern und Mietverträgen.

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Das Haus der Rheinfranken in der Lutherstraße – ein „Anlaufpunkt für Nazis“, wie Antifaschisten meinen? Interne Dokumente deuten auf ein weniger eindeutiges Bild hin.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Kern der Veröffentlichung eines Internet-Blogs über die Rheinfranken ist die sogenannte Fuxenkladde, ein internes Dokument über Organisation, Verhaltensregeln und deutsche Geschichte samt ihrer Interpretation durch die Studentenverbindung. Dieses 171 Seiten umfassende Buch mit dem Titel „Der Rheinfranke - Buch zur Erziehung der jungen Bundesbrüder“, erschienen im Wintersemester 2000/2001, liegt der OP vor.

Große Teile bestehen aus ­Abhandlungen zu Themen wie Sprache, Literatur und ­einer Satzung mit 67 Paragrafen, die Zusammenleben und Gepflogenheiten im Umgang miteinander und mit Frauen ­regeln. Auch Begrüßungsformeln und Stilfragen, Tisch- und Konversationsmanieren sind ­geregelt. Einblicke in das Denken der Verbindungsstudenten geben Kapitel über deutsche ­Geschichte und Religion - etwa der „kritischen Auseinandersetzung mit dem Judentum“. Einige Kernaussagen, die fast immer mit Bibelpassagen in Verbindung gebracht werden: Es gebe eine „bestehende ewige Feindschaft“ zwischen Nichtjuden und Juden. Mit der „Selbstverherrlichung“ der Juden als „auserwähltes Volk“ gehe deren „Hass gegen andere Völker einher“, von „Vergebung, Nächstenliebe und Freundschaft“, wie Jesus und das Christentum es predigen, „will der Jude gegenüber Andersgläubigen nichts wissen“. Die Gläubigen legen eine „groteske Doppelmoral“ an den Tag. Bewertung: „Man könnte also die Auffassung vertreten, dass nicht die Bösartigkeit der Nichtjuden Grund für blutige Konflikte wurde, sondern das Bekenntnis des Juden zu einer solchen Religion.“ Also: Juden haben die „Judenfeindschaft geradezu herausgefordert“.

Ab Seite 158 widmen sich die Verfasser der Fuxenkladde auf mehreren Seiten „Verbrechen an Deutschen“ im und nach dem Zweiten Weltkrieg: „Bes­tialische Morde“ in Bromberg, Nemmersdorf, Massenvergewaltigungen, die Versenkung des Flüchtlingsschiffs Gustloff, Konzentrationslager für Deutsche. Zu den Verbrechen der Deutschen zwischen 1939 und 1945: kein Wort, auch nicht zum Holocaust. Die systematische Judenvernichtung wird mit einem Halbsatz angerissen: „Viele der Insassen (ehemalige­ Minister, Geistliche, Politiker auch der Deutschnationalen, Jugendführer, Wissenschaftler, Künstler, Juden etc.) wurden ab 1933 in Konzentrationslagern zu Tode gequält und/oder gefoltert.“ Weitaus mehr ist über Auswanderungen Hunderttausender Juden bis 1939 zu lesen.

Geschichtsklitterung durch Weglassen und Relativieren

Auch die Morde von Mechterstädt am 25. März 1920 ordnen die Rheinfranken-Autoren anders ein, als es - auch schon im Jahr 2000, zur Zeit der Buchverfassung - wissenschaftlich erwiesen ist. Davon, dass 13 der 15 Arbeiter, die von einem Marburger Studentenkorps getötet,­ per Kopfschuss hingerichtet wurden, ist keine Rede. Vielmehr steht im Rheinfranken-Standardwerk geschrieben, die zu einem Gerichtsprozess ­geführten gefangenen Arbeiter­ seien geflüchtet und vorab darüber belehrt worden, dass bei „Fluchtversuchen von der Waffe Gebrauch“ gemacht werde. Außerdem hätten anderswo in Deutschland zu der Zeit Kommunisten ähnlich viele Polizisten ermordet.

Zusammengefasst liefert das Dokument, das hauptsächlich Neu-Mitgliedern der Lernvorbereitung zur sogenannten Brandungsprüfung dienen soll, vor allem in analytischen Passagen, in der Interpretation der Geschichte - speziell durch Weglassen und Relativierung wesentlicher Fakten - Hinweise­ auf ein Weltbild samt Werteverständnis des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Dem inklusive sind - wenn auch nur in einzelnen Kapiteln und eher in Zwischentönen - eindeutig anti­semitische Haltungen.

Der Altherrenverband der Burschenschaft bestätigt die Existenz der Fuxenkladde. Diese habe es „in der Tat gegeben“, sagt Christian Zaum auf OP-Anfrage. Allerdings sei diese „nicht mehr in Gebrauch“. Sie sei vor zehn Jahren „eingezogen worden, weil es Bedenken gab“. Angesichts des Erscheinens 2000/2001 war sie demnach aber mindestens zeitweise gültiges Lehrwerk in der Lutherstraße. Zaum bestätigt auch, dass in der nach seinen Angaben nicht mehr gebrauchten Fuxenkladde das Kapitel über die „kritische Auseinandersetzung mit Juden“ enthalten ist. Der Tenor entspreche jedoch nicht der Haltung der Studentenverbindung: „Wir bekennen uns zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Personen, die sich nicht zu dieser bekennen, können keine Rheinfranken werden. Antisemitismus geht für uns gar nicht. Wir maßen uns nicht an, über Religion zu urteilen.“ Passagen in dem Dokument, das laut Staatsanwaltschaft auf externen Festplatten gespeichert war und bei einem Wohnungseinbruch im Wehrdaer Weg im Februar gestohlen wurde, seien „manipuliert worden“.

Die Seite mit den Enthüllungen wird von NoBlogs, einem sich vor allem an linke­ Aktivisten wendenden Anbieter, betrieben. Wegen technischer Spezifikationen ist eine Rück- und somit Strafverfolgung kaum möglich. Die Polizei und Staatsanwaltschaft sind seitens der Rheinfranken dennoch eingeschaltet worden.

Rheinfranken: „Viele sind lange keine Mitglieder mehr“

Die Namen von Aktiven sowie Alten Herren der Verbindung stammen offenbar aus einer ­internen Kassenliste. Neben Studenten werden darüber vor allem Juristen, Ärzte, aber auch Lehrer und Unternehmer als Teile der rechtsextremen Szene­ Deutschlands zugeordnet - ­viele von ihnen sollen aktiv in NPD, „Dritter Weg“ und rechten Kameradschaften sowie Fans von Rechtsrock sein.

Um diese Verstrickungen, die auf dem Enthüllungs-Blog behauptet werden, zu überprüfen, hat die OP mehrere Beschuldigte über deren veröffentlichte Handynummern oder E-Mail-Adressen kontaktiert. Das Resultat ist Schweigen. Oder: „Ich habe kein Interesse, mich darüber zu unterhalten“, wie ein 20-Jähriger, dem eine aktive Rolle in der Nazi-Partei „Dritter Weg“ unterstellt wird, sagt. Die OP ist alle in der Kassenliste genannten Namen durchgegangen, hat sie mit Adressen und Lebensläufen so weit wie möglich abgeglichen. Resultat: Viele Namen ­haben in der Tat Marburger ­Vergangenheit oder Gegenwart - aber mit Ausnahme der aktuell eingeschriebenen Studenten haben nur wenige Personen ihren Wohnsitz in der Universitätsstadt. Das Mitgliedernetz umspannt große Teile der Region Mittelhessen (Gießen, Homberg, Solms, Friedberg), andere wiederum haben ihren Lebensmittelpunkt in Berlin, Düsseldorf und anderen Großstädten. Christian Zaum verweist darauf, dass viele der im Blog genannten Personen „schon lange keine Mitglieder“ der Burschenschaft mehr seien.

Klar ist: In den vergangenen Jahren luden die Rheinfranken immer wieder prägende Persönlichkeiten der alt- wie neurechten Szene zu Vorträgen ein.

Elite, "die weiß, wo es langgeht"

Der Marburger Stefan Peters, der sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzt, charakterisierte Studentenverbindungen als „konservativ-autoritäre Männerbünde, denen es darum geht, ihr Weltbild von bestimmten gesellschaftlichen Positionen einfließen zu lassen und die Gesellschaft in ihrem Sinne zu verändern“. Damit gehe eine Idee von Elite einher, „die weiß, wo es langgeht, und die dafür sicherlich keine Demokratie braucht“. Dem gegenüber steht das in der Fuxenkladde als „geltendes Recht“ formulierte Bekenntnis der Marburger Rheinfranken als Mitglied des - allerdings ebenfalls umstrittenen - Dachverbands Deutsche Burschenschaft (DB) zu Artikel zehn der DB-Satzung, dass „von jedem Burschenschafter der tatkräftige Einsatz für eine demokratische und soziale Rechtsordnung gefordert wird“. Ebenso wie die „Pflicht für die freie Entfaltung deutschen Volkstums unabhängig von staatlichen Grenzen in einem einigen Europa in der Gemeinschaft freier Völker“ (Artikel neun) - Inhalte, die sich mit Christian Zaums Aussagen decken.

Die Rheinfranken sind neben­ Germania und Normannia-Leipzig eine der drei umstrittensten Studentenverbindungen in der Universitätsstadt. Aktivisten der „AntifaschistenAktion“ bezeichnen die Lutherstraße, in der mehrere Verbindungshäuser stehen, indes seit Jahren als „Anlaufpunkt für Nazis“. ­Die Burschenschafts-Mitglieder­ wehren sich, sprechen von „fragwürdigen Anschuldigungen, gar direkten Beleidigungen“ ihnen gegenüber.

In der Vergangenheit haben Burschenschafts-Kritiker­ sowohl in Marburg als auch ­anderswo mutmaßliche Nazis­ enttarnt. Ende 2014 wurden Germania-Mitglieder ähnlich detailliert geoutet wie aktuell­ die Rheinfranken. Das Vorgehen, speziell die Veröffentlichung persönlicher Daten - im jüngsten Fall finden sich ein Personalausweis und Fotos von blutüberströmten Fechtern sowie mutmaßlichen Marburger Rheinfranken vor einer Haken­kreuzfahne - ist indes hoch ­umstritten.

von Björn Wisker
und Stefan Dietrich

Jurist: „Das ist alles rechtlich unzulässig“

Die unbekannten Betreiber eines Blogs wollen offensichtlich Mitglieder der ­Burschenschaft „Rheinfranken“ und deren mutmaßlichen Verbindungen in die rechte Szene­ an den Pranger stellen. In dem Blog werden rund 20 Mitglieder der Burschenschaft namentlich aufgeführt, zum Teil haben die Blog-Betreiber auch Fotos, Adressen, Telefonnummern und Personalausweise veröffentlicht. Darf man das – rechtlich gesehen – eigentlich?

Der Marburger Medienrechtsexperte Professor Georgios Gounalakis verneint die Frage. „Das ist alles rechtlich unzulässig. Die Datenschutzgesetze bestimmen klar, dass persönliche Daten nur mit Einwilligung der betreffenden Person veröffentlicht werden dürfen.“ Die Betroffenen hätten dagegen möglicherweise einen Unterlassungs- oder sogar Schadenersatzanspruch. Fraglich sei ­allerdings, ob deutsche Gerichte diese Ansprüche durchsetzen können: Die Verfasser des Blogs sind unbekannt, der Server könne möglicherweise im Ausland stehen, erläutert Gounalakis.

Aber rechtfertigt möglicherweise das überragende öffentliche Interesse die Veröffentlichung trotzdem? Da müsse man differenzieren, sagt Gounalakis. Die Beschaffung der ­Informationen sei in jedem Fall rechtswidrig, ihre Veröffentlichung könnte aber in „engen­ Ausnahmefällen“ zulässig sein, etwa um einen Skandal aufzudecken. „Ob das bei den Rheinfranken der Fall ist, wage ich zu bezweifeln“, sagt der Experte. „Denn deren Gesinnung – dass sie sehr weit rechts stehen – ist allgemein bekannt.“

von Stefan Dietrich

Kommentar: Menschenwürde steht allen zu

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, warnte schon Bertolt Brecht – und meinte damit den Faschismus. Wie berechtigt der Satz ist, zeigt sich seit Monaten: Anfeindungen und Gewalt ­gegen Migranten nehmen zu, während im rechten Spektrum brandstiftende Biedermänner um Wähler werben.

Einige Marburger Studentenverbindungen stehen schon länger im Verdacht, Kontakte in solche Kreise zu pflegen. In dieses Bild scheint ein Handbuch der „Rheinfranken“ zu passen, das noch vor einigen Jahren in Gebrauch war. Darin ist unter anderem – wie die Burschenschaft nicht grundsätzlich bestreitet – ein Kapitel mit klar antisemitischen Aussagen zu finden.

Gegen solche menschenfeindliche Haltungen sollte ­jeder Flagge zeigen, auch in Marburg. Wirksam kann man dies aber nur tun, indem man für Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltlosigkeit eintritt. Und zwar immer und überall, gerade auch im Umgang mit Gegnern.

Die anonymen Verfasser eines Blogs über die „Rheinfranken“ bewirken indes das Gegenteil. Wer Menschen mit offenbar gestohlenen Adressen und Fotos an den Pranger stellt, missachtet die unantastbare Menschenwürde. Sie muss auch für Burschenschafter gelten. Die indirekte Anregung zur Selbstjustiz verhöhnt den Rechtsstaat. Auch hier heiligt nicht der Zweck die Mittel –, sondern, wie Erich Kästner geschrieben hat: „Die Mittel entheiligen den Zweck.“

von Stefan Dietrich

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